Dschungelcamp, Tag 5 Gnade für Larissa!

Im Dschungelcamp verschieben sich allmählich die Wahrnehmungen: Wer ist eigentlich normal, wer ballaballa? Nominiert als beste Neben-Nebenrolle: Hausbursche Engelbert.

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Business as usual bei "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!": Sie bockt, sie schmollt, sie zetert. Natürlich könnte man sagen: Larissa ist verrückt - einerseits. Am fünften Camp-Tag aber erhärtet sich andererseits ganz gewaltig der Verdacht, Larissa sei nur Teil eines postmodernen Experiments. Bei dem ein Kandidat als offensichtlich plemplem präsentiert wird, um davon abzulenken, dass die vermeintlich Normalen in Wirklichkeit viel durchgedrehter sind.

Achtung, Eierkopf-Theorie! So wie Disneyland nach Ansicht des Philosophen Jean Baudrillard nur darum als scheinbare Phantasiewelt gebaut wurde, damit man die vermeintlich echte Welt für real hält. Eine plakativ Verrückte als Tarnung für den echten Irren, darum geht es.

Larissa nämlich geht als völlig normal durch, als eventuell leicht kapriziöse, aber grundverständige Person, bei der man sofort Bausparverträge abschließen und den Lieblingswelpen in Obhut geben würde - wenn man sie mit Michael Wendler vergleicht. Während der Schlagergockel im Camp zwar durch beständige Heißluftpumperei kolossal nervte, sind seit seinem freiwilligen Auszug am Vortag nun offensichtlich alle Dämme gebrochen. Mehrere Fragen tun sich auf.

Wie verrückt ist der Wendler? Sehr. Fassungslos verfolgte man seine ersten Schritte in der Freiheit, hörte, wie er im Egowahn davon schwadronierte, dass er "hundertprozentig" Dschungelkönig geworden wäre. "Ich habe so ein bisschen meine Seele gewaschen", beschied Wendler weiter, salbaderte von "Grenzwalking", schaufelte im Hotel pfundweise Essen in sich hinein und sang schließlich in einer weißen Liegenlandschaft selbstvergessen vor sich hin, als wäre er bereits in die Nervenklinik aus der Raffaello-Werbung eingeliefert worden: "Meine Zeit im Dschungel, sie war doch schön!", lalala!

Hat er keine Freunde, die ihn jetzt auffangen? Au contraire! Wendlers sogenannter Freund Frankie, der im Hotel auf ihn wartete, qualifizierte sich aus dem Stand als Favorit auf den Titel "Natter des Jahres", indem er den Wendler tüchtig einseifte und behauptete, ganz Deutschland sei nach seinem fulminanten Dschungel-Auftritt komplett verknallt in ihn: "Sogar das RTL-Nachtjournal hat über dich berichtet! Du hast alle auf deine Seite gebracht, auch alle Anti-Wendlers! Du bist beliebt! Du weißt, das ist etwas ganz Besonderes bei dir!"

Angeschmiert, mit Butter lackiert! Der Wendler strahlte und glänzte dann auch wie mit Schmalz überzogen. Er ahnte nicht, dass seine verlassenen Dschungelkameraden derweil respektlos im Camp die Würfel um seine zurückgelassenen Klamotten warfen wie seinerzeit die Wachleute um die Gewänder des Heilands.

Das kann er doch nicht ernsthaft glauben, oder? Aber ja. Ergebnis: Der Wendler wär' gern Pendler. Und zöge am liebsten auf der Stelle - die hastig verschlungenen Fleischbatzen noch nicht mal verdaut - wieder ins Camp ein: "Es wäre eine Riesensensation, ich glaube, es wissen alle. Eine Riesensensation für Deutschland." 50 Shades of Fassungslosigkeit.

Die Lehre aus dieser Darbietung: Larissa muss dringend rehabilitiert werden, und zwar in folgenden Punkten:

1. Menschlichkeit. Larissa mag mitunter leicht vertrottelt wirken und zum Trotz neigen - im Gegensatz zu manchen Mitcampern ist sie aber nicht verletzend oder grob. Namentlich Melanie, die sich im Kasernenhofton als Busengeneral gerierte ("Reiß dich mal zusammen, Mensch-duuu!") und Winfried als schimmlig-mürrischer alter Mann taten sich in den vergangenen Tagen nicht eben durch angenehmes Sozialverhalten hervor. Gefiel Winfried beim Wendler-Exodus noch durch Klartext (Wendler: "Ich habe dich echt ein bisschen lieb gewonnen! - Winfried: "Ich dich nicht.") bepöbelte er Larissa nach deren mangelhaft absolvierten Dschungelprüfung wie eine geifernde alte Vettel. Den Blechnapf noch in der bebenden Hand, übersprühte er sie mit im Furor herausgeschleuderten Essensbröckchen.

2. Contenance. Während Melanie bei der gemeinsamen Prüfung eilfertig und unappetitlich streberhaft alles wegschluckte, ohne mit der Wimper zu zucken - Mehlwurmpampe, pürierte Kotzfrucht, Emuleber-Blutbrei - bewahrte Larissa Würde und hielt es klassisch mit Bartleby, dem Schreiber: "Ich möchte lieber nicht." Pürierter Anus vom Buschschwein? "Ich trink das Arschloch nicht", beschied Larissa, während Melanie sich noch gefallsüchtig die Lippen leckte. Wer ist hier bekloppt und wer normal?

3. Weltläufigkeit: Larissa bringt mondänes Gutsherrengepränge ins doch eher provinziell müffelnde Lager und erzählt von daheim, namentlich von "unserem Hausburschen, dem Engelbert", dessen zahme Vogelspinne sie bei Prä-Dschungel-Desensibilisierungsübungen versehentlich ihrer Großmutter in die Omafrisur geschleudert hatte. Hausbursche! Engelbert! Man möchte sich vor Begeisterung sofort in Melange suhlen. Felix Austria!

4. Poesie: "Ich esse keinen Schmetterling", sprach Larissa. Mehr Emo wird es nicht mehr im Elendscamp. Zum Undank muss sie heute schon wieder in die Dschungelprüfung, immerhin zusammen mit Mecker-Winfried. Ernsthaft: bitte nicht mehr wiederwählen.

Der Wendler-Song zum Tage: Ist der Ruf erst ruiniert. "Denn ist der Ruf erst ruiniert / lebt es sich echt ungeniert / Keiner will mehr von dir was / und alles macht noch viel mehr Spaß / Denn ist der Ruf erst ruiniert / lebt es sich echt ungeniert / Und lacht man auch bis Afrika / da steh ich drüber ist doch klar."

Das sind die Kandidaten der neuen Staffel
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Die Tobsuchtsanfälle der österreichischen Politikertochter Larissa Marolt gehörten zu den Highlights der achten Staffel von "Germany's Next Top Model". Nach Gastauftritten in Daily- und Doku-Soaps und einer Telenovela-Nebenrolle ist sie nun im Dschungelcamp gelandet. Der Anfang einer TV-Karriere? Oder vielleicht doch eher das Ende?

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Michael Wendler, unter Schlagerfans auch als "Der Wendler" bekannt, steht im wirklichen Leben für eine gruselige, aber leidlich populäre Mischung aus Schlager und Ballermann-Techno. Der "König des Popschlager", geboren 1972 als Michael Skowronek, will sich im Dschungelcamp von einer ganz anderen Seite zeigen. Was auch immer das heißt. Er hat das Camp mittlerweile schon freiwillig verlassen.

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Die notorische Busenlüfterin Melanie Müller ist ganz offensichtlich als Erotikbombe für das Camp gecastet – und nutzt die Publicity weidlich, um für die Dildo-Shopping-Website zu trommeln, deren Reklamegirl sie ist. Als "Bachelor"-Kandidatin enthüllte sie ihre Vorliebe für die Wurstherstellung und outete sich als Ex-Pornodarstellerin. Eigentlich wissen wir über sie also schon alles, was wir nicht wissen wollten.

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Mit unbewegter Hundemiene schaute Jochen Bendel in den Krawall-TV-Neunzigern in die Kamera, wenn sich in seiner Wörterrateshow "Ruck Zuck" die Kandidatinnen und Kandidaten anschrien. Ein idealer Schlichter im Zickenkrieg?

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Gabriella De Almeida Rinne, einst Sängerin der Popstar-Casting-Girlgroup Queensberry, hat sich pünktlich zum Camp-Beginn für den "Playboy" entkleidet. Die Deutsch-Brasilianerin hat im wahren Leben schon schwerere Prüfungen überstanden als den Verzehr von Würmern: Nach der Scheidung ihrer Eltern lebte sie im Kinderheim – und sie brachte mit 15 Jahren eine Tochter zur Welt. Ausgeschieden.

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Als Viva-Moderator ist der Deutsch-Nigerianer Mola Adebisi unvergessen – seit 2004 schlägt sich der Hobby-Rennfahrer mit einer lustigen Mischung aus gelegentlichen Schauspieljobs, Produzententätigkeit und Webfirmen-Beratung durch. Er könnte im Dschungelcamp zum Mädchen für alles werden. Ausgeschieden.

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Der Modedesigner und Initialenträger Julian F. M. Stoeckel bezeichnet sich als "extrovertierter Jetsetter mit exklusiven Attitüden". Attitüde hin oder her: Im Camp muss er sich zwei Wochen mit Bohnen und Reis zufriedengeben. Ausgeschieden.

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Das Comedy-Format "RTL Samstag Nacht" machte Tanja Schumann in den Neunzigern bekannt. Jetzt darf die Ex-Komödiantin im Dschungelcamp die Muttchen-Rolle übernehmen.

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Der österreichische Sänger Marco Angelini ist ein echter Castingshow-Veteran: Der 29-Jährige war schon bei "Helden von morgen", "Starmania" und "X Factor". Zuletzt übernahm er bei der 8. Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" im Jahre 2011 den Part des rehäugigen Langweilers – und belegte den 4. Platz.

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Ex-Schlagersängergattin Corinna Drews – verheiratet mit Jürgen Drews zwischen 1981 und 1984 - zog schon blank, als Larissa noch in den Windeln lag – sowohl in Klassikern wie "Kir Royal" als auch in der Bumskomödie "Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon" (1981). Ausgeschieden.

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Da hat das Feuilleton aber aufgeheult: Ausgerechnet Winfried Glatzeder geht ins Camp! Der "Belmondo des Osten", mit der "Legende von Paul und Paula" (1973) zum subversiven Star der DDR geworden und später als "Tatort"-Ermittler auch nicht unterbeschäftigt - hat der Mann das nötig? Er scheint in Sachen Trash ein dickes Fell zu haben.

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Nach dem tragischen Tod von Dirk Bach am 1. Oktober 2012 hat der Comedy-Brillenträger und Schwiegermuttertraum Daniel Hartwich die Moderatorenrolle an der Seite von Sonja Zietlow übernommen.

insgesamt 207 Beiträge
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Seite 1
Ty Coon, 22.01.2014
1.
Anja Rützel ist ein Name, den man sich wohl merken sollte. Damit will ich Arno Frank nicht herabwürdigen, der ebenfalls sehr gute Arbeit leistet, aber hier schreibt die heimliche Dschungelkönigin. :)
mac4ever2 22.01.2014
2. Das einzig Interessante...
...an diesem Programm sind die sensationellen Einschaltquoten. Ich verstehe das einfach nicjt, denn immmer, wenn ich mal eingewchaltet habe, habe ich wchnell wieder abgeschaltet. Wer will denn sehen, wenn sich (mir unbekannte) Menschen ekligen Glibber in den Nacken schütten lassen? Solcherlei Schwachsinn habe ich immer nur maximal 10 Minuten ausgehalten. Den Erfolg von "The Voice" habe idh verstanden, ich war sogar diesmal mit der Platzierung durch die Zusachauer einverstanden. Aber was das Massenpublikum zum Dschungelcanp zieht, ist mir vollkommen unverständlich.
ego66 22.01.2014
3. Sehr gut getroffen
Kann eigentlich nur komplett zustimmen. Wer sich wie Melanie den Ekelfraß mit Begeisterung rein würgt, ist schon ziemlich tief gesunken. Respekt für die Weigerung von Larissa!
unterwegs 22.01.2014
4. Wer ist hier bekloppt?
Herzerfrischender Beitrag der es auf den Punkt bringt! Die vermeintlich verrückte Larissa scheint die einzige "Normale" zu sein!
pfalzgraf 22.01.2014
5. Was ist daran "Kultur"?
Interessant, dass über das sog. "Dschungelcamp" im Kulturteil einer Zeitung berichtet wird. Ich erinnere an die Artikel zu Hitzelsbergers Coming-out und die dazugehörigen Kommentare in der Art "was geht mich das an?", "Halleluja, gibt es in Deutschland keine wichtigere Themen?" oder "soll er doch". Sein Coming-out hatte allerdings weniger mit seiner Person zu tun, als vielmehr die Benennung eines grundsätzlichen Problems. Aber was ist das Dschungel-Camp? Eine Quatsch-Orgie längst vergessener Alt-Stars? Oder steckt da ein tieferer Hintersinn dahinter - ich kann keinen erkennen. Eher handelt es sich wie bei "Deutschland sucht den Superstar", "Big Brother" oder "Germanys next Top Model" um künstlich konstruierte Ereignisse, die dann künstlich zu Nachrichten stilisiert werden, so als würde man einen frisch gestrichenen Pfahl mit der Aufschrift "frisch gestrichen" in eine Wiese rammen, dessen einziger Zweck es wäre, eben dieses Schild zu halten. Sollen sich doch die Teilnehmer zum Affen machen, wenn es ihnen Spaß macht. An dieser Stelle fehlen die zuvor erwähnten Kommentare von neulich: "Ich möchte von solchen Trash-News nicht belästigt werden."
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