Dschungelcamp Tag 3 David gegen Hohliath
Entschuldigung, aber wie heißt das denn hier noch mal? Diese, Dings, hier, diese Veranstaltung? Dschungelcamp? Na dann ist ja gut. Man kann schon kurz mal durcheinanderkommen, denn im Camp wurde ein lustig durcheinandergespießtes Gefühlsschaschlik serviert. Wie das halt immer so ist, wenn man sich langsam schon ein bisschen besser kennt und dann zum ersten Mal kurz mit einer tranig flackernden Funzel in die tiefen, tiefen Abgründe des anderen leuchten darf. Die Emo-Brocken im Überblick:
Zuneigung
Nooa, Menderes! War der Dauer-DSDSler schon in den ersten Tagen durch ausgesuchte Höflichkeit und Dezenz sehr positiv aufgefallen, wallte nun beim Zuschauer endgültig heiße Zuneigung für ihn auf wie blubbernder Pudding kurz vorm Überkochen. Echte, reine Puppy-Love spürte man für den welpig tapsenden, monchichihaft dreinblickenden Menderes, als der davon erzählte, sich im Camp viel wohler zu fühlen als in Deutschland. Wo er so oft ausgelacht werde, wo man ihm nichts zutraue: "Ich brauch auch mal so'n bisschen Balsam für die Seele." In seiner Familie habe er den nie bekommen, "und dann wirst du diese Zuneigung dein ganzes Leben lang vermissen".
Gut möglich, dass wir hier schon den künftigen Dschungelkönig sehen, und das würde man dem Armen auch gerade herzlich gönnen. Was viele Camp-Bekrittler ja oft vergessen: Natürlich werden hier Menschen vorgeführt - aber eben nicht nur im Schlechten, sondern potenziell immer auch im Guten. Und in gleichem Maße, wie man als Zuschauer bereit ist, einzelne Camper herzlich zu hassen, ist man auch bereit, sie in kindlicher Liebe an sein Gaffherz zu raffen.
Menderes war nicht der Einzige, der gestern schon mal anfing, den mitgeschleppten Gefühlsballast auszupacken. Gunter machte emotionalen Kassensturz und zählte kurz sein Kleingeld durch: "Mein Leben ist ja eigentlich eine einzige Katastrophe." Und Thorsten sprach über seine traurige Kindheit und Jugend mit einem Vater, der ihn missbrauchte und die Mutter prügelte. Vielleicht hat das Camp da wirklich, ganz unzynisch gemeint, die richtigen zusammengeführt. Bleibt nur ein bisschen Angst, dass Thorsten Menderes beim freundlich gemeinten Liebkosen so von-Menschen-und-Mäusen-mäßig versehentlich das Genick bricht.
Nostalgie
Auch wenn dieses Camp bislang die vorsichtigen Erwartungen weit übertrifft, trägt man als treuer Dschungelfreund ja immer noch die goldenen Momente vergangener Staffeln im Herzen. Und wird natürlich nostalgisch, wenn die neuen Ereignisse es erlauben, kurz die wegverstauten Schätze wieder vorzukramen - im gestrigen Fall Mola Adebisis legendäres Gemma-gemma-GEMMA-Prüfungstourette.
Der Anlass: Helena und David wurden bei ihrer Dschungelprüfung in Ekelsärge verräumt, in denen sie dann aus allerhand Getier und Schmodder die obligatorischen Sterne retten mussten. Während die Fürstin in der typischen stummen Verachtung des Hochadels hantierte, redete sich David in Rage: "Was ist das hier, Alter, he, was war da? Bitte mach nix, ey, EY, das zwickt, mach was, Alter, mach kein Scheiß, ey, die sind hier so komisch dranne, is schon krass Alter, ich schwöre, aber is spannend hier, okay, warte, das sind Spinnen, das sind Spinnen, das sind SPINNEN, ich mag Grillen, die machen Musik, nicht stechen, Leute, WO-IST-MAGNET?"
Während die abermals unterlegene Helena nach der Prüfung spuckend und speuzend die Fischsuppendepots in ihren Backentaschen leerte, faselte David weiter von seiner Begegnung mit den Ratten, sodass man daheim gleich auch noch in einen Joey-Heindle-Nostalgieflash fiel: "Die haben wahrscheinlich mit ihren Krallen getastet, wer da ist, mit ihren Dingern da, wie so welche Haare. Wie Hamster, ey."
Rührung
Erst stellte Rolf Jürgen im Dschungeltelefon unter akuten Flatulenzverdacht ("Jürgen hast du gerade eine Bohne weggeschossen?"), dann präsentierte sich der passionierte Lappenturbanträger als putziger Wirr-Greis: "Wie heißt das noch mal?", wollte er von Jürgen wissen, "die Veranstaltung hier?" Die Vorstellung, dass Rolf nun schon seit Tagen grübelt, wo er hier noch mal genau gelandet ist, puschelt kurz mal durch die schwarze Dschungel-Gucker-Seele.
Rührend auch, wie Rolf Thorsten liebevoll zauste, als der von seinem Vater erzählte: "Ach Mensch, Kleener, komm mal her!", raunte er und bot an, ihm hilfreiche Meditationstechniken zu zeigen. "Und ich, ich bin da auch dabei, oder?", fragte Monchichi Menderes dann so niedlich, dass man zu Hause hach'te und ach'te und diese Kurseinheit schon überhaupt nicht mehr erwarten kann.
Fassungslosigkeit
Nach verschiedenen Dummbatz-Einlassungen von David ("Das stelle ich mir voll schwer vor, ey, verbrannt zu sein") glaubte man schon, die kurze Roomtour in seinem Oberstübchen sei bereits abgedreht. Doch er legte gestern so gewaltig nach, dass man daheim mit offenem Mund kurz das Chipsmalmen vergaß. Vor allem seine kurze Lektion über Tauben war voller neuer Erkenntnisse, sei es über deren ungebührliches Betragen in der Stadt ("Sie sorgen für kein ökologisches Gleichgewicht, wegen ihrer schlechten Ernährung und ihren Durchfällen."). Sei es über ihre Abstammung: "Ich finde Vögel unsympathisch, ich finde, die sind wie Dinosaurier, und die haben ja viel Scheiß gebaut, und darum sind sie vernichtet worden." Doktor Ortega in die Hirnfrostung, Doktor Ortega bitte!
Erhellenderweise lieferte er jedoch gleich auch eine Erklärung für seine unkonventionelle Denkweise: "Wenn du dich auf etwas konzentrierst, kannst du nicht links und rechts einen Gedanken fassen. Du denkst an Banane oder an Topf, aber deine Weisheit kann nur einen Weg gehen." Hobby-Freudianern klingeln da natürlich direkt die Ohren, spielt der multi-interessierte künftige Burgerbuden-Mogul hier etwa auf frühkindliche Entwicklungsstadien an? "Banane" gleich oral, "Topf" gleich anal? Ach nein, vermutlich schauen wir einfach nur beim Kampf von David gegen seinen inneren Hohliath zu. "Der hat auch Defizite, der Spanier", sagte Gunter dazu. Das klingt natürlich hart. Nennen wir Davids gimpelhafte Einlassungen doch im Höllenda-Style einfach "Defis", das klingt gleich halb so schlimm.
Hoffnung
Wenn man sich für einen kurzen Moment vorstellt, dass Davids sensationelles Gedankenhack nur gespielt sein könnte, weil er in Wahrheit doch ein echter Schauspieler ist, dass zum Beispiel die Dino-Vogel-Schote zusammen mit Freunden in einer Schnapslaune bei ein paar Pfeffi und Disco-Schorlen ausgedacht wurde, und dass er diese Schelmerei bald lachend und in zusammenhängenden, klassisch als Sätze zu erkennenden Worten enttarnen würde - wenn diese Möglichkeit denkbar wäre, dann könnte man endlich wieder ALLES für möglich halten in dieser entzauberten Welt. Alter, das wäre krass. Nicht zwicken, ey!
Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL u.a. im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.