"Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein" Joey und der Hodenschwund

Man schaltet ein für den Zoff und bleibt für die Rührung: Statt Catfight zwischen Georgina und Fiona bot der Sommerdschungel an Tag sieben eine Überdosis Welpencharme - Joey Heindle, der Wortezauberer, ist zurück.

Joey Heindle (Archivbild): Jeder Satz ein möglicher Tweet
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Joey Heindle (Archivbild): Jeder Satz ein möglicher Tweet

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Manchmal vergisst man, dass das Dschungelcamp in seinen weichgespültesten Momenten auch ein bisschen humanistisch drauf ist. Nicht immer zwar, aber doch von Zeit zu Zeit gewinnen am Ende nicht die Abgezocktesten, nicht die Lautesten, nicht die Kraftmeierischsten, sondern diejenigen Kandidaten, die am meisten einem Cockerspanielwelpen mit extragroßen Pfoten ähneln. Tapsige Semiprominenz, der man es gönnen würde, wenn ihnen die Dschungelkrone irgendwie weiterhelfen könnte im Leben. Und für etwa zehn Minuten glaubt man wirklich, dass so etwas möglich ist.

Tag sieben im Sommercamp erinnerte an einen solchen Riesenwelpen, vielleicht den drolligsten, den das Camp je beherbergte: Joey Heindle kämpfte mit und gegen (bei IBES weiß man das nie so genau) Fiona Erdmann und Georgina Bülowius für einen möglichen Wiedereinzug in den Dschungel.

Und während man im Vorfeld noch eine gediegene Keifschlacht der beiden Camp-Kneifzangen erwartete, stahl ihnen am Ende der ungelenk plappernde Heindle Show und Sieg.

Im australischen Dschungel fiel er vor allem durch treuherzige Über-Naivität und verquere Sprichwortverdrehungen auf, verwechselte Einlauf mit Eintopf und "kämpfte um jeden Satz wie der junge Boris Becker", wie Daniel Hartwich es nun im Sommercamp formulierte. Vielleicht hat man auch deshalb Mitleid mit ihm, weil Joey Heindle eines dieser Fernsehmündel ist, das von einem Sender noch ganz und gar unfertig ins Licht geschubst wurde und dann mit zusammengekniffenen Augen nicht mehr recht wieder rausfindet.

"Geile Hochhäuser"

Joey wurde nicht im Schilf ausgesetzt, sondern im RTL-Sumpf, als 18-jähriger, von der Jury dauergedisster Kandidat von "Deutschland sucht den Superstar", dessen unglückliche Kindheit der Sendung gerade recht kam, als sie neben dem Sangeswettstreit ihren Schluchz- und Schutzgeschichten-Anteil ausbaute. Bei DSDS reichte es für ihn nur für Platz fünf, dafür wurde Heindle zum gern geladenen Schusselgast im Frühstücksfernsehen. Ein Kasperle Hauser, das sich durch das Dschungelcamp weinte und zauderte - und es am Ende doch noch gewann.

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Dschungelcamp im Sommer: Die Wiederholungscamper
Bei "Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein" knüpfte Heindle gestern schließlich nahtlos an seine größten Stammelerfolge an: Jeder Satz ein möglicher Tweet. Eingebildete Kranke nannte er "Hyporonter", "Mathematik ist immer was Besonderes", fiel ihm bei einer Rechenprüfung der Kandidaten auf, "die Mathematik sieht man ja ganz selten im Leben." Das klingt wie ein lustiger Pennälerspruch, ist aber gar nicht mehr so ulkig, wenn man eben noch irgendwo gelesen hat, dass Heindle aktuell eine Zwangsvollstreckung wegen nicht gezahlter Managerprovision droht.

Dieses Mal waren die Dschungel-Wiedereinzugswilligen auf Mission in Frankfurt, kündigen die Moderatoren an. "Ich wusste gar nicht", setzt Joey an - "dass es Frankfurt gibt", wird er gleich den Satz vollenden, so wappnet man sich schon mal beim Zusehen für einen echten Secondhand-Scham-Moment. Aber nein, er lobt dann doch nur die "geilen Hochhäuser" und klatscht dann wieder für seine "Kokkurenten", wie ein eifriges Duracell-Häschen sitzt er da auf dem Studiosofa. In kindlicher Neugier erkundigte er sich bei Fiona Erdmann, wie ihre Mitcamperin Olivia Jones das damals im Camp gemacht habe, "dass man ihren Sack nicht gesehen hat?" "Du kannst deine Hoden richtig tief reindrücken", erklärt sie, worauf er sich windet und graust, wie ein Kind im Gruselfilm.

Die Challenge in einem nächtlichen Frankfurter Kaufhaus geriet dann zur sonderbar beklemmenden Metapher, als die Kandidaten in der Lebensmittelabteilung für einen exakt festgelegten Betrag einkaufen mussten. Heindle verwechselte Bier mit Bio und rannte komplett überfordert durch die Gänge: "Ich hol den ganzen Käse!", trumpfte er schließlich auf - ein Motto, das er sich gut auch als möglichen Biografietitel notieren könnte.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.



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kopi4 07.08.2015
1. Ibes
DSDS,GZSZ,WWM und jetzt IBES: RTL frönt fröhlich weiter dem Ritual der Abkürzungen. Langatmige Titel gab und gibt es auch bei anderen Sendern, auf die Idee diese dann unter den Anfangsbuchstaben zu vermarkten kommen die aber eher selten.AXYU,HBTHUS,DASD sind mir noch nicht untergekommen.Dabei gab es doch,im Vorabendprogramm der sechziger,sperrige Titel genug. GYGSDE und DMMDFJW zum Beispiel.
PeterPan95 07.08.2015
2.
Mein Beileid Frau Rützel, dass Sie sich diese Art Sendungen regelmäßig antun müssen. Wäre das nicht auch einen Beitrag wert für Ihre Rubrik "15 Jobs, die schlimmer sind als Ihr eigener"?
voiceecho 07.08.2015
3. Wer will so etwas sehen?
Ich frage mich immer wieder, wie die "Senderverantwortliche" auf die Idee kommen, dass irgendjemand so etwas tatsächlich sehen möchte?! Entweder die haben gar keinen Plan oder die Abteilung "Research" macht ihre Umfragen auf dem Mond?!
ffmfrankfurt 07.08.2015
4.
Dieser Joey kann einem einfach nur leid tun. Erschütternd finde ich dann immer für mich ganz persönlich, dass so jemand wählen darf, und unsere Staatsgeschicke damit mitlenken darf…
hschmitter 07.08.2015
5.
Als Vorauswahl für eine ABM ein interessantes Sendekonzept. Nur die, die bestimmte Fähigkeiten haben, erreichen das Ziel - ABM im Januar. Es reicht halt nicht aus, eine alte Perücke von Mooshammer aufzutragen (Costa), die Dinger wieder aufzuömmeln (Micaela), orientierungslos im Feld zu stehen (Naddel) oder mit etwas zu prahlen, was auch ausgepackt kaum sichtbar ist (Matthieu)
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