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26. Januar 2016, 07:09 Uhr

Dschungelcamp Tag 11

"Das ist ja nur Schwabbelfleisch"

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Joah. Nett hier. Bisschen fad aber auch, gell? Nach dem Auszug von Ricky ist das Camp zwar ruhiger, aber deutlich abgeschlaffter. Und wir sind selbst schuld daran.

Die drängendste Post-Camp-Problematik ist seit gestern gelöst: Welchen Song Menderes wohl nach seinem Dschungelkönigsieg als Single aufnehmen wird? Völlig klar, seit er bei seiner gemeinsam mit der immer rätselhafteren Nathalie absolvierten Dschungelprüfung gestern wieder derart freundlich und ausgesucht höflich auftrat, dass nur eine Coverversion des ebenfalls hochservilen Kirchenliedes "Danke für diesen guten Morgen" infrage kommt. Ein eilig hingeworfener Strophenvorschlag:

Danke für jede Madendusche, // Danke für jedes Schlonzebad. // Danke für Nathalie, die Lusche // (ob sie echt Abi hat?).

Letztere Frage stellte Menderes seiner Mitkombattantin mehrfach und ehrlich interessiert, als sie bei der gemeinsamen Prüfung (zusammen mit 80.000 Krabbelviechern in einer riesigen rotierenden Lostrommel Fragen beantworten) nicht wusste, wie viele Buchstaben das deutsche Alphabet hat und auch bei den restlichen Fragen stumm und starr wie ein Steckerlfisch in ihrer angeschnallten Pose verharrte.

Sie ist ein rätselhaft apathisches Wesen, diese Nathalie, noch nicht einmal zu minimaler Lagerniedertracht scheint sie fähig, was eine echte Verschwendung ist, weil man ihr sonst zumindest den lustigen Namen Natterlie geben könnte. Doch Ricky, die Schlange wider Willen, hat das Camp ja bereits verlassen. Warum ist Nathalie nun also, wie sie ist? Drei Theorien, die zugegebenermaßen erstmal leicht unrealistisch klingen, bei fortschreitender Betrachtung von Frau Hülle aber zunehmend an Plausibilität gewinnen.

Erstens: Steht Nathalie eventuell unter Fernhypnose eines entzürnten Supermagiers? Ist das Ex-Camper Vincent Ravens späte Rache?

Zweitens: Ist das, was wir für Nathalie halten, nur die übrig gebliebene Umverpackung der von alienmäßigen Körperfressern ausgelöffelten Echt-Nathalie?

Oder ist sie drittens ein Pilotprojekt unserer verschlagenen Regierung, die mit diesem State-of-the-Art Schminkiroboter (mit extra kleinen, lebensechten Gesichtsporen) testen will, wie weit es in der Bevölkerung mit der unterbewussten Akzeptanz von Menschmaschinen schon her ist?

"Kassalle und Liebe"? Nee

Simpler zu begreifen war gottlob die gemeinsame Schatzsuche von Thorsten und Helena: Sie erinnerte aufgrund ihres Balken-Arrangements erst mal an die Stackseschritt-Balanceübung in "Dirty Dancing". Doch wer da hoffte, die gemeinsame Bewährungsprobe könnte zu einer Neuinszenierung des Dramaklassikers "Kassalle und Liebe" werden, wurde sehr schnell enttäuscht: Keinerlei Feeling kam auf, als die beiden gegeneinander gelehnt - als sei die Prüfung ein etwas provinzieller Crashkurs in vertrauensbildenden Maßnahmen für mittelständische Führungskräfte - auf den Planken herumturnten.

Als Helena (die Thorsten, einer interessanten Assoziation folgend, versehentlich "Hannelore" nannte) nicht mehr konnte, erlitt ihr Schatzsuchkollege einen Rückfall in alte "Furzfrau"-Zeiten: "Da ist ja kein Gramm Muskeln an dem Viech dran, das ist ja nur Schwabbelfleisch."

Bei aller generellen und nur schwer erschütterbaren Dschungelliebe: Tag 11 war schon eine eher langweilige Vorstellung, was man schon daran ablesen konnte, dass eine Spinnenfangaktion mittels umgestülpter Tasse so ausführlich gezeigt wurde, als sei man mitten in einen isländischen Autorenfilm geraten, der sich noch Zeit für die Bilder nimmt. Nicht einmal einen desaströsen Auszug gab es, weil infolge der freiwilligen Auszüge von Rolf und Gunter noch Kandidaten-Puffer da war.

Selbst Schuld

Warum das so furios gestartete Camp nun doch auf der Zielgeraden eher fad zu werden droht? Weil wir es alle so haben wollten. Den überraschenden Auszug von Ricky nämlich kann man laienpsychologisch auch so deuten: Der Dschungel dient den Zuschauern in seinem zehnten Jahr mehr denn je als schöner, ablenkender Nebenschau- oder Ersatzkampfplatz zur überfordernden Alltagsrealität.

Aber statt dort zumindest im Kleinen, in einer putzigen Miniaturversion die zwischenmenschlichen und Gruppenspannungen auszuhalten, die die reale Welt mitunter so anstrengend machen, können die Zuschauer einfach der Versuchung nicht widerstehen, sich einen möglichst konfliktfreien Dschungel zu bauen. Abweichler, die zwar Unruhe, aber eben auch Spannung bringen, werden nicht mit Anrufen belohnt, sondern nach Hause geschickt.

Leicht beleidigt könnte man sagen: Jeder bekommt das Dschungelcamp, das er sich selbst baut. An Tag 11 zumindest konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, dass bei diesem personellen Ausgangsmaterial viel mehr drin gewesen wäre. Wirkliche Spannung ist schon darum nicht mehr spürbar, weil Menderes der Sieg kaum noch zu nehmen sein dürfte. Er sei ihm von Herzen gegönnt - alleine schon, weil sein im Dschungel immer weiter zu schrumpfen scheinender Kopf unter dem vergleichsweise riesigen Camperhut immer mehr an Pharrell Williams und dessen bienenkorbgroße Kopfbedeckung erinnert.

Was wäre, wenn...

Interessanter wäre das Camp, wenn die Zuschauer es durch geschicktere Verbleibeanrufe zunächst vom abpolsternden Personalschaumstoff und dramaturgischem Dämmmaterial entkernt hätten. Wäre beispielsweise Nathalie geflogen statt David, wäre jener von seiner testosteronbedingten Ablenkung befreit worden und hätte sich endlich wieder vollumfänglich der Wissenschaft, dieser grausamen Geliebten, widmen können. All sein heißes Blut hätte exklusiv in seinem beautiful mind pulsieren können und zweifellos dort viele tolle Lehrsätze produziert - im Schatten junger Mädchenblüte denkt es sich nun mal nicht gut.

Und hätte man, nur mal als Denkfigur, etwa Jürgen geopfert, dem zwar durchaus noch ein formidabler Ausraster zuzutrauen wäre, und somit dem interessanten Beobachtungsobjekt Ricky seinen engsten, womöglich einzigen Verbündeten geraubt - das Geschrei wäre gestern groß gewesen.

Doch freilich war auch so nicht alles schlecht. Brigitte lieferte beispielsweise eine lohnend scheinende Produktidee. "Ich habe das Gesicht von Thorsten gesehen, und es sah böse aus", sagte sie im Dschungeltelefon: "Intense". Wenn das mal nicht DER Name für Thorstens eigene Duft- und Pflegelinie ist: "Intense - l'air de Kasalla". Es werden auch nach dieser Staffel die meisten Camper sehen müssen, wo sie bleiben. Bitte großzügig aufsprühen.

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