Dschungelcamp, Tag 8 Larissa muss gewinnen!
Die kleinen Mädchen plappern weiter über Genitalien, als ob nichts wäre, doch es ist nicht mehr zu leugnen: Die achte Staffel von "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" ist zur Hälfte vorbei und schwenkt behäbig auf die Zielgerade ein. Zeit für ein kleines Zwischenfazit.
Ist das die beste Staffel ever, ever u.s.w.?
Zumindest hat sie das Potential dazu. Sie ist unbestritten die beste Neuauflage seit 2011, der goldenen Generation um Peer Kusmagk und Sarah Dingens. Diese achte Staffel ist so gut, weil sie ungewöhnlich dynamisch ist und über die simple Promizoo-Höhö-Gafferei hinausgeht: Das hier ist Verunsicherungsfernsehen, weil man sich als Zuschauer nie auf das Bild verlassen kann, das man sich gestern noch von diesem oder jenem Kandidaten gemacht hat - morgen kann alles schon ganz anders sein.
Empörte man sich am ersten Tag noch mit feinem "Vorsicht, Falle!"-Grusel mit dem sympathischen Kleinsparer Mola, der offenbar von Schlagerschurke Wendler um sein Geld gebracht wurde, sieht man den Fall eine Woche später bereits ganz anders - nun, da sich das vermeintliche Opfer selbst als ausgemachtes Watschengesicht enttarnt hat.
Und während Larissas anfängliche Kaspar-Hauser-Moves ("Wie, der Dschungel ist ECHT?") durchaus Nervpotential hatten, rühren genau diese wildnaiven Züge nun unsere Herzen - auch nachträglich: Eigentlich doch ganz goldig, wie sie bei der vermasselten Dschungelprüfung in der Ekellimousine ihren Mitcampern als Sterne-Ersatz ein paar Batzen Gammelfleisch aus dem Schauder-Kofferraum mitbringen wollte!
Bekanntlich hält man ja nur jene Menschen für normal, die man noch nicht so gut kennt. Diese Staffel macht in einem fort misstrauisch gegen das eigene Urteil - bei all dem vorhersehbaren Plunder, der sonst so im Fernsehen kommt, ist das ungewohnt und großartig.
Taugt das Camp noch als Soziallabor?
Unbedingt. Hobbysoziologen frohlocken in ihren Ohrensesseln: Wie rotten Menschen sich als vermeintlich stabile Gruppe zusammen, indem sie sich ein gemeinsames Feindbild zimmern? Wie wird ein Mensch dafür bestraft, anders zu sein? Und wie passt sich dieser Ausgegrenzte schließlich den Zuschreibungen an - und wird zu dem, für den die anderen ihn halten? Das ist fast schon maxfrischesker Stoff.
Und dieser Stoff packt auch den Zuschauer an den Emotionen: Wie die anderen über Larissa stets in der dritten Person sprechen, obwohl sie direkt daneben sitzt, als sei sie schlichtweg schwachsinnig! Wie Mola und Melanie sich als superstrenge Grausam-Eltern gebärden, die einer erwachsenen Frau vorschreiben wollen, wann sie in ihr Bett zu gehen hat! Und der fiese Onkel Winfried, der einen immer zwickt, wenn gerade keiner herschaut, will ihr sogar noch vorschreiben, wann sie sich die Haare waschen darf!
Wenn man glaubt, was im Internet steht, hat sich bei den Zuschauern der Wind für Larissa in den letzten beiden Tagen gedreht: Man spürt plötzlich Mitleid mit der Person, der man zuvor mit gemeinem Behagen die ekelhaftesten Prüfungen an den Hals wünschte. Eine seltene Wendung. Und Markus Lanz sitzt zu Hause und weint heiße Tränen.
Wie gut ist das Casting?
So stark, dass niemand den Wendler vermisst, das designierte Zugpferd dieser Staffel. Natürlich sind einige komatöse Totalausfälle zu beklagen, doch eine Gruppe, die andererseits solch starke Charaktere hat, braucht auch ein bisschen sozialen Polsterschaum. Neben den großen Antagonisten Mola und Larissa gefallen besonders Jochen als Emo-Gschaftlhuber, Julian als putzig-ordinäres Käuzchen und Winfried als geifernder Eiferer (oder eifernder Geiferer, je nachdem). Noch nicht ganz ausgereift ist Melanies Rolle, deren Busengeneral-Barschheit etwas ins Hintertreffen geriet, seit Mola sich als unerträglicher Kontroletti entpuppte. Faszinierend, wie er sich manchmal hulkhaft in Angry Mola verwandelt. Dessen erzieherischer Hundetrainerjargon erinnert manchmal herrlich an Christian Ulmens Figur Alexander von Eich: "Nein, Larissa, NEIN!"
Wer soll gewinnen?
Muss man das noch erwähnen? Natürlich Larissa. Bei aller Wirrheit - es ist total unerheblich, ob das nun "echt" ist oder nicht -: Bislang hat sie sich als die menschlichste Camperin erwiesen. Allein die Nonchalance, mit der sie sich Molas Lügen und Gemeinheiten anhörte! Larissa sagt tolle Sätze ("Sterben können wir nicht, das haben wir vertraglich unterschrieben") und verweigert sich allen als verbindlich akzeptierten Camp-Normen: Sie will eben nicht produktiv sein, etwas leisten, um gemocht zu werden. Statt in Faulfleisch zu wühlen, wäscht sie sich mit Champagner. Sie funktioniert nicht, und das ist herrlich.
Und sie schafft es mehr und mehr, die niedrigen Erwartungen der anderen an sie zu brechen, die sie zeitweilig wie eine selbsterfüllende Prophezeiung umsetzte. Bei ihrer jüngsten Dschungelprüfung mit Mola war sie es, die seinen sinnlosen Krakeelereien klare Anweisungen entgegensetzte. Ausgerechnet sie wollte den lustlosen Schlaffo zum Durchhalten peitschen: "Ich mache das hier seit acht Tagen. Ich leide Schmerzen, jeden einzelnen Tag, aber auf eine Idee bin ich noch nicht gekommen: aufzugeben, bevor es vorbei ist."
Das ist sachlich nicht ganz richtig, aber Schwamm drüber. Zu rührend war ihre Antwort, als die Moderatoren ihr sagten, sie hätten sich nach all den täglichen Zusammentreffen bei den Prüfungen nun schon an sie gewöhnt. Darauf Larissa: "Ich mich aber nicht an mich." Hoffentlich hält sie durch. Diese Scheiß-Natur macht es einem ja nicht leicht.
Was ist eigentlich heute passiert?
Nach neuerlichen urologischen Plaudereien mit Larissa gewinnt Gabby beim Blankbusen-Bullshit-Bingo gegen sich selbst und bemüht beim Plaudern über ihre Nacktbilder für den "Playboy" sämtliche Blabla-Klischees: "Sehr stilvoll" seien die Aufnahmen, und auch die von anderen Blankzieherinnen bei derlei Gelegenheiten schon wundzitierte Greisin darf nicht fehlen: "Dann habe ich was zum Anschauen, wenn ich später mal ne runzlige Oma bin."
Larissa und Mola gaben derweil bei ihrer Dschungelprüfung eine moderne Neuinterpretation des Märchens "Goldmarie und Pechmarie": Während Larissa zumindest außerhalb des Camps mit goldenen Liebesbeweisen überschüttet wurde, bekam der pampige, lustlose und gemeine Mola allerlei Schmodder über den Kopf gegossen.