RTL retuschiert »DSDS« Wendler wird zur Wolke

Nach heftigen Protesten hat RTL seinen Schwurbel-Juror aus den aktuellen Folgen von »Deutschland sucht den Superstar« entfernt – aber so, dass es auch wehtut.
Die drei Juroren Mike Singer (v.l.n.r), Maite Kelly und Dieter Bohlen. Ganz links nicht zu sehen: der ausgeblendete Michael Wendler

Die drei Juroren Mike Singer (v.l.n.r), Maite Kelly und Dieter Bohlen. Ganz links nicht zu sehen: der ausgeblendete Michael Wendler

Foto: RTL

Im ersten Moment könnte man denken, man hätte versehentlich mit frischen, fettigen Reibekuchenfingern auf den Bildschirm gepatscht und dabei einen großflächigen, schmierigen Fleck hinterlassen. So grob retuschierte RTL den ehemaligen »Deutschland sucht den Superstar«-Juroren Michael Wendler aus den Castingfolgen der aktuellen Staffel, nachdem er die Corona-Beschränkungen der Regierung mit einem KZ verglichen hatte – und reichlich Kritik laut wurde, als er in der Auftaktfolge vom vergangenen Dienstag trotzdem mit am Jurytisch saß. Wendler hatte man darin zwar mit schnippischen Kommentaren versehen, er war aber deutlich sichtbar. Denn RTL hatte zuvor ausrichten lassen, es sei aus dramaturgischen und handwerklichen Gründen nicht möglich, ihn komplett aus den Aufnahmen zu entfernen, die im September, also vor der Wendler-Wandlung zum Verschwörungsrauner gefilmt worden waren. 

Auch auf eine klare, einordnende Distanzierung hatte der Sender zunächst verzichtet. Die schob RTL nun in der zweiten Folge nach und ließ eine Offstimme vor Sendungsbeginn und nach jeder Werbepause ein Statement verlesen: Nach Ende der Dreharbeiten habe »ein Juror Verschwörungstheorien verbreitet«, worauf die Zusammenarbeit beendet worden sei. Nachdem »der Juror« pünktlich zur Ausstrahlung der ersten Folge neue »völlig untragbare Äußerungen« nachgelegt habe, hätten man sich entschieden, ihn aus den Castingfolgen herauszuschneiden: »Wir verurteilen jegliche Form von Antisemitismus, Rassismus sowie Diskriminierung auf das Schärfste.«

Wie ein Geist in einem extrem schwachbrüstig budgetiertem Gruselfilm

Wendler wurde nun also zum unaussprechlichen Duweißtschon, dessen Namen man nicht einmal mehr nennt, das ist konsequent. Visuell allerdings ließ man ihn noch durchschimmern, man tilgte ihn in der nachträglichen Bearbeitung und ließ ihn doch sichtbar. Eigentlich, stellt man sich laienhaft vor, hätte man doch vielleicht einfach nur den Bildausschnitt vergrößern müssen, um den am Jurytresen ganz links, also wegschnippeltechnisch sehr günstig sitzenden Wendler aus dem sichtbaren Bereich zu entfernen.

Das tat man auch in vielen Schnitten, die die Jury in der Totalen zeigten, gelegentlich verblendete man Wendler allerdings auch zur eingangs erwähnten verschwommenen Schliere, als sei er ein Geist in einem extrem schwachbrüstig budgetiertem Gruselfilm. Derart schemenhaft aufgelöst, aber als wendlerförmige Wolke eben doch noch identifizierbar, konnte man dann auch noch grob seine Bewegungen erkennen, manchmal ragte ein unverpixeltes Händchen hinüber zu den Hochaufgelösten. 

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Demonstrativ lieblos und sagenhaft trashig

Diese Lösung ist fast schon demonstrativ lieblos und sagenhaft trashig, man kann sie deshalb, wenn man das Konzept Schadenfreude nicht komplett ablehnt, dem hochschäbigen Anlass gemäß und durchaus stimmig finden. Vollends slapstickhaft wurde es, als man an einigen Stellen nicht umhinkam, bei konkreten Kandidatinnen und Kandidaten auch auf Wendlers Juryurteil einzugehen, konkret auf die Frage, ob er sie oder ihn in die nächste Castingrunde schicken möchte: Zu hören ist seine Stimme auch dann nicht, statt dessen wird er von simplen Sprechblasen mit »Ja« oder »Nein« überdeckt, eine fast schon aufdringliche Einladung zur Meme-Bastelei, nicht mehr nur handwerklich, sondern auch stilistisch grob.

Bei einem Kandidaten schließlich konnte endgültig der Verdacht aufkommen, es ginge hier nicht nur um sachliches, zweckmäßiges Editieren, sondern auch um Abstrafung. Erzieher Christian hatte sich bei seinem Auftritt für einen Wendler-Titel entschieden, der dann allerdings, komplett mit dem Namen des Schlagersängers, ausgepiepst wurde.

Die Performance zeigte man trotzdem, wobei Musik und Gesang aber ausgeblendet und von dem bekannten DSDS-Jingle in Dauerschleife überspielt wurden. Eine Bauchbinde erklärte, man wolle eben auch die Musik des Jurors nicht mehr spielen, während Dieter Bohlen zu einem unhörbaren Rumpelbeat ins Leere fistbumpte, und wer Wendlers gockeliges Showgebaren kennt, glaubte an diesem Punkt erahnen zu können, dass ihn diese Lösung vermutlich deutlich mehr grämte, als schlicht nicht vorzukommen. 

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Warum man diese Darbietung nicht einfach komplett herausgeschnitten hatte, zumal sie komplett verzichtbar gewesen sein muss, denn schließlich fuhr der nassforsche Performer dafür vier Jury-Neins ein? Das hätte sich aus Respekt dem Kandidaten gegenüber nicht geziemt, vermeldete RTL, und das ist halbwegs ulkig, wenn es um eine Sendung geht, die bislang nicht unbedingt wegen ihres extrem respektvollen Umgangs mit seinen oft plakativ laienhaften Protagonisten aufgefallen war.

Um dieselbe Sendung und dieselbe Folge, in der Jurymitglied Mike Singer mitten im Scheppgesang einer Kandidatin fragt, ob er kurz auf Toilette gehen könne, und sich Dieter Bohlen bei einer weiteren Teilnehmerin in knappem Schnüroutfit erkundigt, wo sie denn vergangene Nacht »gearbeitet« habe und sie »Schnuckelhase« nennt.

Am Ende der Folge wird ein Kandidat, der sich halb brüllend, halb blökend durch Britney Spears' »Baby one more time« holzhackt, euphorisch in die nächste Runde gewuchtet, und man kommt sich selbst ein bisschen dödelig vor, dass man beim Spekulieren über die Wendler-Lösung überhaupt die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, in diesem Format könnte irgendetwas dezent über die Bühne gehen.

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