"Dunja Hayali"-Talk mit Habeck und Rackete Die Gäste waren nicht das Problem

Dunja Hayali lädt Carola Rackete und Robert Habeck zum Talk ins ZDF ein - und wird für vermeintlich fehlende Ausgewogenheit angefeindet. Dabei fehlte der Sendung am Ende etwas ganz anderes.

Robert Habeck, Dr. Raoul Hille, Dunja Hayali, Carola Rackete, Thorsten Riggert, Melanie Zirzow
ZDF/Jule Roehr

Robert Habeck, Dr. Raoul Hille, Dunja Hayali, Carola Rackete, Thorsten Riggert, Melanie Zirzow

Von Klaus Raab


Als Dunja Hayali in ihre ZDF-Gesprächssendung die "Sea-Watch 3"-Kapitänin Carola Rackete und Grünen-Chef Robert Habeck einlud, hatte sie die Rechnung womöglich ohne die selbst ernannten Verteidiger eines gesunden Meinungsklimas gemacht. Die wünschten sie angesichts der Gästeliste prompt zum Beispiel nach Nordkorea, weil sie dort "besser aufgehoben" wäre.

Der sachliche Kern der Verwünschungsorgie, die dann von der Deutschen Presse-Agentur als "rege Diskussion" in sozialen Medien vermeldet wurde, bestand darin, dass fehlende Ausgewogenheit moniert wurde. Als müsste jede einzelne öffentlich-rechtliche Sendung zu jeder vorgebrachten Äußerung direkt ein Contra ausstrahlen. Als wäre das Fernsehen ein Verfassungsorgan, hätte die Geschäftsordnung des Bundestags zu befolgen und Redeminuten in festgelegter Reihenfolge zu verteilen. Als wäre nicht erst vor einigen Tagen im ZDF etwa der nun als Gegenredner geforderte AfD-Chef einzelinterviewt worden (der lustigerweise auch schon einmal bei Hayali zu Gast gewesen war). Und als wäre im direkt nach "Dunja Hayali" gesendeten ZDF-Talk von Markus Lanz nicht zum Beispiel gleich ein CDU-Ministerpräsident eingeladen.

Wie ernst soll man eine Kritik nehmen, die ihren Gegenstand nicht kennt, geschweige denn sich für ihn interessiert?

Dabei gibt es genügend Anhaltspunkte für Kritik an Hayalis Sendung. Allerdings erst, nachdem man sie gesehen hat. Der wichtigste ist, dass ihre entscheidende Moderationsleistung hier - nicht zum ersten Mal - darin besteht, die Uhr im Blick zu behalten. Jede Möglichkeit der Vertiefung muss großräumig umschifft werden, weil noch zu viele andere Programmpunkte auf dem Zettel stehen. Symptomatisch ist der Moment, als Hayali Robert Habeck unterbricht und er fragt: "Gegenfrage oder Antwort?" - und sie erwidert: "Überleitung schon zum nächsten Thema".

Dunja Hayali und Carola Rackete: Man fragt sich wirklich, warum
ZDF/Jule Roehr

Dunja Hayali und Carola Rackete: Man fragt sich wirklich, warum

Die "Sea-Watch 3"-Kapitänin Carola Rackete, die gegen den Widerstand italienischer Behörden gerettete Geflüchtete in Lampedusa an Land gebracht hat und deren Anwesenheit - sie ist erstmals im Fernsehen - im Vorfeld für so viel Wind gesorgt hatte, wird am Ende in sieben Minuten abgefertigt: Wie geht es Ihnen? (Okay.) Waren Ihnen die Konsequenzen Ihres Handelns klar? ("Die Priorität sind immer die Menschen, die man gerade an Bord hat.") Hätte es keinen anderen Hafen gegeben? (Nein.) Werden Sie wieder rausfahren? (Denkbar.) Verstehen Sie Leute, die sagen, jetzt reicht's auch mal mit den Geflüchteten? ("Nee, eigentlich nicht.")

Hin und Her in der Mixed Zone

Rackete, die eher kein Talkshowgast ist, den man sich in Redaktionen basteln würde, die nicht steil formuliert und nicht losbrabbelt, spricht über die Zustände in den libyschen Geflüchtetenlagern, fordert von Deutschland, Verantwortung zu übernehmen, und kritisiert die EU-Grenzschutzagentur Frontex, die statt Schiffen Drohnen einsetzen wolle, die aber "natürlich nicht retten" könnten. Das Gespräch zwischen einer Frau, die etwas zu sagen hat, und einer Journalistin, die eigentlich auch etwas zu sagen hat, wirkt am Ende wie ein etwas ausführlicheres Hin und Her in der Mixed Zone. Man fragt sich wirklich, warum.

Robert Habeck und Dunja Hayali: Programmpunkt "ist nun zu Ende
ZDF/Jule Roehr

Robert Habeck und Dunja Hayali: Programmpunkt "ist nun zu Ende

Noch stärker getrieben von der Uhr aber ist zuvor der Robert-Habeck-Teil. Das Konzept, einem Politiker drei Menschen gegenüberzusetzen, die Vorhaben seiner Partei aus der Perspektive andersdenkender Praktiker betrachten, ist an sich gut. Nur, es kann eigentlich nicht aufgehen, wenn man sie dann nicht ein bisschen mehr ins Reden kommen lässt. Warum ihre Kernaussagen schon vorab in drei Filmen eingespielt werden müssen, wenn sie doch im Studio sitzen, um sie selbst zu formulieren; ob es zudem wirklich einen Filmbeitrag aus Mallorca braucht, in dem beliebige deutsche Touristen zu Wort kommen, um ein paar Stichworte zu liefern; und aus welchem Grund man dann auch noch dem Studiopublikum eine unklar formulierte Ja-nein-Frage zum Reiseverhalten stellt - das ist ein mittleres Mysterium.

(Lesen Sie hier ein Interview mit Robert Habeck) Habeck nimmt sie - verständnisvoll nickend - auseinander

Die drei Habeck-Kontrahenten sind der Schweinemastbetreiber Thorsten Riggert, die Personalreferentin eines Braunkohleunternehmens aus der Lausitz, Melanie Zirzow, und der Chef des Flughafens Hannover, Raoul Hille. Sie schlagen sich recht gut. Hille argumentiert gegen eine Kerosinsteuer - dann würden Flugzeuge halt im Ausland betankt, sagt er etwa und bringt lieber ein paar alternative Klimaschutzideen ein. Oder Zirzow: Sie verweist darauf, dass in der Nachbarschaft in Polen ein neues Kohlekraftwerk entstehe, während in der Lausitz die Braunkohleverstromung aus Grünen-Sicht lieber schneller als geplant beendet werden solle.

Und Habeck? Versteht nickend alle, bevor er ihnen dann kopfschüttelnd das Fundament unter ihren Argumenten wegzieht. Man könne ja nicht nichts machen, nur weil andere nichts unternähmen. Man müsse "das eine tun und das andere nicht lassen". Man solle unsinniges Verhalten nicht noch subventionieren. Oder man müsse, und nun ist er beim Schweinebauern und der Landwirtschaft, "das System ändern".

Da sieht Hayali eine Überleitung anfliegen und macht geschwind den Deckel drauf: So etwas brauche natürlich Zeit, die Zeit für diesen Programmpunkt allerdings, "ist nun zu Ende". Uff. Und dann geht es weiter, schnell weiter, tick tack, bis es nach einer Dreiviertelstunde heißt: Vorhang zu, und alle Fragen schnell gestellt. Hayali überzieht knapp drei Minuten.

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