DVD-Serienschätze Advent, Advent, der Fernseher brennt

Human Remains - So mitleidlos kann die Liebe sein

Hätte Rainer Maria Rilke "Humain Remains" gekannt, deutschen Kalenderblättern wäre ihr berühmtester lyrischer Einsamkeitsseufzer erspart geblieben. Denn nach Ansicht dieser trostlosen Comedy-Serie hätte der Mann seinen "Herbsttag" nie geschrieben und wäre der Sehnsucht nach Zweisamkeit mit einem poetisch verbrämten "Fuck You!" begegnet: Wer jetzt allein ist, will es lange bleiben.

Die BBC-Produktion kommt als Mockumentary daher, als fiktive Dokumentation also, in der sechs, in jeder Hinsicht kaputte Paare aus ihrem Leben berichten und dem Publikum noch das kleinste Körnchen an Wohl- und Mitgefühl verweigern.

Upper-Class-Lady Felicity "Flick" Moorcross etwa trauert um ihre früh verstorbene Jugendliebe Geoffrey, missbraucht deswegen ihren Gatten Peter als Punchingball und leidet an Scheidenkrämpfen. Der bräsige Ehemann nimmt's fatalistisch-pragmatisch und lässt sich zum Ausgleich von einer so kostengünstigen wie mütterlichen Haushaltshilfe aus Osteuropa bespringen. Gordon und Sheila wiederum betreiben ein Bed and Breakfast. Physisch hält sich die Anziehungskraft in Grenzen (Sie über seinen Körper: "Wie ein Autounfall. Schockierend! Aber du kannst nicht wegsehen."). Was die beiden eint, ist die Sorge um Sheilas krebskranke Schwester - und der Trost, dass mit deren Tod ja bald ein Zimmer frei wird, in dem der Dildo-Stuhl des Swingerpärchens einen neuen Platz finden soll.

Mit maliziöser Präzision spielen Rob Brydon ("Marion And Geoff") und die göttlich gnadenlose Julia Davies ("Nighty Night") diese deprimierenden Duos, brillieren in Geschichten voller Sex, subtiler Brutalität und gemeinsamer Liebe zu schottischem Trachtentanz. Ist das überhaupt noch Comedy? Man fürchtet: nein. Thorsten Dörting

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"Human Remains", BBC 2, auf DVD erhältlich

Sons of Anarchy - So mörderisch können Familien sein

Wenn "Der Pate" auf "Mad Max" trifft und Henry David Thoreau auf Milton Friedman, das Ganze zusätzlich mit shakespearscher Dramatik auf Thriller-Niveau beschleunigt wird: Dann hat man die US-Serie "Sons of Anarchy".

Die titelgebenden Söhne sind ein mafiös organisierter Motorradclub mit einem brutalen Patriarchen ("Hellboy"-Star Ron Perlman) an der Spitze; hinzu kommen seine Frau (furios: Katey Sagal), eine Matrone, gegen die Lady Macbeth wirkt wie eine zahme Gouvernante, und deren Sohn (Charlie Hunnam), der Kronprinz des Clans, der in den Papieren seines verstorbenen Biker-Vaters ausgerechnet ein gesellschaftskritisches Grundsatzmanifest entdeckt, das Sprengstoff birgt.

Waren die Sons womöglich gar nicht als Waffen handelnde, mordende und brandschatzende Gang gedacht, sondern als sozialrevolutionäres Kollektiv, das die Schrecken von Vietnam und der Nixon-Regierung mit einer pazifistischen Ethik überwinden wollte?

Zwischen Auftragsmorden, Sexgelagen und Waffendeals wird dieser Konflikt ausgefochten. Am Ende der ersten Staffel ist klar: Familie ist ein gefährlicher Cocktail, gemixt aus Schuld, Loyalität und Gewalt. Besinnlich wird es mit diesen Anarchisten nur, wenn der Boss nachdenkt: wie man die nächste Leiche entsorgt. Daniel Haas


"Sons of Anarchy", Season 1, Twentieth Century Fox, auf DVD erhältlich (Achtung: DVD-Player muss Ländercode 1 abspielen können!)

Dead Set - So kannibalistisch kann das Fernsehen sein

Wenn man Metaphern todernst nimmt, können die komischsten Sachen dabei herauskommen. Was wäre zum Beispiel, wenn die Zombies, die abends vor dem "Big Brother"-Container darauf warten, dass ihnen ein Kandidat zum Fraß vorgeworfen wird, eben dies sind: Zombies - blutrünstige Untote, die die Teilnehmer tatsächlich bei lebendigem Leib zerfetzen wollen? Der britische Medienkritiker Charlie Brooker hat aus dieser simplen Idee die wahrscheinlich düsterste Mediensatire aller Zeiten gemacht: "Dead Set" - auch der Titel ist wörtlich zu verstehen.

Es scheint ein völlig normaler Tag am Set von "Big Brother" zu sein: Der nächste Rausschmiss steht an, die Fans vorm Studio drehen durch. Doch nicht nur sie toben, in ganz Großbritannien häufen sich Berichte von Gewaltausbrüchen. Im "Big Brother"-Haus hält man das zunächst für einen Regie-Einfall, um Containerleben und damit Quote aufzupeppen - da kleben die ersten Untoten an den Fenstern und schreien nach Blut. Könnte der TV-Container, der exponierteste Ort des Landes, letztlich der sicherste sein?

Als wäre die Idee zu "Dead Set" nicht schon perfide genug, hat es Charlie Brooker auch noch geschafft, die echte "Big Brother"-Moderatorin Davina McCall sowie diverse Ex-Teilnehmer sich selbst spielen zu lassen. Sogar Originalaufnahmen von rasenden Fans sind dazwischen geschnitten. Die Selbstkannibalisierung des Fernsehens als Serien-Highlight - ein großartiger, vergifteter Genuss. Hannah Pilarczyk

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"Dead Set", E4, auf DVD erhältlich

Marion And Geoff - So armselig können Männer sein

Reduzierter war Fernsehen selten: Eine Kamera, auf das Armaturenbrett eines Taxis montiert, ein Taxifahrer, der sich in seinen Monologen direkt an den Zuschauer wendet. Mehr gibt es nicht zu sehen: "Marion And Geoff" tauchen selbst nie auf; der Fahrer wiederum, Keith Barret, ist im Vergleich zu seiner Ex-Frau und ihrem neuen Liebhaber so nebensächlich, dass er es nicht einmal in den Titel der rabenschwarzen Sitcom des britischen Comedians Rob Brydon geschafft hat.

Keith (Rydon) entpuppt sich als unverbesserlicher Optimist und unschuldiger Naivling, der seine Schicksalsschläge wegredet: Er glaubt, er habe nicht seine Frau verloren, sondern einen neuen Freund dazugewonnen. Und dass er nun wieder in einer Studenten-WG wohnt, findet er prima: "Alle sagen, wie schrecklich laut das sein muss! Gut, sie hören gern laute Musik. Aber ich höre nichts. Ich stecke mir Oropax in die Ohren und höre… so dumpfe Schläge, bumm, bumm, bumm… und das finde ich eigentlich ganz entspannend, unter meinem Kopfkissen!"

Je offensichtlicher wird, wie weit Keiths positive Sicht von der Wahrheit entfernt ist, desto schmerzhafter wird "Marion And Geoff". Und wenn sich herausstellt, dass vermutlich mindestens eines seiner Kinder nicht von ihm, sondern von Geoff ist, weiß man nicht mehr: Soll man vor Mitleid weinen? Oder über die Dämlichkeit Keiths lachen? Oliver Nagel

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"Marion And Geoff" , BBC 2, auf DVD erhältlich

Geister - So tödlich können Krankenhäuser sein

Krankenhaus-Soap, Horror, Mystery, Krimi - Lars von Triers Mini-Serie "Riget" streift all diese Genres und schafft doch ein ganz eigenes Format. Es gibt eine Szene in "Riget" (auch bekannt als "Hospital der Geister", "Kingdom" oder schlicht "Geister"), die zeigt, was die Serie so großartig macht: Der schwedische Chirurg Stig Helmer rennt nachts aufs Dach des Kopenhagener Reichskrankenhauses im verhassten Dänemark (sein neuer Arbeitsplatz) und brüllt in den Nachthimmel: "dänischer Abschaum". Helmer blickt durchs Fernglas nach Nordosten, nach Schweden, zur Heimat, zum schwedischen Atomkraftwerk Barsebäck und murmelt: "Mit Plutonium zwingen wir euch Dänen auf die Knie."

"Riget" hat viele dieser absurden und sehr komischen Momente und Figuren, unterhält mit Slapstick, Comedy, fesselt mit einem trotz aller Detailliebe für Figuren und Nebenhandlungen immer erkennbaren Plot und thematisiert nebenbei Aberglaube, Wissenschaft, Krankheit, Tod, Behinderung. Sogar Dämonen, Geister, Teufelsanbeter, Voodoo und Hypochonder kommen vor, ohne dass die Serie effekthascherisch oder beliebig wirkt.

All das passt so gut zusammen in diesem großen Experiment, dass man nie verwirrt aussteigt. Auch nicht, als im Reichkrankenhaus der Sohn eines Dämons zur Welt kommt (Udo Kier). Man könnte es sich einfach machen und "Riget" - wie die "New York Times" es tat - einfach als "dänische Antwort auf Twin Peaks" abstempeln. Das ist nicht ganz falsch, wird von Triers Werk aber überhaupt nicht gerecht, weil der Vergleich nur in einer Beziehung stimmt: "Riget" ist so einzigartig wie "Twin Peaks". Von Triers Sammelsurium an Themen, Figuren und Bildern funktioniert aber als Serie nur, weil er es genau so beleuchtet, gefilmt (Handkamera, körniges Filmmaterial, Sepiaton, technisch einfache Effekte wie Doppelbelichtung) und geschnitten hat. Dass der Däne auch ein ästhetisches Konzept umsetzt, merkt man daran, wie zeitlos die fast 15 Jahre alten Bilder noch heute wirken. Und man lacht lauter als bei "Twin Peaks". Konrad Lischka


"Geister", Arte Edition, Box mit 4 DVDs

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