Analphabetismus-Drama Der Kampf mit den Wörtern

14 Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben. Im TV-Drama "Dyslexie" bei ARD-alpha kämpft einer von ihnen anrührend um das Sorgerecht für seine Tochter. Fernsehen mit Bildungsauftrag im besten Sinne.

BR

Von


Philipp Halbe sieht gut aus. Er mixt nachts Cocktails in einer Bar, bewegt sich mit dem Singlespeed-Bike durch Berlin und wohnt im Loft. Der Mittdreißiger aus gutem Hause ist der Prototyp des individualistischen Großstadtsingles. Was keiner weiß: Er kann nicht lesen und schreiben.

Philipp, gespielt von Christoph Bach ("Dutschke"), ist die Hauptfigur des TV-Dramas "Dyslexie" - gemeinhin als Analphabetismus bekannt. Der Titel klingt verdächtig nach Bildungsfernsehen, und tatsächlich will der genau darauf spezialisierte Kanal ARD-alpha auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam machen. Und das ist kein kleines: Laut OECD-Studie können knapp 18 Prozent der deutschen Erwachsenen schlechter lesen als ein durchschnittlicher 10-Jähriger. 7,5 Millionen Deutsche im erwerbsfähigen Alter gehören zu den sogenannten funktionalen Analphabeten, die zwar mit Mühe kurze Sätze mit einfachen Vokabeln lesen können, aber kaum in der Lage sind, einen längeren Text zu verstehen.

"Dennoch sind Themen wie Legasthenie, Lese-Rechtschreibschwäche oder Analphabetismus weitgehend tabuisiert", sagt Werner Reuß, Programmbeauftragter von ARD-alpha. "Betroffene werden, so sie sich überhaupt outen, stigmatisiert." Das soll "Dyslexie" - das Wort bezeichnet allgemein Probleme mit dem Lesen oder Verstehen von Texten - ändern.

Brille vergessen, Schreibhand defekt

Der Bildungssender, der bis Juni noch BR-alpha hieß und wegkommen will vom verstaubten "Telekolleg"-Image, weiht mit der Produktion seinen neuen Sendeplatz "Freitagsfilm" ein. Spielfilme zu "gesellschaftlich wichtigen, aber in der öffentlichen Diskussion zu wenig beachteten Problemen" sollen sanft in Themen einführen, die dann ähnlich eines Arte-Themenabends in weiteren Sendungen vertieft werden.

Ein Drama mit Bildungsauftrag? Das kann mächtig schiefgehen. Doch Regisseur Marc-Andreas Bochert, durch die BR-alpha-Produktionen "Empathie" und "Inklusion" bereits mit dem Genre vertraut, gibt sich alle Mühe, subtil vorzugehen. Er verzichtet auf Figuren, die Definitionen aufsagen oder Szenen, die in Aufklärungsbroschüren stehen könnten.

Stattdessen verlässt Bochert sich voll auf seine Hauptfigur. Philipp hat sich in seiner Welt ohne Schriftsprache eingerichtet. Den Einkaufszettel malt er sich, die Korrespondenz erledigt die Mutter (Klara Höfels), mit Charme und einem breiten Ausredenrepertoire - Brille vergessen, Schreibhand defekt - meistert er soziale Situationen. So wird auch klar, wie es sein kann, dass Menschen mit Leseproblemen in der Gesellschaft kaum auffallen. Mit großem Aufwand versucht Philipp, sein Geheimnis zu hüten, denn "sobald die Leute es wissen, behandeln sie einen völlig anders". Seine Angst, sich zu outen, ist immens groß, deshalb hat er vor Jahren seine schwangere Freundin verlassen. Deshalb will er am liebsten auch seine neue Bekanntschaft Heike (Alessija Lause) wieder loswerden.

Alte Wunden aus der Schulzeit

Ins Wanken gerät Philipps Lebensentwurf, als seine inzwischen siebenjährige Tochter Lilly (Leyla-Meryem Parmakli) in sein Leben platzt. Die Mutter ist bei einem Unfall gestorben, nun will die Kleine zu ihm. Ein Kind großziehen als Analphabet, kann das gehen?

Trotz einiger Ungereimtheiten - so scheint der Tod der Mutter nur geringe Auswirkungen auf die kleine Lilly zu haben, sie baut lieber ganz auf den Papa, den sie bis vor Kurzem gar nicht kannte - wird hier eine plausible, anrührende Geschichte erzählt. Man erahnt die Qualen, die Philipp einst in der Schulzeit durchmachte. Als er bei einem Volkshochschulkurs, zu dem er sich nun endlich durchringen kann, um eine Chance auf das Sorgerecht für Lilly zu haben, ein Wort an die Tafel schreiben soll, ist er wieder mit seiner Inkompetenz konfrontiert, die er so lange ausgeblendet hatte. Er schmeißt den Kurs. Philipp erscheint hier zwar als tragische Figur - nicht jedoch als Opfer, das nichts an seiner Situation ändern könnte.

Doch es gibt auch Holzhammermomente. In einer Familienfeierszene, die entfernt an den Film "Das Fest" erinnert, bringt Philipps wohlhabende Sippschaft ihm bei, dass er aufgrund seiner "Situation" selbstverständlich kein Kind großziehen könne. Die beiden - natürlich intellektuellen und erfolgreichen - Brüder werden hier zu überzeichneten Vehikeln, um den innerfamiliären Konflikt darzustellen. Während der eine Philipp vorwirft, in all den Jahren nie etwas gegen seinen Analphabetismus getan zu haben, führt der andere ins Feld, dass Philipp ja wohl nicht Analphabet sondern Legastheniker sei und dass überhaupt noch nicht richtig erforscht sei, warum jemand Probleme mit dem Lesenlernen habe. Am Schluss seufzt auch noch der Patriarch (Hans-Peter Hallwachs): "Er kann doch gar nichts dafür."

"Dyslexie" ist sicher keine Fernsehkunst, eher redliche, intelligente TV-Standardware. Aber das will schon etwas heißen, wenn man in erster Linie auf ein hoch relevantes gesellschaftliches Thema aufmerksam machen will.


"Dyslexie - Der Kampf mit den Buchstaben". Freitag, 12. September, 20.15 Uhr, ARD-alpha. Im Anschluss um 21.45 Uhr ist eine Dokumentation zum Thema zu sehen.



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.