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Gala in Berlin: Echos en masse

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Echo-Verleihung Drei Stunden deutscher Glamour

Rentner-Punk, Phrasen-Rap und Retro-Pop: Beim Echo hießen die Mehrfachsieger Tote Hosen, Cro und Lana Del Rey. Led Zeppelin und Hannes Wader wurden für ihr Lebenswerk geehrt - und Lena bewies: Tränen lügen nicht. Es war ein Hechel-Abend in 27 Kategorien.

John Paul Jones von Led Zeppelin wären um ein Haar seine Dankesworte abgeschnitten worden. Kaum hatte der Bassist der britischen Rocksaurier in sein Mikrofon geatmet, um nach seinem Kollegen Jimmy Page auf die Auszeichnung für das gemeinsame Lebenswerk zu reagieren, da erklang schon der Echo-Jingle - kurz, aber lang genug, um für leichte Irritation bei dem Stargast zu sorgen. Es sollte die einzige größere Panne des Abends bleiben.

Die beste Nachricht der 22. Echo-Verleihung stand hingegen schon Wochen zuvor fest: Für die Südtiroler Rocker Frei.Wild würde es keinen Preis geben. Sie waren - nach dem Protest-Rückzug von ebenfalls nominierten Bands wie MIA. und Kraftklub - von der Deutschen Phono-Akademie kurzerhand wieder ausgeladen worden. Frei.Wild hatten sich anschließend dagegen verwahrt, von ihren Kritikern in die Nähe von rechtem Gedankengut gerückt zu werden. Unterstützung bekamen sie von der NPD, die eine Mahnwache für Frei.Wild ankündigte. Zur feierlichen Veranstaltung am Donnerstag erschienen einige Fans der mutmaßlich rechten Band an den Berliner Messehallen.

Helene Fischer, die Moderatorin des Abends, erwähnte Frei.Wild verständlicherweise mit keinem Wort. Allerdings wurden in der Kategorie "Rock/Alternative National", in der ursprünglich neben MIA und Kraftclub auch Frei.Wild nominiert waren, bei der Preisverleihung durch Sängerin Katie Melua dann überhaupt keine Namen außer dem der Siegerband Unheilig verlesen. Immerhin hätten an der Stelle etwa noch die Ärzte erwähnt werden müssen, die mit auf der Liste standen - und ihrerseits gegen Frei.Wild protestiert hatten. So wurde aus dem Versuch, eine Peinlichkeit zu umschiffen, erst ein richtiger Affront.

Zu dem Zwischenspiel mit Frei.Wild war es gekommen, weil die Preisverleihung der deutschen Musikindustrie im Grunde nichts weiter ist als ein mit kurzen Musikbeiträgen durchsetzter Jahresbericht, bei dem allein die Verkaufszahlen der Musiker über die Teilnahme entscheiden - bisher jedenfalls: Nach dem Unfall mit Frei.Wild, die im vergangenen Jahr eines der am besten verkauften Alben ihrer Sparte veröffentlichten, sollen die Kriterien überarbeitet werden.

Neben Hannes Wader wirkt Campino ein bisschen jugendlich

Ansonsten durften sich viele der anwesenden Künstler über die eine oder andere Echo-Trophäe freuen. Die Toten Hosen wurden gleich dreimal nach vorne gebeten, zweimal erhielten der schwäbische Pandamasken-Rapper Cro, die juvenile Nostalgie-Pop-Ikone Lana Del Rey und die schlagersingende Moderatorin Helene Fischer ihre unförmigen Metallpreise. Und über ihren Preis für das beste Video war Lena Meyer-Landrut so gerührt, dass sie vor Tränen kaum ein vernünftiges Wort hervorbrachte.

In dem fast dreistündigen Fernsehelend - es galt 27 Kategorien durchzuhecheln -, überraschten gelegentliche erfrischende Wendungen. So konnte Harold Faltermeyer als Laudator für die Kategorie "Electronic/Club Dance" den Hamburger Krawallrappern Deichkind zum Sieg gratulieren, bei dem sie sich gegen die Brüder Fritz und Paul Kalkbrenner oder Schiller durchsetzten. Die Musiker ließen ihren Dank stilecht von einem Lady-Gaga-Double vortragen, das mit imitiertem amerikanischen Akzent sprach.

Tatsächlich durfte hier und da gelacht werden. Beim Kurzauftritt des Kabarettisten Olaf Schubert etwa, der den Musikern warnende Worte mit auf den Weg gab, bloß nicht den Verlockungen der Musikindustrie nachzugeben. Er selbst habe einst von Vertreterinnen der Branche "mit Fellatio und Absinth" gefügig gemacht werden sollen. Der Sänger Max Raabe wollte dem in nichts nachstehen und kündigte die Musikerin und Sarkozy-Gattin Carla Bruni mit den Worten an: "Von Zeit zu Zeit begegnet sie dem ehemaligen französischen Präsidenten, wenn auch nicht auf Augenhöhe."

Ernster wurde es noch einmal gegen Ende, als Reinhard Mey seinen Weggefährten Hannes Wader für seine Lebensleistung mit sehr persönlichen Worten lobte und an seine Anfänge als Liedermacher auf Burg Waldeck erinnerte. Der gerührte Wader sang abschließend seinen Klassiker "Heute hier, morgen dort". Dass ihn die Toten Hosen dabei unterstützen, wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen. Aber so hatte Campino reichlich Gelegenheit, neben dem 70 Jahre alten Wader ein bisschen jugendlich zu wirken.

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