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ZDF-Serie "Verbrechen": Raub, Mord, Menschlichkeit

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Edel-Krimiserie "Verbrechen" im ZDF Das ist aber mal ein netter Killer

Wer kann einem Axtmörder schon böse sein? Die ZDF-Miniserie "Verbrechen" nach dem Bestseller von Ferdinand von Schirach zeigt mordende Ehemänner, bekiffte Einbrecher und kleinkriminelle arabische Großfamilien so, wie wir sie noch nie im deutschen Fernsehen gesehen haben. Ein Glücksfall.

Damals am Strand auf Capri, da waren sie noch glücklich. Da versprach Friedhelm seiner Ingrid, sie niemals zu verlassen. Niemals. Deswegen kommt auch keine Scheidung in Frage, als Ingrid sich schon bald in eine torkelnde Tyrannin verwandelt. 40 Jahre hält es der sensible Dr. Friedhelm Fähner (Edgar Selge) mit dem ketterauchenden Hausdrachen aus, versucht ein guter Ehemann zu sein, reagiert sich im Garten ab. Bis er eines Tages den einzigen Weg beschreitet, beider Martyrium ein Ende zu machen - ohne sein Versprechen zu brechen.

Hier kommt Anwalt Friedrich Leonhardt (Josef Bierbichler) ins Spiel. Er erklärt dem ergeben lauschenden Gericht, warum sein Mandant nur milde bestraft werden soll. So geschieht es. Und Fähner schickt Leonhardt zum Dank eine Kiste mit Äpfeln.

Was da in den ersten 45 Minuten ästhetisch gewagt und ausgebreitet wird, zieht sich wie ein roter Faden durch die übrigen Folgen dieser sechsteiligen Serie mit abgeschlossenen Kurzgeschichten aus der Welt des Verbrechens. Da sind die unterschiedlichen Kamerasysteme, die grobkörnigen Flashbacks, die suggestiven Zooms mit bedrohlicher Musik, die ungewöhnlichen Perspektiven hinauf in die Baumwipfel und die Momente, in denen das Bild einfriert und eine bestimmte Requisite - eine blutige Axt, ein Messer, eine japanische Reisschale - förmlich aus der Handlung herausgelöst wird, bevor es weitergeht. Da sind die ordentlichen und die außerordentlichen Schauspieler in Haupt- und Nebenrollen (Katja Flint, Bettina Zimmermann, Jan Fedder, Jürgen Schornagel). Und dann sind da in jeder Folge immer wieder jene Äpfel von Fähner, die sich wie ein grüner Faden durch die Serie ziehen.

Sympathisch, diese kleinkriminelle Großfamilie

"Verbrechen" beruht auf Geschichten aus dem höchst erfolgreichen Erzählband "Verbrechen" des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach. Der Produzent Oliver Berben ("Hotel Adlon") wollte das Buch nach Lektüre der Druckfahnen schon verfilmen, also noch bevor es überhaupt veröffentlicht war, und was bei Doris Dörries Verfilmung der Schirach-Kurzgeschichte "Glück" fürs Kino nicht wirklich klappte, erweist sich nun als Glücksgriff fürs Fernsehen.

Das scheint man auch am Lerchenberg verstanden zu haben: "Verbrechen" läuft jeweils als Doppelfolge auf dem prominenten ZDF-Sendeplatz am nicht allzu späten Sonntagabend, der bisher englischen oder skandinavischen Prestige-Produktionen wie "Kommissarin Lund" vorbehalten war. Vor denen braucht sich "Verbrechen" nicht zu verstecken. So international konkurrenzfähig die Lakonie der literarischen Vorlage, so ambitioniert der Anspruch der Serie.

Wobei es weniger die durchaus sehenswerten und sehr fein auf die jeweiligen Drehbücher abgestimmten tricktechnischen Spielereien sind, die diese Kleinkrimis zu einem Vergnügen machen. Es ist fast schon revolutionär, wie hier im deutschen Fernsehen vielleicht erstmals Kriminalität konsequent anders verhandelt wird. Es geht nicht darum, einen Täter zu überführen - es geht darum, ihn zu verstehen. Oft genug taucht überhaupt kein eifriger "Ermittler" auf, wie auch Josef Bierbichler jeder Eifer fern liegt. Sein massiv menschlicher Anwalt ist als beobachtender Stellvertreter des Zuschauers manchmal nur derjenige, dem der "Böse" seine Version der Geschichte schildert. Dieser Perspektivwechsel sieht dann mal nach Tarantino aus, mal nach "Der Clou" - nie aber über längere Strecken nach öffentlich-rechtlicher Krimi-Grundversorgung.

Das Verbrechen wird hier erzählerischer mit Vor- und Nachgeschichte ausgebreitet - und nicht als störender Riss im Kontinuum bürgerlicher Normalität ausgestellt, der von der sympathischen Exekutive rituell geschlossen werden muss. Nur die Justiz ist, als einziges Zugeständnis an herkömmliche Sehgewohnheiten, stets fürsorglich um wahre Gerechtigkeit bemüht, und am Ende ist zuverlässig alles wieder in Ordnung. Die bekifften Panzerknacker, der verzweifelte Axtmöder, der irre Schafschlitzer, der kaltblütige Schnösel - sie alle bekommen, was sie verdienen. Und das ist oft genug eben keine Höchststrafe.

Diese menschliche Wendung macht Schirachs "Verbrechen" so ungewöhnlich und im besten Sinne verdienstvoll. In der vielleicht amüsantesten Folge ("Der Igel") versucht eine Clique aus miteinander verwandten Wiederholungstätern, einen besonders straffälligen Bruder mit aberwitzigen Täuschungsmanövern vor dem Knast zu bewahren. Der Zuschauer zittert und hofft also 45 Minuten lang mit einer kleinkriminellen arabischen Großfamilie aus der Neuköllner Parallelgesellschaft. Wann hätte man so etwas zuletzt im ZDF gesehen? Und hat man das überhaupt mal dort gesehen?

"Verbrechen", sonntags, 22.00 Uhr, ZDF, es werden jeweils zwei Folgen gezeigt.
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