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Arte-Serie "Eden": Europa im 360-Grad-Schwenk

Foto: Pierre Marsaut/ SWR

Serien-Panorama über Flüchtende Wem gehört Eden? Und wer verdient daran?

Vom griechischen Mittelmeer in die deutsche Mittelschicht: Die deutsch-französische Serie "Eden" beleuchtet Flucht und Zuflucht mit Panoramablick. Fernsehen auf der Höhe der Zeit.

Auf den Badetüchern im Sand die Touristen, die Eis lecken. Im Schlauchboot auf dem Wasser die Flüchtenden, die an Land sprinten. Es ist ein ganz normaler Tag an einem Strand in Griechenland, den die Urlauber, die dort herumliegen, genauso für das Paradies halten mögen, wie die Flüchtenden, die nach der entbehrungsreichen Passage über das Mittelmeer dort anlanden. Aber wem gehört Eden?

Fast beiläufig kommen in der gleichnamigen Serie die ersten Bilder daher, die Luft flirrt, ein ruhiger Kameraschwenk ahmt den trägen Blick der Urlauber nach. Dabei bildet die Szene einen Kristallisationspunkt, der alle widerstreitenden Gefühle der Flüchtlingsthematik einfängt: das Hoffen und die Panik der Ankommenden, den Gleichmut und die Schockstarre der Herumliegenden. Ein paar wenige Augenblicke nur, dann trennen sich die Wege wieder.

Europa von oben und von unten

Die deutsch-französische Koproduktion "Eden", gedreht in einem halben Dutzend Ländern und Sprachen, ist auch der Versuch, diese Wege wieder zusammenzubringen. Zu zeigen, wie die Ströme von Angst und Sehnsucht, aber auch von Geld und Moral, die scheinbar aneinander vorbeifließen, einander beeinflussen oder bedingen. Eden im 360-Grad-Schwenk, Europa von oben und unten.

Das von Arte und der SWR hergestellte Serien-Panorama erzählt zum Beispiel von einem nigerianischen Jungen (Joshua Edoze), der mit seinem älteren Bruder am griechischen Strand landet, aber auch von einem griechischen Familienvater, der nach der Arbeitslosigkeit einen Job als Sicherheitsmann in einem Flüchtlingscamp findet. Als die Nigerianer unerlaubt das Camp verlassen und es bei der Verfolgung zum Gerangel kommt, tötet der Grieche den älteren Bruder. Der Kleine schlägt sich allein Richtung Großbritannien durch, ein altes Bauernpaar päppelt ihn auf, ein Lastwagenfahrer versucht, ihn zu vergewaltigen, vor Calais steigt er ins nächste Schlauchboot.

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Arte-Serie "Eden": Europa im 360-Grad-Schwenk

Foto: Pierre Marsaut/ SWR

Ein anderer Junge auf der Flucht (Adnan Jafar) hat mehr Glück. Er hat im syrischen Bürgerkrieg Vater und Mutter verloren, wird aber von der Mannheimer Lehrerfamilie aufgenommen. Im Souterrain richten sie ihm eine Unterkunft her. Die deutschen Gasteltern (Juliane Köhler und Wolfram Koch) sind genervt von der Wohlstandsverwahrlosung ihres eigenen Jungen (Bruno Alexander), der Syrer beeindruckt sie durch Selbstständigkeit, Leistungswillen und scheinbar unendliche Leidensfähigkeit. Dass er sein angestautes Grauen nachts auf die Bahngleise hinterm Haus hinausschreit, bleibt ihnen verborgen.

Headautor Constantin Lieb und Regisseur Dominik Moll balancieren die sechs 45-minütigen Episoden ihrer Serie - die ersten drei sind bereits in der Arte-Mediathek abrufbar - geschickt aus. Sie zeichnen pointiert die Verwüstungen ihrer Protagonisten bei der Flucht nach Europa nach, sie zeigen aber auch den griechischen, deutschen oder französischen Blick auf das Geschehen.

Sarkastisch blau leuchtet der Himmel über Europa

In der linearen Ausstrahlung ist die Serie synchronisiert, in den Mediatheken ist sie zusätzlich als sechssprachiges Original mit Untertiteln abzurufen. Im Original funktioniert das Ineinander der Perspektiven, Interessen und Gefühlslagen, für das die Serienschöpfer einen ruhigen Rhythmus wählen, naturgemäß noch besser.

Die meiste Zeit leuchtet ein hellblauer Himmel über dem sommerlichen Europa - in Anbetracht, was unter ihm geschieht, ein geradezu sarkastisch hellblauer Himmel. Hände an Zäunen und mit Menschen überfüllte Lieferwagen sind unvermeidlich, werden hier aber nicht zum handelsüblichen Leid-und-Mitleid-Fluchtdrama zusammengesetzt. Die Serie sucht nach einem tieferen Verständnis.

Dazu gehört auch der Teil, der die Arbeit einer französischen Unternehmerin (Sylvie Testud) zeigt, die auf privatwirtschaftlicher Basis ein griechisches Flüchtlingscamp betreibt. Da tut sich ein boomender Markt auf, politisch gibt es Rückenwind aus Brüssel, finanziell Unterstützung aus Frankfurt. Die Unternehmerin rechnet vor: Ein kommerzielles Camp sei 25 Prozent effektiver als eines, das von einer NGO organisiert wird. Humanität mit dem Rechenschieber.

Die Serie zeigt, wie das zurzeit enorm unter Druck stehende europäische Fernsehen in Zukunft große Themen grenzüberschreitend aufbereiten könnte, schwierige Ambivalenzen inklusive: Die Unternehmerin kalkuliert knallhart, versucht dabei aber auch, die Krise als Chance und Flüchtende als Bereicherung darzustellen. So ruft sie mächtige Mitbewerber auf den Plan, die ihre Camps übernehmen wollen. Wem Eden gehört? Demjenigen, der die meisten Anteile daran hält.


"Eden", ab Donnerstag, 2. Mai, 20.15 Uhr, Arte. Ab Mittwoch, 8. Mai, 20.15 Uhr, Das Erste. In der Mediathek: Folge 1 bis 3 ab jetzt in der Arte-Mediathek und ab 3. Mai in der ARD-Mediathek. Folge 4 bis 6 ab 2. Mai in der Arte-Mediathek, ab 10. Mai in der ARD Mediathek.

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