Arno Frank

Fußballguckmüdigkeit Es ist EM – und keinen interessiert's

Von großer EM-Euphorie ist nichts zu spüren – was für ein Glück! Jetzt muss ich mich nicht mehr für meine Fußball-Fatigue entschuldigen. Diese Form der sozialen Geiselhaft ist Geschichte.
Fans beim Spiel Deutschland gegen Frankreich in München. Die DFB-Elf verlor 0:1 (das nur zur Info für den Autor dieses Textes, der nicht Autor dieser Bildunterschrift ist)

Fans beim Spiel Deutschland gegen Frankreich in München. Die DFB-Elf verlor 0:1 (das nur zur Info für den Autor dieses Textes, der nicht Autor dieser Bildunterschrift ist)

Foto: MIS / imago images

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Vielleicht liegt es an den Ebenen der Vorrunde, vielleicht an den fehlenden Fähnchen im Stadtbild. Vielleicht hätte ich den Sportteil der Zeitung nicht ungelesen dem Altpapier überantworten, vielleicht mich einfach mehr interessieren sollen für die Welt, und sei es die des Fußballs. Jedenfalls habe ich drei Tage vor dem Eröffnungsspiel überhaupt erst mitbekommen, dass mal wieder ein internationales Turnier ansteht.

Im Supermarkt war das, wo mir unversehens eine 400-Gramm-Packung mit Chips in die Hände fiel. Das typische Accessoire für das erlernte Ritual, sich in dummen Trikots »bei Kumpels« einzufinden und in heulende Höhlenmenschen rückzuverwandeln. Weil man das offenbar so macht als Freund des Breitensports, sich vor dem Fernseher mit pflanzlichen Fetten vollstopfen und mit Bier nachspülen.

Auf der Tüte entdeckte ich das Logo, »Euro 2021«, verschoben offenbar aus dem vorherigen Jahr. Die Sang- und Klanglosigkeit, mit der das ausgefallen sein muss, kam mir 2020 schon sehr entgegen. Schon damals hatte ich die Europameisterschaft nicht vermisst und die Menschheit andere Probleme.

Die hat sie zwar noch immer, aber allmählich muss »es« ja wieder »losgehen« mit der Kultur – oder wenigstens dem Fußball als paramilitärischem Arm der Unterhaltungsindustrie. Die ziehen das durch. Hängt ja viel dran. »I don't give a flying fuck«, wie der Engländer sagt. Spielen die überhaupt mit? Und wo wird überhaupt gespielt?

Die globalisierte Ortlosigkeit der Veranstaltung ist auch ein Problem, fürchte ich. Wie irgendwelche Spiele in Baku, Glasgow oder Bukarest ausgehen, das kümmert normalerweise nur die Jungs, die bei uns in zweiter Reihe vor dem Wettbüro parken. Es freut mich allerdings, dass der Spielplan neben der Kartoffelchips- auch die Luftfahrtindustrie wieder in Schwung bringt.

Könnte ich mitreden, dann wäre das möglicherweise anders, dann würde ich Zeug trompeten wie »Der muss die Räume eng machen!« oder »Jetzt müssten sie Ruhe ins Spiel bringen!«. Seltsamerweise sind auch all die Experten um mich herum – Leute also, die ein Spiel angeblich »lesen« können, als wär's ein Roman von Juli Zeh – wie vom Erdboden verschluckt. Vermutlich haben all die Spezialisten in jüngster Zeit umgeschult und sind nun Epidemiologen.

Dabei habe ich es wirklich versucht, mir redlich Mühe gegeben. Das Eröffnungsspiel verfolgte ich ganz modern vom Krankenlager aus, wohin die Folgen meiner Impfung mich verbannt hatten, über das Smartphone. Ruckelfreie Langeweile, das muss ich schon sagen, auch hier macht die Technik so ihre Fortschritte.

Fan mit Bier: Es war einmal beim Public Viewing... (hier 2018 in Halle)

Fan mit Bier: Es war einmal beim Public Viewing... (hier 2018 in Halle)

Foto: Sebastian Willnow / picture alliance / dpa

Bald schon wurde ich unterbrochen durch eine Nachricht von meinem Bruder, der gerade auf Fahrradtour im Schwäbischen war, also schaute ich mir nebenbei ein paar Kirchen an und recherchierte zum Geschlecht der Habsburger, der neuen Single von Billie Eilish, und ehe ich mich versah, war ich vom Hölzchen auf Stöckchen gekommen und die Partie vorbei. Ich kann mich weder an das Ergebnis noch an die Teilnehmer der Partie erinnern.

Gut ist, dass ich mich diesmal für meine Fußball-Fatigue nicht entschuldigen muss. In der Kneipe neulich baten die Gäste die Wirtin, bitte den Ton leiser zu drehen – man verstehe doch bei dieser Kommentiererei sein eigenes Wort nicht mehr! Dabei galt spätestens seit dem »Sommermärchen« als Schnösel oder gar Defätist, wer sich nicht für den Nationalquatsch interessierte. Soziale Geiselhaft war das, aus der man sich nur durch Teilnahme an redaktionsinternen Tippspielen freikaufen konnte.

Oder geheucheltes Interesse, bestenfalls am Frauenfußball als »emanzipatorischem Projekt« und verdammte Pflicht jedes aufgeklärten Mannes, mithin Vaters. Die Tochter will in den Ruderverein? Vergiss es, Mädchen, Fußball wird gespielt, das stärkt die Abwehrkräfte gegen das Patriarchat! Aus dieser schlimmen Zeit weiß ich noch, wer Steffi Jones ist. Erst gestern habe ich sie auf einem Plakat für Netto entdeckt, für die Supermarktkette »erobert« sie jetzt mit dem Grillen eine weitere »Männerdomäne«. Respekt!

Überhaupt hat das Vorübertreibenlassen der Veranstaltung den drolligen Effekt, dass die meiste Werbung überhaupt keinen Sinn ergibt. Normalerweise bleckt uns aus den Anzeigen nur das weiße Kampfgebiss von Jürgen Klopp entgegen, aber nun? Wer sind diese Leute? Warum freuen sie sich so? Will ich mit ihnen Chips futtern?

Wie auf Autopilot berichtet auch der zuständige Boulevard wacker weiter, obwohl die Bevölkerung dem Amüsierbefehl nachweislich nicht nachkommen mag. Da »zündet« nichts, so unzeitgemäß wirkt die ganze Chose. Es ist, als hätten die Gänse gemerkt, dass sie mit verordneter Begeisterung gestopft werden sollen – und sich lieber in kühlende Gewässer verzogen.

Spektakulärer als der Sport sind ohnehin Meldungen zweiter Ordnung, die sich daraus ergeben. Greenpeace attackiert Fußballfans! Ronaldo ruiniert Coca-Cola! Elefanten-Orakel orakelt irgendwas!

So könnte es, ganz ohne Fußball, meinetwegen weitergehen bis zum Endspiel – und darüber hinaus. Im Juli beginnen die Olympischen Spiele in Japan. Das wird ein Fest.

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