ARD-Serie "Emma nach Mitternacht" Stimmen in der Nacht

In "Emma nach Mitternacht" tritt Katja Riemann eine Stelle als Night-Talkerin im Radio an. Die Pilotfolge erreicht dabei bereits das Niveau eines leicht überdurchschnittlichen "Tatorts".

SWR/ Johannes Krieg

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Mit der Reihe "Emma nach Mitternacht" versucht der SWR, an den Ton und vor allem den Erfolg von "Bloch" anzuknüpfen. Anstelle von Dieter Pfaff als Psycho-Onkel Bloch wird in der Pilotfolge ("Der Wolf und die sieben Geiseln") mit Katja Riemann nun die Psycho-Tante Emma Mayer eingeführt, die als Nacht-Psychologin beim Radio genregemäß in allerlei Scherereien hineingezogen wird.

Dabei muten die ersten Szenen dem Publikum eine ungewohnt hohe Dosis an Rätselhaftigkeit zu. Riemann treibt da als Betreiberin einer Boutique in Marrakesch durch exotisches Ambiente, bis eines Tages eine Fremde in ihren Laden (Karoline Eichhorn) schneit. Zwischen den beiden Damen kommt es zu einem herzlichen, für die Zuschauer aber wortlosen und damit schleierhaften Einverständnis - in dessen Folge Riemann plötzlich mit einem zerbeulten Alukoffer ("Das ist alles, was ich besitze. Besitz wird gemeinhin überschätzt.") im Funkhaus in Mannheim auftaucht, um ihre Stelle als Radio-Psychologin anzutreten.

Zunächst reicht es allerdings nur für die Telefonannahme, am Mikrofon sitzt noch die herrlich verlebte Elisabeth Gira (Mechthild Großmann). Die streckt, bereits besoffen, beim Anruf eines Geiselnehmers die Waffen. Also übernimmt ambulant Emma Mayer ihren Platz, fährt dem Anrufer über den Mund und macht sich persönlich auf den Weg zum Tatort.

Sieben Geiseln hält der bewaffnete Mann, der sich als "Wolf" (Ben Becker) vorstellt. Der Mann hat keine Forderungen außer der nach Gerechtigkeit, bleibt also ebenso rätselhaft wie gewalttätig. In dem Moment, da Emma Mayer (vorsichtshalber vollverkabelt) die gekaperte Tankstelle betritt, entspinnt sich ein neonhelles Kammerspiel zwischen Riemann und Becker. Wolf lässt sich auf das Spiel ein, der Psychologin Fragen über sich selbst zu stellen. Bei der richtigen Antwort wird eine Geisel entlassen. Bei der falschen Antwort fließt Blut. Und draußen in der Dunkelheit wartet das Einsatzkommando auf die Genehmigung für den "finalen Rettungsschuss".

Niveau eines leicht überdurchschnittlichen "Tatorts"

Dabei ist es eine große Freude, dem bösen Becker im zerquälten Ringen mit seinen Dämonen und der guten Riemann in ihrer ersten TV-Serienrolle beim Gegensteuern zuzuschauen. Der eigentliche Reiz aber liegt in den Stimmen der Darsteller, vom völlig verräucherten Timbre einer Mechthild Großmann über die Biegsamkeit einer Katja Riemann bis zur geröllhaften Brüchigkeit eines Ben Becker. "Emma nach Mitternacht" vertraut nicht nur den Gesichtern, sondern auch den Stimmen - und fordert auf, genau hinzuhören. Das ist selten im Fernsehen.

Immer monströser erscheint der Schicksalsschlag, der "Wolf" ereilt haben muss. Außerhalb der Tankstelle begibt sich unterdessen Emma Mayers Chef (Andreas Schmidt) auf die Suche nach einer Krankenakte des Geiselnehmers, um der Kollegin beim Lösen des Rätsels zu helfen. So greifen bald die konventionellen Mechanismen eines Thrillers und bringen den Film auf das Niveau eines leicht überdurchschnittlichen "Tatorts".

So ganz scheint "Emma nach Mitternacht" sich nicht zu trauen, zumindest in der Pilotfolge nimmt die kriminelle gegenüber der psychologischen Ebene viel Raum ein. Bei "Bloch" war das anders, aber wie bei "Bloch" geben sich auch hier nur die besten Schauspieler die Ehre - für die kommende Folge sind unter anderem Corinna Harfouch und Christoph Bach angekündigt.

Auf das gewaltsame Finale folgt überdies ein Cliffhanger, der die Eingangssequenzen in Marokko in einem neuen Licht zeigt und Hoffnung darauf macht, dass auf die patente Figur der Katja Riemann demnächst noch ein paar interessante Schatten fallen könnten.

Im Alukoffer klingelt ein Telefon. Es meldet sich eine Emma Mayer, die gerne ihr altes Leben zurück hätte.


"Emma nach Mitternacht: Der Wolf und die sieben Geiseln". Mittwoch, 18.05.16, 20.15 Uhr. ARD



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 17.05.2016
1. Katja Riemann ist zu bewundern.
Ein ähnlich großes Schauspieltalent wir der Schweigertil, und dennoch bei der Kritik beliebt. Respekt!
kugelsicher, 17.05.2016
2.
Sicher schon wegen tollen Katja Riemann sehenswert. Wenn dann noch Karoline Eichhorn eine tragende Rolle spielt, umso besser.
CancunMM 17.05.2016
3.
Das ist ein Wunder, bei der völlig überbewerteten Riemann.
majorfabs 17.05.2016
4. ...
"leicht überdurchschnittlich" ist vermutlich der kleine Bruder von "totalem Mist"
bonngoldbaer 17.05.2016
5. Trotzdem
Die Rezension wirkt eher abschreckend. Ich werde "Emma" aber trotzdem eine Chance geben.
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