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Emmy-Awards 2019 Kostbare Tropfen im Serien-Ozean

Wie viele Serien kann ein Mensch sehen? Das war die Herausforderung für die Emmy-Jury. Schließlich ließen sie einen Dinosaurier ziehen - und zeichneten ein Kunstwerk aus, das Tragik in Comedy verwandelt.

Wie viele Serien haben Sie denn bisher so gesehen in diesem Jahr? Drei? Fünf? Gar zehn oder mehr? Ist schwer zu sagen, oder? Zählen die paar Episoden "Notruf: Hafenkante" mit, die beim Bügeln liefen? Oder gelten nur die heißen, wertigen Serien, die bei den Streamingdiensten laufen? Die Mitglieder der Academy of Television jedenfalls, die die Emmy Awards verleihen, standen in diesem Jahr vor einer wahrhaft gigantischen Aufgabe: Allein in der Kategorie Beste Drama-Serie sollten sie aus 165 Kandidaten ihre Favoriten auswählen, in der Kategorie Beste Comedy-Serie waren es 108.

Beinahe 500 Serien sind 2018 in den USA gestartet. Damit ist der fleißigste Binge-Watcher überfordert. Und das macht auch die Emmy-Verleihung so unübersichtlich. Mittlerweile werden Preise in über 90 Kategorien in diversen Wettbewerben vergeben, darunter die Daytime Emmys für Sendungen, die tagsüber gesendet werden, die International Emmys, und schließlich die Primetime Emmys für Abendsendungen, um die es in der Zeremonie am Sonntagabend ging.

Die Amerikaner haben wie für so vieles auch für das gegenwärtige Fernseh-Zeitalter einen griffigen Namen: "Peak TV", also Gipfel-Fernsehen. Der Begriff bezieht sich auf die Qualität der Programme, meint aber vor allem eben die Masse an guten Serien, Filmen und Shows. Immer öfter liest man in den amerikanischen Medien mittlerweile eine andere, noch deutlichere Umschreibung der Fernsehlandschaft der USA: "Too Much TV".

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Preisverleihung: Die Emmy-Gewinner 2019

Foto: Chris Pizzello/ AP

In diesem Jahr hat die Academy zum letzten Mal DVDs mit den nominierten Serien an die Damen und Herren der Auswahlkomitees verschickt (ab 2020 wird nur noch gestreamt), und angesichts der Mount-Everest-artigen Stapel in ihren Wohnzimmern haben sie ihre Aufgabe bemerkenswert präzise gelöst. Es war befürchtet worden, dass Stimmberechtigte unter der Menge einknicken und einfach Darsteller und Serien wählen, die früher schon gewonnen hatten - einfach, um auf der richtigen Seite zu sein.

Das ist aber nicht geschehen. Bestes Beispiel: Die gar nicht amerikanische, sondern sehr britische Serie "Fleabag" von und mit Phoebe Waller-Bridge, die ohne Frage zum Star des Abends im Microsoft Theater in Downtown Los Angeles wurde. Waller-Bridge gewann in drei Hauptkategorien: Beste Comedy-Serie, Bestes Drehbuch einer Comedy-Serie und Beste Hauptdarstellerin - genau, in einer Comedy-Serie.

"Veep" mit Julia Louis-Dreyfus, die in den letzten Jahren ein Abonnement auf Preise in der Kategorie abgeschlossen hatte, zog dagegen den Kürzeren, genau wie "The Marvelous Mrs. Maisel", die große Gewinnerin 2018. Nein, die Academy-Mitglieder wählten eine Serie mit einer komplexen weiblichen Hauptfigur, die sich herkömmlichen Kategorien entzieht. Und von wegen Comedy: Hat man in den letzten Jahren etwas Tragischeres gesehen als diese hochmoderne Großstadt-Geschichte?

Waller-Bridge war auch noch an einem anderen Emmy beteiligt: Jodie Comer gewann den Preis für die Beste Hauptdarstellerin in einer Drama-Serie, nämlich "Killing Eve". Und das Drehbuch dazu stammt von, na klar, Waller-Bridge. Neben diesem Erfolg verblasste beinahe der historische Sieg des Fantasy-Schlachtengemäldes "Game of Thrones", das noch einmal abräumte. Überraschend daran war höchstens, dass es diesmal "nur" für zwei Preise in Hauptkategorien reichte, zusätzlich allerdings zu den zehn, die es zuvor schon für die technischen Gewerke geregnet hatte.

Nun ist der Dinosaurier unter den Fernsehserien endgültig abgetreten und machte Platz für weitere Überraschungen: die Auszeichnung für Billy Porter als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie ("Pose") etwa, der schwarz ist und offen homosexuell lebt. Oder Jharrel Jeromes Trophäengewinn für seinen fulminanten Auftritt in der Hauptrolle der Mini-Serie "When They See Us". Auch wenn das hoch gehandelte Rassismus-Drama von Netflix ansonsten zu den Verlieren des Abends zählte: nominiert in 16 Kategorien, aber nur in zweien ausgezeichnet.

Mit "Chernobyl", "Succession" und "Black Mirror: Bandersnatch" wurden weitere Serien und Filme geehrt, die visuell kraftvoll, politisch deutlich und dramaturgisch knifflig virulente Geschichten erzählen, die die Gegenwart auf so spannende wie unterhaltsame Weise reflektieren.

Die Emmys haben also durchaus ein wenig Kontur in den amorphen Ozean aus TV-Serien gebracht - für jetzt. Denn mit Apple+ und Disney+ stehen bereits zwei neue Player in den Startlöchern, nächstes Jahr kommen mit HBO Max und Peacock von NBC/Universal zwei weitere dazu. Dann wird der Ozean noch einmal anschwellen - und die Amerikaner müssen sich einen neuen Namen für ein neues Fernsehzeitalter ausdenken.

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