Oliver Kaever

Mangelnde Diversität bei den Emmy Awards Eine Palastrevolution ist nicht genug

Oliver Kaever
Ein Kommentar von Oliver Kaever
Die Emmys schreiben Geschichte: Erstmals gewannen Streamingdienste die meisten US-Fernsehpreise. Erschreckend gestrig mutet da an, dass schwarze Künstlerinnen und Künstler erneut übersehen wurden.
»The Crown« ist die am meisten ausgezeichnete Serie bei den Emmy Awards 2021

»The Crown« ist die am meisten ausgezeichnete Serie bei den Emmy Awards 2021

Foto: Des Willie / dpa

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»The Crown«, »Das Damengambit« und »Ted Lasso« sind sehr unterschiedliche Serien, seit Sonntagnacht eint sie die Auszeichnung mit dem US-Fernsehpreis Emmy in den Kategorien beste Dramaserie, beste Miniserie und beste Comedy-Serie. So weit, so wenig überraschend, alle drei galten als Favoriten in ihren jeweiligen Kategorien. Und doch darf man die Preisverleihung als historisch bezeichnen, denn die drei Gewinner eint noch etwas: Alle drei wurden von Streamingkonzernen produziert. Und die haben zum ersten Mal bei den Emmy-Awards die meisten Preise auf sich vereinen können.

Erstmals gelang es Netflix, an der Bezahlsender-Konkurrenz von HBO vorbeizuziehen, dem sicheren Sieger der vergangenen Jahre. 44 Preise gewannen die Streamer aus Kalifornien, das sind nicht nur die meisten in diesem Jahr, sondern auch ein Rekord, den Netflix sich nun mit CBS teilt. Der Sender stellte ihn vor 47 Jahren auf, das ist lange her. In diesem Jahr wirkten die klassischen Fernsehsender noch stärker wie eine aussterbende Spezies. Nur ein einziger Preis ging an einen der ehemaligen großen Vier: die Auszeichnung von »Saturday Night Live« (NBC) als beste Sketch-Serie. Für CBS, Fox und ABC gab es keine Trophäe.

Natürlich ist auch wahr, dass die Streamingdienste bisher nur 25 Prozent des amerikanischen Fernsehmarktes auf sich vereinen, das gesteht Netflix-Chef Reed Hastings in einem aktuellen SPIEGEL-Gespräch zu . Man sollte die klassischen Sender also nicht zu früh abschreiben. Sie konzentrieren sich jedoch immer stärker auf Nachrichten und Sport, während die Emmy-Verleihung wieder deutlich gezeigt hat, dass sie in Sachen Qualitätsserien und Unterhaltung aus dem Rennen sind. Dort spielt neben Netflix, Amazon, Apple und Disney+ nur noch HBO eine wichtige Rolle. Das ist eine Palastrevolution, die man sich so noch vor wenigen Jahren nicht hätte vorstellen können.

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Emmy Awards 2021

Foto: Chris Pizzello / AP

Das Goldene Zeitalter der Serien geht also weiter. Und die Emmy-Juroren sehen sich einmal mehr vor das Problem gestellt, die Masse des Angebots zu bewältigen. Das zeigte sich besonders in der Kategorie Miniserie, ohnehin das Kronjuwel des Serien-Genres. Dort waren fünf Produktionen nominiert, die alle ohne Abstriche das Anrecht auf einen Preis gehabt hätten. Am Ende gewann »Das Damengambit«, Kate Winslet wurde für ihre Rolle in »Mare of Easttown« als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Man hätte die beiden Preise genauso gut anders herum auswürfeln können, dann hätte die famose Anya Taylor-Joy für ihre Darbietung als beste Schachspielerin in »Das Damengambit« gewonnen.

Geradezu absurd mutet dagegen an, dass mit der Rassismus-Studie »The Underground Railroad«, ein bildgewaltiges, zutiefst berührendes und gesellschaftlich hochrelevantes Werk, eine der wichtigsten Miniserien völlig leer ausging. Während die nicht weniger radikale, ebenfalls von einer schwarzen Frau erzählende Serie »I May Destroy You« sich mit dem Preis für das beste Drehbuch zufriedengeben musste.

Die bildgewaltige Serie »The Underground Railroad«, Verfilmung des Pulitzer-prämierten Romans von Colson Whitehead, bekam bei sieben Nominierungen keinen einzigen Preis

Die bildgewaltige Serie »The Underground Railroad«, Verfilmung des Pulitzer-prämierten Romans von Colson Whitehead, bekam bei sieben Nominierungen keinen einzigen Preis

Foto: Kyle Kaplan / Amazon Studios

Schon wird im Internet unter dem Hashtag »#EmmysSoWhite« Kritik an der Veranstaltung laut, sie habe einmal mehr People of Color die künstlerische Anerkennung verweigert, die sie verdient hätten. Nominiert waren zwar so viele Kreative aus unterschiedlichen kulturellen Gruppen wie nie zuvor, gewonnen haben aber wieder größtenteils diejenigen mit weißer Hautfarbe.

Weitere Palastrevolutionen sind also bitter nötig.

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