Enissa Amanis Antwort auf WDR-Sendung »Die letzte Instanz« »Wir müssen ran, sonst machen es andere für uns«

Auf Instagram ist Enissa Amani eine Macht, auf YouTube hat sie nun eine Antwort auf das WDR-Debakel »Die letzte Instanz« organisiert – und öffnete damit einen Raum, den es im Fernsehen so nicht gibt.

Es lernt, wer lernen will, nie aus.

Vor Jahrzehnten benutzte, wer Menschen mit dunkler Hautfarbe beleidigen wollte, den groben B-Begriff. An seine Stelle ist das N-Wort getreten. Neuerdings verwendet, wer Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht verletzen, retraumatisieren, beleidigen oder einfach nur langweilen will, nicht einmal mehr das frühneuzeitliche »Wort, das für Schokoküsse« verwendet wurde. So umschreibt Enissa Amani das »M-Wort« in ihrer auf Instagram angekündigten und auf YouTube ausgestrahlten Gesprächsrunde »Die beste Instanz«.

Amani ist eine einflussreiche Unterhaltungskünstlerin für ein Publikum, zu dem das Öffentlich-Rechtliche nicht mehr vordringt. Auf Instagram folgen ihr mehr Menschen, als Frankfurt am Main an Einwohnern zählt. Knapp 770.000 Follower sind eine Macht. Wer die in Teheran geborene Komikerin allzu süffisant eine »Komikerin« nennt, kann sich warm anziehen. Dann verwandelt sich Amani flugs in eine rachsüchtige Erinnye und hetzt ihre Gefolgschaft auf die Zielperson.

Stuhlkreis vor Glaswand

Diesmal war es der WDR, der ihren heiligen Zorn zu spüren bekam. Als Antwort auf das WDR-Debakel »Die letzte Instanz« organisierte und moderierte Amani eine Gegenveranstaltung: »Die beste Instanz«, ein Talk über Rassismus diesmal nicht ohne, sondern ausschließlich mit von Rassismus betroffenen Menschen. Sie hat eine Halle gemietet, »Gesundheitsbeauftragte« geholt, »die uns alle testen lassen, ich hab' ein Kamerateam und hab' das, wenn ich das jetzt an dieser Stelle so sagen darf, einfach aus eigener Tasche gemacht und mach jetzt diese Sendung«.

In einem Stuhlhalbkreis vor Glaswand empfing sie Natasha A. Kelly, Kommunikationswissenschaftlerin, Feministin und Autorin mehrerer Bücher zum Thema. Steht alles drin. Gianni Jovanovic war da, queerer Comedian, Großvater und eloquenter Aktivist für die Belange der Sinti und Roma. Nava Zarabian von der Bildungsstätte Anne Frank deckte die wissenschaftliche Flanke. Der freie Journalist Mohamed Amjahid schreibt Kolumnen und ebenfalls Bücher zum Thema, in denen ebenfalls alles drinsteht. Max Czollek ist Lyriker, Coach und als Publizist für mehrere Tageszeitungen tätig, auch er ein beredter Kritiker der »Mehrheitsgesellschaft«.

Über die toxischen Implikationen der Idee von der Integration hat Czollek das Buch »Desintegriert Euch!« geschrieben. Als ihm scherzhaft vorgeschlagen worden war, in Zeiten der Pandemie ein Buch namens »Desinfiziert Euch!« zu schreiben, habe der bei diesem Gag anwesende Michel Friedman nicht lachen können. Die Anekdote führt – nach wortreicher Vorstellung aller Anwesenden und herzlicher Versicherung gegenseitiger Wertschätzung, wir sind hier nicht beim Fernsehen! – mitten ins Thema.

Sprache also, beziehungsweise: »Warum beharrt die vermeintliche Mehrheitsgesellschaft auf Nutzung der Schimpfworte?«, schließlich war, zumindest beim WDR, ein gewisses Beharrungsvermögen spürbar. Czollek »würde nicht von Mehrheitsgesellschaft reden, sondern von Dominanzkultur. Das Interessante an der Dominanzkultur ist die Arroganz, mit der sie die Gegenwart wahrnimmt«. Eine unterstellte Haltung, die Jovanovic milder fasst: »Mich verletzt das Wort nicht, also ist es auch nicht verletzend«.

Nun sind es im Fernsehen (und nicht nur beim WDR) tatsächlich Vertreter der Mehrheitsgesellschaft, die mit privilegierter Nonchalance auch heikle Themenfelder abschlendert, die sich gar nicht übersehen kann. Die Vielfalt der Gesellschaft ist selten abgebildet. Und wenn mal eine Betroffene geladen ist, ist sie gewöhnlich in der Unterzahl. Schlimmstenfalls eine Person, wie Kelly sagt, »die noch nicht ihren politischen Bewusstseinsprozess durchgemacht« hat.

In »Die beste Instanz« war das anders. Anstatt wechselseitig den Rassismus zu bagatellisieren, beleuchteten die Gäste dessen unterschiedliche Ausprägungen. Amani war zu verdanken, dass die Veranstaltung nicht zum Proseminar geriet. Als Moderatorin will sie gern selbst etwas lernen und stellt Fragen, »die ihr wahrscheinlich müde seid, das zu erklären«.

Warum die »Kartoffel« für Deutsche vollkommen okay ist

So erfährt, wer’s noch nicht wusste, das auch der vermeintlich keimfreie Begriff »Antiziganismus« falsche Konnotationen reproduziert, weil sich darin noch immer das Z-Wort verbirgt. Es müsse »Anti-Sinti- oder Anti-Romanismus« heißen, schlägt Jovanovic vor, oder einfach: »Rassismus gegen Sinti und Roma«. Übrigens steht auch der Begriff »Z-Wort« selbst bereits unter Beobachtung, weil das Z … es ist kompliziert. Für den Übergang, da ist sich die Runde einig, brauche man aber noch die Abkürzung.

Einleuchtend erklärt wird auch, warum »Kartoffel« für Deutsche vollkommen okay ist. Ein wenig wackliger ist die Absolution für den »Bullen« als Bezeichnung für einen Polizeibeamten. Letzteres sei, meint Amani, doch »ganz klar« ein angenehmes Tier. Und »warum ist Alman erlaubt«? Um Erlaubnisse gehe es nicht, stellt Amjahid halb resigniert, halb begütigend fest: »Man kann nichts verbieten, aber es gibt Widerspruch«. Und diesen Widerspruch von vermeintlichen Minderheitsgesellschaften »kann man nicht mehr abschalten«. Oder, wie Czollek sagt: »Wir kommen jetzt, wir übernehmen den ganzen Laden«.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Auf YouTube ist Amani keine Großstadt, vor der Sendung eher ein Dorf mit 9610 Einwohnern. 44 Likes gab es vor Beginn der Sendung, nach zehn Minuten schauten 1736 Leute rein, am Ende waren es beinahe 5000, um Mitternacht schon 30.000. Das ist tatsächlich schon mehr, als die »Die letzte Instanz« üblicherweise bei der »werberelevanten Zielgruppe« erreicht. Immerhin hat jeder vierte Mensch in diesem Land einen Migrationshintergrund. Wenn das eine »Minderheit« sein soll, dann ist sie ziemlich groß. Nicht auszudenken, die tun sich zusammen! Und reden miteinander! Über strukturellen Rassismus! »Wir müssen ran«, sagte Jovanovic, »sonst machen es andere für uns«.

Sollte ein so gigantischer Apparat wie der WDR wirklich nicht in der Lage gewesen sein, kurzfristig ein vergleichbares Format auf die Beine zu stellen? Schlimm wäre, fehlte ihm dazu die Fähigkeit. Schlimmer wäre, fehlte ihm dazu der Willen. Und wenn die öffentlich-rechtlichen Räume verschlossen oder zu eng sind, weicht die gesellschaftsrelevante Zielgruppe eben in »safe spaces« aus.