Erster weiblicher "Doctor Who" Viel Lärm um was?

Jodie Whittaker soll als erste Frau die Hauptrolle in der britischen Kultserie "Doctor Who" spielen - und natürlich musste in den sozialen Medien ein Shitstorm folgen. Oder doch nicht?
Jodie Whittaker

Jodie Whittaker

Foto: Joel Ryan/ Joel Ryan/Invision/AP

"Ich will den Fans sagen, dass sie keine Angst vor meinem Geschlecht haben sollen", sagte die Schauspielerin Jodie Whittaker, nachdem vergangene Woche bekannt wurde, dass sie als erste Frau überhaupt die reguläre Hauptrolle in der britischen Sci-Fi-Serie "Doctor Who" spielen soll.

Das ist aus der Defensive argumentiert - die jedoch angesichts vergangener Erfahrungen völlig verständlich ist: Bereits Monate vor dem Starttermin wurde etwa der neue "Ghostbusters"-Film, in dem ausschließlich Frauen die Hauptrollen spielten, im Netz angefeindet - der Twitteraccount des ultrarechten Publizisten Milo Yiannopoulos wurde damals gesperrt, nachdem er die afroamerikanische Darstellerin Leslie Jones übel beleidigt hatte, Yiannopoulos' Fans überzogen Jones zudem mit rassistischen Beschimpfungen. Jones wehrte sich zunächst in dem sozialen Netzwerk, zog sich am Ende aber zurück. Kurz nach dem Start des Films wurden durch einen Hack zudem private Dokumente und Nacktfotos der Schauspielerin veröffentlicht.

Damals zeigten sich die dunkelsten und sexistischsten Seites der Netzöffentlichkeit. Dennoch: Kann es sein, dass diesmal etwas anders läuft? "Es gab so viele Artikel über abwehrende Reaktionen unter den Doctor-Who-Fans wegen des weiblichen Doctors", sagte Steven Moffat , Drehbuchautor und aktueller Showrunner der Serie bei der BBC, jetzt auf der Popkulturmesse Comic-Con. "Es gibt keinen Backlash." Und weiter: "So viele Menschen wollen so tun, als gäbe es ein Problem. Es gibt keins. Es ist unglaublich fortschrittlich und aufgeklärt. Ich wünschte, dass jeder Journalist, der etwas anderes schreibt, die Klappe halten würde."

Auf ständiger Reise durch Raum und Zeit

Für Nicht-Fans: Die Steampunk-Sci-Fi-Serie "Doctor Who", die seit 1963 (mit einer Unterbrechung von 1989 bis 2005) von der BBC ausgestrahlt wird, genießt in Großbritannien einen Kultstatus, der vergleichbar ist mit dem deutschen "Tatort"-Hype. "Doctor Who" erzählt die Abenteuer eines Außerirdischen, dem "Timelord", der gemeinsam mit wechselnden menschlichen Begleitern durch All und Zeit reist - und meist als allwissendes Genie charakterisiert wird. Die zwölf bisherigen Timelords - u.a. gespielt von Matt Smith ("The Crown"), David Tennant ("Jessica Jones") und zuletzt Peter Capaldi ("The Thick of It") - waren dabei stets Männer, die Begleiter in der Regel weiblich.

Eine Umkehrung dieses Besetzungsmusters galt schon länger als wahrscheinlich. Und nachdem die BBC vergangene Woche bekanntgegeben hatte, dass Whittaker Capaldi ablösen würde, überwogen in Zeitungskommentaren und sozialen Netzwerken die positiven Reaktionen: Der britische "Star Wars"-Darsteller John Boyega schrieb auf Twitter: "Ich bin so stolz auf Jodie Whittaker. Sie wird fantastisch werden." Die Schauspielerin Freema Agyeman, die vor einigen Jahren die Doctor-Begleiterin Martha Jones spielte, schrieb in dem sozialen Netzwerk: "Veränderung ist kein Schimpfwort." Drehbuchautor Chris Chibnall, der neuer Showrunner der Sendung werden soll, sagte: "Ich wusste schon immer, dass der 13. Doctor eine Frau sein sollte, und wir sind begeistert, dass es mit unserer ersten Wahl geklappt hat."

Gleichzeitig gab und gibt es aber auch Berichte über eine abwehrende Haltung in der Zuschauerschaft: In einem Gastbeitrag  für den "Guardian" schrieb der Schauspieler Colin Baker, der den sechsten Doctor spielte, er sei geschockt von der Reaktion einiger Menschen, die sich selbst als Fans beschreiben. "Manche, die ich kenne, schwören, die Sendung nie mehr wieder anzusehen." Das Gesellschaftsmagazin "Vanity Fair"  schrieb von "Aufruhr" und stützte sich dabei auf Zitate von Twitternutzern, etwa: "Political Correctness sollte im Weltall nicht existieren" und "Die BBC will eure Kinder einer Gehirnwäsche unterziehen".

Womöglich nur ein medialer Reflex?

Dass eine weibliche Besetzung Pöbler und Frauenfeinde innerhalb der Netzöffentlichkeit auf den Plan ruft, ist leider klar. Ob solche Phänomene aber von den Medien zu stark gewichtet werden, wie Moffat andeutet, eben weil die Erwartung eines sexistischen Shitstorms - auch vor dem Hintergrund vergangener Erfahrungen à la Ghostbusters - so groß ist, ist eine interessante Frage.

Vielleicht ist Whittaker tatsächlich ein Beispiel für ein Meinungsklima im Netz, in dem die aufgeklärte "Because it's 2017"-Attitüde so klar überwiegt, dass die Trolle eigentlich gar nicht so laut zu hören sind. Übrig bliebe dann - mancherorts - ein medialer Reflex, der etwas größer macht, als es sein muss.

Peter Davison, der den fünften Doctor in den frühen Achtzigern spielte, sagte zum "Guardian"  über die weibliche Besetzung: "Wenn ich irgendwelche Zweifel habe, dann ist es, dass ein Vorbild für Jungs verlorengeht - für die, denke ich, ist Doctor Who von großer Bedeutung. Ich bin darüber etwas traurig, aber ich verstehe das Argument, dass man die Figur öffnen muss. Als Zuschauer mag ich die Idee eines Doctor, der ein Mann ist, aber vielleicht bin ich auch ein altmodischer Dinosaurier - wer weiß?"

Das ist natürlich keine progressive Haltung. Gleichzeitig reichten Davidsons Gegner im Netz aber häufig nur den Fetzen weiter, in dem er über das fehlende Jungs-Vorbild klagte (der ironische Kommentar von der US-Publizistin Andi Zeisler dazu auf Twitter etwa: "Oh nein, wo werden die weißen Jungs denn andere männliche Vorbilder finden - außer buchstäblich überall?"). Vielleicht war der verkürzte Ausschnitt aus dem Statement des 66-Jährigen unter anderem auch deshalb so populär, weil er besser als die mildere, aus der Zeit gefallene Altväterlichkeit der gesamten Passage zum geballten konservativen Gegenangriff passte, der von manchen antizipiert worden war.

Gleichzeitig, auch das gehört zur reflexhaften Reaktion auf den ersten weiblichen Doctor, wählten manche traditionellen Medien durchaus eine Herangehensweise, die Frauen reduziert: Um die Artikel über den neuen Doctor zu bebildern,  veröffentlichten die Boulevardzeitungen "Sun" und "Mail Online" Nacktfotos von Whittaker aus vorherigen Filmauftritten. Auch das ist 2017.

eth