ESC-Vorentscheid Kein bisschen Frieden (und auch sonst wenig Hoffnung)

Schwere Zeiten für leichte Unterhaltung: Der deutsche Vorentscheid zum Eurovision Song Contest müht sich um Ukraine-Solidarität, hat einen bewegenden Moment – und findet im schwachen Feld einen Sieger.
Konfettiregen und Solidaritätsgeste: Deutschlands Vertreter beim ESC 2022 ist Malik Harris

Konfettiregen und Solidaritätsgeste: Deutschlands Vertreter beim ESC 2022 ist Malik Harris

Foto: Gerald Matzka / POOL / EPA

Der deutsche Vorentscheid zum 66. Eurovision Song Contest (ESC) stand schon von Vornherein unter keinem guten Stern. Die Vorjury, besetzt mit Radioleuten, hatte aus 944 Einreichungen sechs Variationen eines harmlosen, radiotauglichen Popsounds ausgewählt – und der federführende Norddeutsche Rundfunk (NDR) ließ sich auch durch eine Internetpetition  mit über hunderttausend Unterstützern nicht in dieser Auswahl beirren. Und dann griffen am 24. Februar russische Truppen die Ukraine an.

Erschwerte Bedingungen für light entertainment. Leichte Unterhaltung, das ist der ESC ja eben doch vor allem, aller Verbissenheit im Kampf um die Punkte und allem völkerverbindenden Überbau zum Trotz. Ein Vergnügen für die ganze Familie und die ganzen Wahl- und Ersatzfamilien. Der plötzlich unausweichliche Ernst des Kriegs löste hektische Betriebsamkeit aus.

International wurde Russland von der Teilnahme am Wettbewerb in Turin Mitte Mai ausgeschlossen. Im deutschen Fernsehen wurden Sendezeiten wild umhergeschoben – der eigentlich in die dritten Programme abgeschobene ESC-Vorentscheid »Germany, 12 Points« durfte doch wieder ins Erste einziehen, aber eingerahmt von einer Spendensammelsendung, moderiert von Ingo Zamperoni, der darin alle Mühe hatte, die aus Lwiw stammende, in Köln lebende Sängerin Mariana Sadowska verbal einzufangen, als sie zu Spenden für die kämpfenden Kräfte aufrief – schließlich könne die Freiheit nicht mit bloßen Händen verteidigt werden.

Harscher Bruch zum Vorprogramm also, als dann Barbara Schöneberger mit dem Mannheimer Comedian Bülent Ceylan zu Ehren des Vorjahressiegerlandes Italien kabarettistische Variationen der Italo-Pop-Klassiker »Gloria« (Umberto Tozzi), »Felicità« (Al Bano & Romina Power) und »Zitti e buoni« (Måneskin) darbot – Trickkleid und Selbstkasteiung ob der schlechten deutschen Punktausbeute inklusive. Doch Schönebergers Popularität hat viel damit zu tun, dass sie das eben kann: In aussichtsloser Lage einfach weiterzumachen und doch noch einen einigermaßen guten Gag zu finden.

Selbst Barbara Schöneberger konnte aber nichts retten, wenn es um die Auftritte der sechs Hoffnungsträger für Turin ging. In das übersichtliche Studio in Berlin-Adlershof war eine Videowand hineingestellt worden, die die große weite Show-Welt simulieren sollte. Darauf wurden dann aber doch bloß naiv Songzeilen eins zu eins in Illustration übersetzt. Auf der Bühne davor gab es Windmaschineneinsatz und in Seifenblasen hampelnde Tänzerinnen und Tänzer, das schon. Doch das ganze Setting erinnerte an eine in der Provinz gastierende Musicalshow, bei der man ja bei allen Bühnenrequisiten und Lichtstrahlen doch auch die Mehrzweckhalle immer noch erkennt.

Aber geht es nicht um die Lieder, geht es nicht ums Singen? Gleich zwei der sechs Acts hatten größere Textaussetzer, und auch den anderen gelang es nicht, Präsenz auszustrahlen – den Willen, die Starqualität, sich herauszuheben aus der misslichen Umgebung. Das fröhliche Bud-Spencer-Terence-Hill-Duo Maël und Jonas aus Koblenz mühte sich redlich mit seinem Pop-Punk-Song und viel Energie. Und die Crew um den B-Liga-Rapper Nico Suave hatte sogar kurzfristig einen komplett neuen Text eingeübt. Das war auch gut so: Zeilen wie »Hallo Welt, wie geht's dir? Warum so down? Warum gibst du negativen Vibes nur so viel Raum?« hatten angesichts der Lage schlimmste Peinlichkeitsmomente befürchten lassen. Nun war daraus ein ukrainetauglicheres »Hallo Welt, ich seh dich! Das macht mich down« geworden.

Solidarität als Suchspiel

Überhaupt, die Ukraine: Hier wurden die Solidaritätsgesten zum Suchspiel – wo haben sich denn die blau-gelben Farben versteckt? In den Streifen des V-Ausschnitt-Kragens? Im Augen-Make-up? In den Schweißbändchen der Musiker? Am klarsten war da der spätere Sieger, Malik Harris, der zum Ende seines Auftritts auf der Rückseite seiner Gitarre den Klebestreifen-Schriftzug »Stand with Ukraine« präsentierte. Dann wurde er wie alle anderen von Moderatorin Schöneberger mit einem Satz wie »Na, hast es geschafft« empfangen – als handele es sich hier um Abiturienten nach dem Mündlichen und nicht um Künstler, die um ihre große Chance auf Ruhm singen.

Während das TV-Publikum noch zu grübeln hatte, welcher dieser sechs Titel wohl das kleinste Übel sei, wurde im Studio ein ESC-Klassiker-Medley inszeniert, das mit Nicoles »Ein bisschen Frieden« endete. Doch der Versuch, mit dem überschaubaren Studiopublikum (Corona gibt es auch noch – huch, die FFP2-Masken sind ja alle gelb und blau!) ein stimmungsvolles Singalong für den Frieden hinzubekommen, wollte nicht recht zünden.

Schreien für Frieden in der Ukraine: ESC-Siegerin Jamala

Schreien für Frieden in der Ukraine: ESC-Siegerin Jamala

Foto: Gerald Matzka / POOL / EPA

Also war es an der wirklichen Welt, für die bewegenden Momente des Abends zu sorgen: Die ukrainische ESC-Gewinnerin von 2016, Jamala, berichtete von ihrer Flucht aus dem Heimatland, allein mit ihren beiden Kindern, den Mann musste sie zurücklassen. »Ich werde schreien, damit die ganze Welt hört, dass es so nicht weitergehen kann«, kündigte sie ihren Auftritt mit dem Siegerlied »1944« an. Es handelt von der Deportation der Krimtataren als angebliche »antisowjetische Propagandisten« aus Sicht derer, deren Heimat überfallen wurde – um den Bezug zur Gegenwart herzustellen, reichte die große ukrainische Flagge, die Jamala bei ihrem eindrucksvollen Gesang trug.

In den Gänsehautmoment hinein seufzte Barbara Schöneberger: »Noch nie haben wir den Schnelldurchlauf so dringend gebraucht wie jetzt« – ach je, stimmt ja, es galt ja einen deutschen Beitrag zu finden. Bei der Onlineabstimmung des Publikums der ARD-Radiosender ergab sich ein Ergebnis, so gleichförmig wie die Musiklandschaft, die man bei einer Fahrt durch Deutschland im Autoradio präsentiert bekommt. Doch durch das Televote der Fernsehzuschauer zog der zuvor zweitplatzierte Malik Harris noch an Maël und Jonas vorbei: Sein »Rockstars« wird Deutschland Mitte Mai in Turin vertreten.

Wird der Song dort Chancen haben auf ein besseres Ergebnis als die letzten deutschen Beiträge? Allzu große Hoffnungen sollte man nicht hegen. Die eher getragene Hymne an die unbeschwerten Zeiten der Jugend tut nicht weiter weh, wird aber musikalisch nicht sonderlich herausstechen. Das besondere Element ist eine gerappte Strophe, in der sich Malik Harris von Zeile zu Zeile mehr in Rage redet – doch das wird das internationale Publikum vor allem an Eminems »Stan« erinnern, auch schon über 20 Jahre alt.

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Ein bisschen Charisma hat Malik Harris schon, der Sohn des einstigen Sat.1-Talkshow-Moderators Ricky, der mit Käppi und Schild anfeuerte. Sein Auftritt ist betont unprätentiös, allein zwischen verschiedenen Instrumenten, in T-Shirt und Jeans. »Oh nee, ich muss so pinkeln«, ist Harris' Reaktion, als Barbara Schöneberger ihn erinnert, dass er »Rockstars« noch einmal im Konfettiregen singen muss. Nett. Selbstsicher. Radiotauglich. Aber wahrscheinlich nicht auffällig genug zwischen 25 anderen Finalisten.

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