Eurovision-Chefin Deltenre "Ein Imageschaden? Glaube ich null"

DPA

2. Teil: "Wir sind hier neutral"


SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie stehen für Meinungsfreiheit ein - aber die EBU spricht keine Sanktionen gegen ihre Mitglieder aus, wenn echte Meinungsfreiheit ausbleibt.

Deltenre: Wenn es um Meinungs- und Pressefreiheit geht, ist oft nicht der Sender, sondern die Regierung das Problem. Sie müssen unterscheiden, was kann das EBU-Mitglied, also der Sender, leisten in einem Land - und ich spreche jetzt nicht von Aserbaidschan, ich kann auch von Weißrussland sprechen - wo die Regierung gar kein Interesse an einer Entwicklung von echtem Journalismus hat. Die Grundidee der EBU ist eine der Solidarität und nicht des Ausschlusses. Die EBU ist der Meinung, dass auf lange Sicht gesehen das ständige Arbeiten, der ständige Dialog zu einer Verbesserung führt.

SPIEGEL ONLINE: Jørgen Franck, der Fernsehdirektor der EBU, sagt: "Wir stehen für Veränderung zum Besseren und für demokratische Grundrechte. Dafür kämpfen wir in Europa. Aber wir nehmen nicht aktiv teil an dem Prozess, das lassen wir andere machen." Können Sie das erklären?

Deltenre: Franck ist verantwortlich für den Song Contest. Er spricht nur für den ESC, nicht für die EBU. Der ESC ist eine Veranstaltung mit einer langen Tradition und klaren Regeln: Wer gewinnt, ist im nächsten Jahr Veranstalter. Diese Regel werden wir, so lange ich hier bin, nicht ändern. Wenn wir den ESC politisieren würden und Mitglieder zweiter Klasse einführen, bei denen, was sich im Land abspielt, nicht genau unseren Standards entspricht, und die deshalb keine Ausrichter werden können - dann wäre der ESC tot. Es ist ein Event, das Brücken baut. Das heißt aber nicht, dass wir als Institution keine klaren Vorstellungen haben, was zu einer funktionierenden Demokratie gehört, nämlich unabhängige, gute, vielfältige Medien.

SPIEGEL ONLINE: Der ESC aber kann in jedem Land stattfinden, unabhängig vom politischen System?

Deltenre: Ja. In jedem Mitgliedsland.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Weißrussland.

Deltenre: Das ist heute die Haltung des Verbandes, ganz klar.

SPIEGEL ONLINE: Die EBU hat kürzlich sogar selbst erwähnt, dass der Song Contest auch 1969 in Spanien unter Franco stattgefunden hat. Was ist die Botschaft, bewusst darauf hinzuweisen, dass der ESC nicht einmal da Berührungsängste hatte?

Deltenre: Der ESC ist ein Fernsehereignis, das die Leute zusammenbringen und niemanden ausschließen will. Es ist ein integrierendes Event, kein ausschließendes.

SPIEGEL ONLINE: Die EBU hat sich von der aserbaidschanischen Regierung Garantien geben lassen, dass sie im Rahmen des Grand Prix die Menschenrechtskonvention achten wird und die Freiheit und Sicherheit aller Beteiligten und Berichterstatter gewährleistet. Ist das nicht zynisch: Wir schaffen einen künstlichen Mini-Rechtsstaat in einem Land, wo das Recht sonst nicht respektiert wird?

Deltenre: Die Kritik könnte ich verstehen, wenn es so wäre. Aserbaidschan hat als Mitgliedsland des Europarats die europäische Menschenrechtskonvention unterschrieben, die gilt für das ganze Land.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssten Sie sich das ja nicht eigens garantieren lassen.

Deltenre: Ich kann legitimerweise keine Sicherheiten für ein ganzes Land verlangen, das neun Millionen Einwohner hat. Ich kann nur verlangen, dass die Veranstaltung in einem sicheren Rahmen durchgeführt wird. Und dass die Sicherheit aller, die an der Veranstaltung teilnehmen wollen, garantiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn also in Baku in den nächsten Wochen regierungskritische Demonstranten verhaftet würden, wäre das der EBU egal, solange kein ESC-Teilnehmer oder -Besucher dabei ist?

Deltenre: Ich gehe davon aus, dass diejenigen, die sich an das Recht halten, friedlich demonstrieren können.

SPIEGEL ONLINE: Unterstützen Sie das Musikfestival "Sing For Democracy", das Regimekritiker parallel veranstalten?

Deltenre: In keiner Form. Wir sind hier neutral.

SPIEGEL ONLINE: Andererseits begibt sich die EBU in der Diskussion immer wieder in die Rolle eines Sprechers der aserbaidschanischen Regierung - wenn ihre Vertreter etwa von der Sicherheit in der Stadt schwärmen oder behaupten, die Menschen, die aus den abgerissenen Häusern in der Nähe der neugebauten Kristallhalle vertrieben wurden, wo der ESC stattfinden wird, seien ordentlich entschädigt worden.

Deltenre: Ich weiß nicht, ob die Abgeltung angemessen war, dazu würde ich mich nicht äußern. Das müssen die Nichtregierungsorganisationen mit der Regierung abklären.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass das Image der EBU leidet?

Deltenre: Dass die Tatsache, dass der ESC in Aserbaidschan stattfindet, dem Image der EBU auch nur im Geringsten abträglich ist, glaube ich null. Die Veranstaltung ist für viele Länder eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Alle, die ihn austragen, nicht nur Aserbaidschan, nutzen sie, sich im besten Licht zu zeigen. Und das ist legitim. Und dass wir jetzt ein Interview führen und Sie sich für die Menschenrechte in Aserbaidschan und für die EBU interessieren - das verdanken wir dem Eurovision Song Contest.

Das Interview führte Stefan Niggemeier

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 09.05.2012
1. Mit welcher
Zitat von sysopDPADie Europäische Fernsehunion (EBU) richtet den Eurovision Song Contest aus. Im Interview warnt EBU-Chefin Ingrid Deltenre vor dem Tod des Grand Prix durch zu viel Politik - und bestreitet, der Regierung Aserbaidschans eine Propaganda-Plattform zu geben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,831791,00.html
Naivität doch von westlichen "Personen" über die Politisierung oder sogar "nicht Politisierung" Wir wollen doch nur Fußi und wir wollen doch nur "wunderschöne Musik machen" geredet wird, das grenzt schon an ultimativer Realitätsentfremdung. Ausländische Politiker nutzen Den Eurovisions Contest und die EM als Ihre Bühne und schlachten das auch weitlich aus. und hier versteckt man sich immer noch in obersozialen Kuschelgruppen. Schwafelt einen Blödsinn der haarsträubend ist. Diese Veranstaltungen haben ihre nonpolitische Unschuld schon lange verloren. Und wenn da jemand nicht mitspielen mag von denen, dann müssen sie halt alleine spielen. Sich dem auch noch anzubiedern oder perverser noch in der F1 einfach die Augen zu verschliessen und sein Rennen zu fahren. Sry aber hier wird uns allenthalben immer wieder mit Menschenrechten und unserer ach so schlimmen Vergangenheit gekommen. Ich finde es ist zeigt dem traurigen Rest zu zeigen das wir sie nicht brauchen. Weder die Formel 1 noch Eurovison oder EM und schon gar keine Politiker in Aserbaidschan in der Ukraine oder einem wild gewordenen Wüstenstaat. Ihr wollt spielen? Ok dann für alle nach international gültigen Regeln. Für alle oder gar nichts.
Niamey 09.05.2012
2. Was ein abartiges Gechwätz!
Zitat von sysopDPADie Europäische Fernsehunion (EBU) richtet den Eurovision Song Contest aus. Im Interview warnt EBU-Chefin Ingrid Deltenre vor dem Tod des Grand Prix durch zu viel Politik - und bestreitet, der Regierung Aserbaidschans eine Propaganda-Plattform zu geben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,831791,00.html
Wider besseren Wissens gibt diese Frau solche unerträglichen Statements ab. Aber es geht ja um viel Geld, dass hier verdient und verteilt werden muss. Wenn ich da zurückdenke an die Zeiten als es noch ohne den Glitter ging und nur um die Musik! Ich schaue mir den Mist daher jetzt nicht mehr an! Wer erinnertnsich an die Wellen in der Presse als es um die Spiele in China ging, das Gesülze unser Politiker und die Versicherungen Chinas? Und, was ist daraus geworden?
bene_lava 09.05.2012
3. Internationale Regeln?
Zitat von felisconcolorNaivität doch von westlichen "Personen" über die Politisierung oder sogar "nicht Politisierung" Wir wollen doch nur Fußi und wir wollen doch nur "wunderschöne Musik machen" geredet wird, das grenzt schon an ultimativer Realitätsentfremdung. Ausländische Politiker nutzen Den Eurovisions Contest und die EM als Ihre Bühne und schlachten das auch weitlich aus. und hier versteckt man sich immer noch in obersozialen Kuschelgruppen. Schwafelt einen Blödsinn der haarsträubend ist. Diese Veranstaltungen haben ihre nonpolitische Unschuld schon lange verloren. Und wenn da jemand nicht mitspielen mag von denen, dann müssen sie halt alleine spielen. Sich dem auch noch anzubiedern oder perverser noch in der F1 einfach die Augen zu verschliessen und sein Rennen zu fahren. Sry aber hier wird uns allenthalben immer wieder mit Menschenrechten und unserer ach so schlimmen Vergangenheit gekommen. Ich finde es ist zeigt dem traurigen Rest zu zeigen das wir sie nicht brauchen. Weder die Formel 1 noch Eurovison oder EM und schon gar keine Politiker in Aserbaidschan in der Ukraine oder einem wild gewordenen Wüstenstaat. Ihr wollt spielen? Ok dann für alle nach international gültigen Regeln. Für alle oder gar nichts.
Was bitte sind international geltende Regeln? In Frankreich wurden Romasiedlungen gestürmt und Roma entgegen Internationalen Rechts abgeschoben. In Ungarn gibt es bedenkliche fremdenfeindliche Entwicklungen. Die Schweiz wurde erst kürzlich für Verstöße gegen international anerkannte Regeln der Religionsfreiheit kritisiert. In Deutschland verstösst die Abschiebepraxis von Flüchtlingen aus dem Kosovo gegen internationale Regeln. Heute werden in Deutschland die Verhaftung von Salafisten gefordert zugleich verurteilt man die in Verhaftung von Islamisten in Aserbaidschan und bewertet diese als politische Gefangene. In Brasilien hat Ai festgestellt, dass 2011 mehr als 1000 Menschen durch Poilzisten erschossen wurde. Viele davon mit Anzeichen auf Hinrichtungen. Wo soll künftig noch eine Sport-oder Musikveranstaltung stattfinden?
gladiator66 09.05.2012
4. Deltenre will uns weismachen,
dass diese sinnfreie Getöse in Aserbaidschan (musik genannt-:) irgendetwas im Sinn von Freiheit für die Bevölkerung zu tun hätte!
felisconcolor 09.05.2012
5. Im eigenen Land
Zitat von bene_lavaWas bitte sind international geltende Regeln? In Frankreich wurden Romasiedlungen gestürmt und Roma entgegen Internationalen Rechts abgeschoben. In Ungarn gibt es bedenkliche fremdenfeindliche Entwicklungen. Die Schweiz wurde erst kürzlich für Verstöße gegen international anerkannte Regeln der Religionsfreiheit kritisiert. In Deutschland verstösst die Abschiebepraxis von Flüchtlingen aus dem Kosovo gegen internationale Regeln. Heute werden in Deutschland die Verhaftung von Salafisten gefordert zugleich verurteilt man die in Verhaftung von Islamisten in Aserbaidschan und bewertet diese als politische Gefangene. In Brasilien hat Ai festgestellt, dass 2011 mehr als 1000 Menschen durch Poilzisten erschossen wurde. Viele davon mit Anzeichen auf Hinrichtungen. Wo soll künftig noch eine Sport-oder Musikveranstaltung stattfinden?
gibt genügend lokale Musikereignisse die eine weit höhere Klasse aufweisen. Und damit unterstütze ich dann wirklich auch lokale Künstler. Wer es international mag, es gibt hierzulande ganz tolle Coverbands. Und bei den Sportereignissen ist es genauso. Ich denke mal der kleine Verein vor Ort spielt auch super Fussball und würde sich über mehr Zuschauer absolut freuen.
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