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Eurovision Song Contest: Grand Prix im Glaspalast

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Eurovision-Chefin Deltenre "Ein Imageschaden? Glaube ich null"

Die Europäische Fernsehunion (EBU) richtet den Eurovision Song Contest aus. Im Interview warnt EBU-Chefin Ingrid Deltenre vor dem Tod des Grand Prix durch zu viel Politik - und bestreitet, der Regierung Aserbaidschans eine Propaganda-Plattform zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Frau Deltenre, die Generalversammlung der EBU hat 2010 in Baku eine Erklärung verabschiedet, in der Verhaftungen und Einschüchterungen von Journalisten verurteilt und die Autoritäten aufgefordert werden, gegen Übergriffe vorzugehen. Zwei Jahre später: Sind die Forderungen erfüllt worden?

Deltenre: Es gibt dort nach wie vor Einschüchterungen von Journalisten - das zeigt, dass da noch ein Weg zu beschreiten ist.

SPIEGEL ONLINE: Hatte die Erklärung irgendeine Wirkung?

Deltenre: An was misst man einen positiven Effekt? Wir haben am vergangenen Mittwoch hier in Genf eine Konferenz über Medienfreiheit in Aserbaidschan veranstaltet. Dass die Regierung - vertreten durch den Präsidentenberater Ali Hasanov - daran teilnahm; dass sie sich mit aserbaidschanischen und internationalen Nichtregierungsorganisationen an einen Tisch gesetzt hat und bereit war, jeden einzelnen kritischen Fall zu diskutieren, das zeigt eine große Bereitschaft zum Dialog. Ein Dialog ist immer ein guter erster Schritt in die richtige Richtung.

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ESC-Teilnehmer 2012: Föhnfrisuren, Omis und Engelbert

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SPIEGEL ONLINE: Teilnehmer sehen das anders. Human Rights Watch zum Beispiel sagt, Sie hätten der Regierung ein Podium geboten. Die EBU habe sich "nicht eindeutig, klar und deutlich zu der sich verschlechternden Lage der Medienfreiheit in Aserbaidschan geäußert" und damit ihr Bekenntnis zu diesen Prinzipien in Frage gestellt. Der aserbaidschanische Bürgerrechtler Rasul Jafarow sagt, er hätte das Gefühl gehabt, die EBU arbeite für die Regierung in Baku.

Deltenre: Das finde ich unverständlich. Für mich war wichtig, dass die Regierung dabei ist, weil sie der Veranstaltung eine ganz andere Seriosität und Glaubwürdigkeit gibt. Als Resultat hat sie erklärt, dass sie die Schmutzkampagne gegen die kritische Journalistin Khadija Ismailova als einen "Makel" betrachtet und alles daran setzt, das aufzuklären. Sie hat transparente Verfahren gegen die inhaftierten Journalisten zugesichert. Und wir haben sehr konkrete Aktivitäten für den nationalen öffentlich-rechtlichen Sender Ictimai vereinbart, zum Beispiel Workshops von uns, wie man die Pluralität der Meinungen im Programm erhöhen kann.

SPIEGEL ONLINE: Auch diese Fortbildungsideen stehen schon in der EBU-Erklärung von 2010. Wir reden von Mindeststandards und von bloßen Ankündigungen, die die aserbaidschanische Regierung routinemäßig wiederholt.

Deltenre: Nein, da wird schon was geschehen. Aber die EBU besteht aus 56 Ländern. Wir waren sehr aktiv seit 2010, aber unser Fokus lag nicht nur auf Aserbaidschan. Der Arabische Frühling hat relativ viel Managementkapazitäten und Aufmerksamkeit gebunden.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker sagen, das Programm von Ictimai, das auch den Eurovision Song Contest in diesem Jahr veranstaltet, sei so einseitig und regierungsnah, dass der Sender die EBU-Richtlinien verletze. Überprüfen Sie die Programme Ihrer Mitglieder?

Deltenre: Nicht systematisch, aber wenn wir konkrete Hinweise bekommen. Wir haben das ägyptische Programm mal monitoren lassen, das haben wir auch im Falle von Ictimai gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Ergebnis?

Deltenre: Für uns war klar in diesem Zusammenhang, dass wir Ictimai deshalb auch mehr journalistische Ausbildung anbieten wollen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt: Das Ergebnis ließ zu wünschen übrig.

Deltenre: Ja, aber da gäbe es auch andere Länder, für die dasselbe gilt.

"Wir sind hier neutral"

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie stehen für Meinungsfreiheit ein - aber die EBU spricht keine Sanktionen gegen ihre Mitglieder aus, wenn echte Meinungsfreiheit ausbleibt.

Deltenre: Wenn es um Meinungs- und Pressefreiheit geht, ist oft nicht der Sender, sondern die Regierung das Problem. Sie müssen unterscheiden, was kann das EBU-Mitglied, also der Sender, leisten in einem Land - und ich spreche jetzt nicht von Aserbaidschan, ich kann auch von Weißrussland sprechen - wo die Regierung gar kein Interesse an einer Entwicklung von echtem Journalismus hat. Die Grundidee der EBU ist eine der Solidarität und nicht des Ausschlusses. Die EBU ist der Meinung, dass auf lange Sicht gesehen das ständige Arbeiten, der ständige Dialog zu einer Verbesserung führt.

SPIEGEL ONLINE: Jørgen Franck, der Fernsehdirektor der EBU, sagt: "Wir stehen für Veränderung zum Besseren und für demokratische Grundrechte. Dafür kämpfen wir in Europa. Aber wir nehmen nicht aktiv teil an dem Prozess, das lassen wir andere machen." Können Sie das erklären?

Deltenre: Franck ist verantwortlich für den Song Contest. Er spricht nur für den ESC, nicht für die EBU. Der ESC ist eine Veranstaltung mit einer langen Tradition und klaren Regeln: Wer gewinnt, ist im nächsten Jahr Veranstalter. Diese Regel werden wir, so lange ich hier bin, nicht ändern. Wenn wir den ESC politisieren würden und Mitglieder zweiter Klasse einführen, bei denen, was sich im Land abspielt, nicht genau unseren Standards entspricht, und die deshalb keine Ausrichter werden können - dann wäre der ESC tot. Es ist ein Event, das Brücken baut. Das heißt aber nicht, dass wir als Institution keine klaren Vorstellungen haben, was zu einer funktionierenden Demokratie gehört, nämlich unabhängige, gute, vielfältige Medien.

SPIEGEL ONLINE: Der ESC aber kann in jedem Land stattfinden, unabhängig vom politischen System?

Deltenre: Ja. In jedem Mitgliedsland.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Weißrussland.

Deltenre: Das ist heute die Haltung des Verbandes, ganz klar.

SPIEGEL ONLINE: Die EBU hat kürzlich sogar selbst erwähnt, dass der Song Contest auch 1969 in Spanien unter Franco stattgefunden hat. Was ist die Botschaft, bewusst darauf hinzuweisen, dass der ESC nicht einmal da Berührungsängste hatte?

Deltenre: Der ESC ist ein Fernsehereignis, das die Leute zusammenbringen und niemanden ausschließen will. Es ist ein integrierendes Event, kein ausschließendes.

SPIEGEL ONLINE: Die EBU hat sich von der aserbaidschanischen Regierung Garantien geben lassen, dass sie im Rahmen des Grand Prix die Menschenrechtskonvention achten wird und die Freiheit und Sicherheit aller Beteiligten und Berichterstatter gewährleistet. Ist das nicht zynisch: Wir schaffen einen künstlichen Mini-Rechtsstaat in einem Land, wo das Recht sonst nicht respektiert wird?

Deltenre: Die Kritik könnte ich verstehen, wenn es so wäre. Aserbaidschan hat als Mitgliedsland des Europarats die europäische Menschenrechtskonvention unterschrieben, die gilt für das ganze Land.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssten Sie sich das ja nicht eigens garantieren lassen.

Deltenre: Ich kann legitimerweise keine Sicherheiten für ein ganzes Land verlangen, das neun Millionen Einwohner hat. Ich kann nur verlangen, dass die Veranstaltung in einem sicheren Rahmen durchgeführt wird. Und dass die Sicherheit aller, die an der Veranstaltung teilnehmen wollen, garantiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn also in Baku in den nächsten Wochen regierungskritische Demonstranten verhaftet würden, wäre das der EBU egal, solange kein ESC-Teilnehmer oder -Besucher dabei ist?

Deltenre: Ich gehe davon aus, dass diejenigen, die sich an das Recht halten, friedlich demonstrieren können.

SPIEGEL ONLINE: Unterstützen Sie das Musikfestival "Sing For Democracy", das Regimekritiker parallel veranstalten?

Deltenre: In keiner Form. Wir sind hier neutral.

SPIEGEL ONLINE: Andererseits begibt sich die EBU in der Diskussion immer wieder in die Rolle eines Sprechers der aserbaidschanischen Regierung - wenn ihre Vertreter etwa von der Sicherheit in der Stadt schwärmen oder behaupten, die Menschen, die aus den abgerissenen Häusern in der Nähe der neugebauten Kristallhalle vertrieben wurden, wo der ESC stattfinden wird, seien ordentlich entschädigt worden.

Deltenre: Ich weiß nicht, ob die Abgeltung angemessen war, dazu würde ich mich nicht äußern. Das müssen die Nichtregierungsorganisationen mit der Regierung abklären.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass das Image der EBU leidet?

Deltenre: Dass die Tatsache, dass der ESC in Aserbaidschan stattfindet, dem Image der EBU auch nur im Geringsten abträglich ist, glaube ich null. Die Veranstaltung ist für viele Länder eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Alle, die ihn austragen, nicht nur Aserbaidschan, nutzen sie, sich im besten Licht zu zeigen. Und das ist legitim. Und dass wir jetzt ein Interview führen und Sie sich für die Menschenrechte in Aserbaidschan und für die EBU interessieren - das verdanken wir dem Eurovision Song Contest.

Das Interview führte Stefan Niggemeier
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