Eurovision Song Contest Aus Malta irgendwas Unverfängliches

Der Vorjahrestrend zur Klimbim-Entrümpelung des Eurovision Song Contests setzt sich fort, schnüff! Im ersten Halbfinale bleiben einige echte Trashperlen auf der Strecke.
Nina Kraljic

Nina Kraljic

Foto: Maja Suslin/ dpa

Das Trickkleid haben sie uns gelassen, immerhin. Nach einem verlustreichen Halbfinal-Abend bleibt die begiggelnswerte Aussicht, die Kroatin Nina Kraljic in der Hauptshow am Samstag noch einmal in einem dieser rar gewordenen Kulturgut-Konstrukte zu sehen. In seiner Ausgangsform soll das ausladende Ungetüm wohl einen Baum darstellen, tatsächlich erinnert es stark an ein lädiertes Iglu-Zelt am letzten Festival-Abend, nachdem drei Tage lang immer wieder mal beschnapste Mitcamper hineingestürzt waren. Heeelga!

Nachdem der Überbau aber von kapuzten Kleid-Ingenieuren weggerissen wurde, stand Kraljic in einer silberweißen Konstruktion dar, die nahelegte, dass sie vermutlich auf einer Art überdimensioniertem Christbaumständer auf die Bühne gegabelstaplert worden war.

Alles astreine Beklopptheits-Elemente, die freilich nicht komplett über die umfangreiche Verlustliste hinwegtrösten können, die es auf der anderen Seite zu beklagen gilt.

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Foto: Britta Pedersen/ dpa

So schaffte es der loungepoppende San-Marino-Serhat, diese musicalbesucherblazerfarbene Amaretto-Version von Leonard Cohen, der in einer amüsanteren Welt ein Schmierlapp-Onkel von Pep Guardiola sein könnte, umtanzt von begehrlichen Frauen in Silberstretch, leider nicht ins Finale. Ebenso wenig Jüri, der wohlondulierte jugendliche Serienmörder aus Estland - zumindest lachte und zwinkerte das Jungchen bei seinem Düster-Gecroone zwischendurch immer so gruselig in die Kamera, dass man sich wahrlich nicht wundern würde, sollte in seiner Wohnung eine dieser überraschend dekorativen Wandcollagen gefunden werden, die Psychomörder so gerne basteln.

Auch Highway, die Montenegro-Krawallinger, werden nicht im Finale singen. Ungefähr so wie ihr Auftritt muss sich diese Virtual Reality anfühlen, von der jetzt alle plappern! Angeblich wird einem ja auch karussellig kotzübel, wenn man sich so eine Brille aufsetzt, bei Highway besorgten diesen Effekt verwirrende Kamerafahrten und Wolfsgeheul. Auf der Strecke bleiben die Finnin mit dem Haarköttel-Scheiteldutt und dem babyblauen Langlaufunterwäsche-Strampler, der tanzende Astronaut aus Moldau, die Griechen, die zu hastig zusammengeschusterten Instrumenten aus ausgedienten Holzbeinen eine Art Klubtanz aufführten, der fidele Exorzisten-Pop aus Island und - das hätte man gerne noch einmal gesehen - das Gesangsensemble aus Bosnien-Herzegowina.

Denn Dalal & Deen feat. Ana Rucner and Jala führten etwas auf, das aussah wie eine komplett missglückte Absprache eines gemeinsamen Kostümfestbesuchs, bei dem Er unbedingt als der Graf von Unheilig und Sie als Romantikversion von Xena, der Haudraufwumme, gehen will, und dann platzt auch noch der hobbyrappende Nachbar in den Beziehungsstreit, der von einer Laufmaschen-Cellistin in Wärmefolie begleitet wird. Im Gegensatz zu diesem Vernudelsalat aus halbgaren Bühnenideen nehmen sich die Beiträge, die es ins Finale schafften, dann doch eher schlicht und unspektakulär aus. Mal abgesehen vom Trickkleid, das Trickkleid ist okay.

Warten aufs "Single Ladies"-Winkehändchen

Für Aserbaidschan geht am Samstag Samra Rahimli ins Rennen, eine powerballadisierende Frau im Goldanzug, bei der man kurz stutzt: Ist das eine aus der unübersichtlichen Kardashian-Brut oder doch ein Mitglied der verwirrenden Slimani-Familie? Allerdings singt sie, goldberieselt, sehr hübsch von einem erhofften mire-mire-miracle - extrem traditionelle ESC-Ware.

Ihre Konkurrenz: Fauli-Folk aus den Niederlanden. Der Ungar Freddy, im Prinzip Patrick Nuo mit höheren Haaren, begleitet von drei tanzenden Pfeifbuben und einem irre trommelnden Shaolin-Mönch. Österreicherin Zoë mit ihrem sirupsüßen französischen Realitätsfluchtschlager. Dann noch die überdeutlich beyoncisierte armenische Netzbody-Frau, bei der man ständig darauf wartete, dass sie das "Single Ladies"-Winkehändchen oder diesen seitwärtigen Popo-Push-Walk zeigen würde.

Eine Ballade aus der Tschechischen Republik, fad wie verkochte Nudeln, irgendwas Unverfängliches aus Malta, dazu eine sensationell unverfroren von den Killers geklaute Indieballermann-Nummer aus Zypern - eine hübsche Idee, die "Somebody Told Me"-Diebe auf der Bühne gleich symbolisch hinter Gittern zu verfrachten.

Ein bisschen vergrämte einen der streberhaft bemühte russische Beitrag, bei dem ordentlich beim schwedischen Vorjahressieger und dessen aufwendiger Begleitanimation abgeguckt und so windschief gereimt wurde, dass man sich gerne schaudernd unter eine bosnisch-herzegowinische Wärmefolie gekauert hätte: "Thunder and lightning / it's gettin' exciting". Aber dann erhält man vom verlässlich vor sich hin ätzenden Kommentator Peter Urban gerade noch rechtzeitig die Info, der Sänger Sergej Lasarew betreibe eine Bäckerei namens "Poodle Strudel", wodurch seine Nummer unheimlich gewinnt.

Apropos Kommentator: Angenehm schnurrig lief die Doppelmoderation des Abends, die sich Petra Mede und Vorjahressieger Måns Zelmerlöw mit guter Kabbel-Chemie teilten. Ganz ohne falschen Schmalz moderierten sie auch die bemerkenswerte Tanznummer des Ensembles The Grey People an, die die Wartezeit während der Telefonabstimmung verkürzte: Die Flüchtlingskrise, vertanzt ganz ohne Klischees und Kitsch. Ein Auftritt, bemerkenswerter als mancher Wettbewerbsbeitrag. Außer dem Trickkleid, das Trickkleid ist okay.

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