TV-Duell zur Europawahl Europa, ganz im Ernst

Manfred Weber und Frans Timmermans wollen EU-Kommissionschef werden. Im TV-Duell wurden nun die unterschiedlichen Positionen der Kontrahenten deutlich - etwa bei den Themen Klimaschutz und europäische Armee.

Frans Timmermans (l.) und Manfred Weber beim TV-Duell zur Europawahl
Christoph Soeder/ DPA

Frans Timmermans (l.) und Manfred Weber beim TV-Duell zur Europawahl

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Ein wenig fühlte sich das TV-Duell zwischen Frans Timmermans und Manfred Weber an, als sende das ZDF aus einem Paralleluniversum, als würde es dieses "Europa", von dem alle immer reden, wirklich geben. Spitzenkandidaten? Sozialisten gegen Konservative? Wahl? Ja, doch.

2014, beim ersten Duell dieser Art, waren es noch Martin Schulz und Jean-Claude Juncker, die eher gemeinsam für eine Idee warben, als dass sie gegeneinander angetreten wären. Timmermans für die SPE und Weber für die EVP sind vergleichsweise neue Gesichter. Umso mehr im Vordergrund stand, wofür sie stehen: Europa.

Unbeholfen war nur die Einleitung, bei der die Kandidaten mit Einspielfilmchen bemüht locker vorgestellt wurden. Details wie jene, dass Weber gerne Gitarre spielt und Timmermans Springsteen-Fan ist, wurden dem Ernst der Sache nicht gerecht. Ansonsten waren die Regeln so streng wie bei einem Duell ums Kanzleramt, mit einer Redezeit von "bitte nur" einer Minute pro Frage und strenger Zeitkontrolle (bei der Weber dann doch, wegen "besserer Argumente", die Nase knapp vorn hatte).

Wo Weber und Timmermans unterschiedlicher Ansicht waren

Klimaschutz? Eine gemeinsame Armee? Nicht nur hatten die Kandidaten auf zentrale Fragen unter anderem von Zuschauern unterschiedliche Antworten. Sie erweckten in dieser Debatte auf Augenhöhe - auch mit den Wählern - den Eindruck, dass diese Antworten tatsächlich von Belang sein könnten.

  • Beispiel Klimaschutz: Timmermans plädierte für eine Abschaffung von Kurzstreckenflügen etwa innerhalb Deutschlands, sofern stattdessen gute Bahnverbindungen zur Verfügung stünden. Weber äußerte sich etwas vorsichtiger. Er wolle Kurzstreckenflüge nicht gesetzlich abschaffen, sagte er. Doch wolle auch er sie "durch eine gute Bahn" ersetzen.
  • Beispiel europäische Armee: "Ich will sie", sagte Weber. Timmermans wiederum betonte, eine europäische Armee sei auf absehbare Zeit nicht realistisch. Fragen von Krieg und Frieden würden die Nationalstaaten so bald nicht aufgeben.
  • Beispiel Klarnamen-Pflicht in sozialen Netzwerken: Weber unterstützte die Forderung danach, dass im Internet keine Spitz- oder Tarnnamen mehr verwendet werden dürften. Timmermans antwortete auf eine entsprechende Frage: "Nö". Das sei übertrieben.

Das Moderatorenduo aus Peter Frey (ZDF) und Ingrid Thurnher (ORF) machte seine Sache nicht nur gewissenhaft, sondern strahlte eine passende Zwischenstaatlichkeit aus. Es hätte nicht viel gefehlt (nämlich nur die Europahymne), und es hätte sich ein feierliches Eurovisions-Feeling breitgemacht. Was natürlich kontraproduktiv gewesen wäre, schließlich geht es um mehr als Gefühle - gerade im Hinblick auf die vielen Bedrohungen einer freiheitlich verfassten Union.

Von links: Peter Frey, Frans Timmermans, Manfred Weber und Ingrid Thurnher
Carsten Koall/ Getty Images

Von links: Peter Frey, Frans Timmermans, Manfred Weber und Ingrid Thurnher

Was muss geschehen, um einen militärischen Konflikt zwischen den USA und Iran abzuwenden? Was sind die Klimaziele, wie wären sie konkret zu erreichen - und bis wann? Wie kann der Kontinent seine sozialen Verheißungen einlösen, wie die Not der Flüchtenden lindern, ohne das Sicherheitsbedürfnis seiner Bürger preiszugeben? Womit ließe sich der soziale Zusammenhalt auf dem Kontinent fördern?

Dies waren alles Fragen, an deren Lösung die Vertreter beider Blöcke interessiert sind - und auf die es, bei allen politischen Differenzen, nun einmal nur europäische Antworten geben kann.

Im "Schlagabtausch" messen sich die Kandidaten von FDP, Linken, Grünen und AfD

Fragen auch, die gleich im Anschluss nach dem "heute journal" in erhöhter Taktzahl auch Vertretern anderer Parteien gestellt wurden. Beim ZDF-"Schlagabtausch" versammelten sich Spitzenkandidaten so unterschiedlicher Strömungen wie die der Liberalen (Nicola Beer), der Linken (Özlem Demirel), der Grünen (Ska Keller) und eben jener Rechten, die dieses "Europa" ganz gerne von innen aushebeln würden (Jörg Meuthen).

Von links: Nicola Beer, Ska Keller, Özlem Demirel und Jörg Meuthen
Carsten Koall/ Getty Images

Von links: Nicola Beer, Ska Keller, Özlem Demirel und Jörg Meuthen

Straff und streng von Matthias Fornhoff geleitet, traten hier Differenzen noch wesentlich deutlicher zutage, vor allem zwischen der AfD und dem übrigen Parteienspektrum. Wieder waren Zuschauerfragen zugelassen, die von den Kandidaten in Manier eines Kreuzverhörs beantwortet werden mussten.

Überraschend waren die Positionen nicht. Während Beer neoliberalen Ansätzen und Stanzen einen europäischen Weichzeichner verpasste, stand Keller für eine ökologische Wende und Demirel für ein "Europa der Menschen". Mit Meuthen trat erstmals ein Akteur auf, der gegen den Strom der europäischen Erzählung schwimmt. Seine Partei - im Verein mit entsprechenden Kollegen - fürchtet einen "Superstaat" und würde die Uhr gerne zurückdrehen.

Stimmenfang #99 - Europawahl: So funktioniert's und das ist wirklich wichtig

Als Papa und Opa habe er, Meuthen, durchaus eine "sehr hohe Zukunftspräferenz". Nur sieht er die Erderwärmung nicht ganz so kritisch wie der Gegner auf grüner Seite. Als Keller vom Ende für Benziner und Diesel redet oder Gedankenspiele zu einer europäischen Föderation erwähnt, grätscht Meuthen mit einem beherzten "Voilá!" dazwischen, da könne man mal sehen.

Eine Blockade des EU-Parlaments durch reaktionäre Kräfte sieht Meuthen dort als notwendig an, "wo die weiteren Unsinn machen". Ansonsten sei die neue Fraktion der Rechtsnationalisten "nicht ideologisch", voilá. Der Moderator ist Meuthen gegenüber nicht sonderlich hart und so fair, dass der sich nicht wird beschweren müssen.

"Der war nicht schlecht"

"Der linke und rechte Populismus", hebt Fornoff an, "gehört zu den Hauptproblemen der EU, sagt die AfD", was für Gelächter im Studio sorgt. Nicht, weil hier Linkspopulismus als akute Bedrohung skizziert wurde, wo nicht einmal Demirel sich angegriffen fühlt. Sondern weil angeblich die AfD das befürchtet. Meuthen, jovial, lacht mit: "Der war nicht schlecht."

Im Verlauf dieser Debatte sind es kurioserweise Beer und Meuthen, die auf Europa konzentriert bleiben - Beer mit dem Wunsch nach Verbesserung im liberalen Sinne, Meuthen vermutlich mit der Absicht, die Uhr auf 1952 und die Montanunion als Vorläuferin der EU zurückzudrehen. Aus Keller und Demirel sprechen Parteien und ihr Programm, aus Beer und Meuthen scheinbar Politiker, die mit Europa etwas vorhaben.

Bitte mehr Diskussion, Debatte, Streit

Am Ende eines langen Abends bleibt die Frage, weshalb diesem Thema nur alle Jubel- oder eben Wahljahre so viel Platz eingeräumt wird. Wenn, was uns alle betrifft, in Brüssel oder Straßburg entschieden wird, sollte doch regelmäßige Berichterstattung - besser noch: Diskussion, Debatte, Streit! - einen festen und wiederkehrenden Platz im Programm finden.

Und sei's auch nur, damit das Projekt nach der Wahl nicht wieder im Trüben verschwindet, wo seine Gegner allzu bequem nach Stimmen fischen können.

Mit Material von dpa

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
titzck 17.05.2019
1. Wahlwerbung für Europa
Frans Timmermans trat als Niederländer auf, der Deutsch wie ein Muttersprachler beherrscht. Respekt. Und noch dialektfrei. Das war schon beeindruckend für mich. Anders als bei anderen Runden gingen die beiden Diskutanten fast freundschaftlich miteinander um bei allen Unterschieden in der Sache. Beide fühlen sich Europa verbunden. Wer darüber nachdenkt, kann diese Emphatie nur zu gut verstehen. Vor wenigen Jahrzehnten herrschte Krieg. Millionen Menschen sind in Europa gestorben. Jetzt haben wir eine gemeinsame Währung. Geht also wählen, Millionen. Und verweist die Extremen in die Schranken. Es lebe Europa!
hw7370 17.05.2019
2. Pappnasen
Und was sagen die Pappnasen? Der Islam gehoert seit 2000 Jahren zu Europa. Und die wollen uns regieren? Den Islam gibt es seit 1400 Jahren. Das Christentum gehoert seit 2000 Jahren zu Europa. Ok, das sind die Intelligenzbolzen, die uns sagen wollen wie das Leben zu funktionieren hat.
santatessa 17.05.2019
3.
Schreiben Sie doch bitte „voilà“ richtig! Zweimal hintereinander falsch als kecker Einwurf ist schon doof! Lasst Ihr denn kein Rechtschreibprogramm über die Texte laufen?
allgäuer55 17.05.2019
4. Soso...
Der Islam gehört also seit 2000 Jahren zu Deutschland. Ist das der Islam der vor 1400 Jahren von Mohammed begründet wurde? Wenn das die Kompetenz der Diskussionsteilnehmer widerspiegelt...wow. Warum darf der Herr Timmermanns öffentlich auftreten? Immerhin spielt er ja Kritikern direkt in die Hände, genau wie damals Özdemir und dem Energiebedarf in Terabyte.
herbert 17.05.2019
5. was tut man nicht alles um an das Herz der Wähler zu kommen !
Der Timmermans vertritt viele Positionen, wo die SPD in Deutschland mit abgestürzt ist. Also nicht wählbar ! Beide machen den Fehler, wenn sie über den Klimawandel reden, dass sie China, USA und Indien ausklammern als größte Verursacher und so tun als wenn Europa den Klimawandel verursacht hat. Im übrigen will der Timmermans alles aufnehmen in Europa was weltweit auf gepackten Koffern sitzt. Er verschweigt wie er Polen und Ungarn dazu bringen will der Träumer !
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