Wahl-Talk bei Jauch Europa ohne Leidenschaft

Europaweit triumphieren die Rechten - und was machen Deutschlands Spitzenpolitiker? Bei Günther Jauch reden sie das Problem klein: Man müsse den Wählern die großen Linien einfach besser "erklären". Wahre Europa-Liebe sieht anders aus.

"Zeit"-Chefredakteur Giovianni di Lorenzo: Zwei Mal gewählt
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"Zeit"-Chefredakteur Giovianni di Lorenzo: Zwei Mal gewählt


Rein theoretisch gibt es kaum eine günstigere Konstellation für eine politische Talkshow, als an einem wichtigen Wahlsonntagabend aus der Fülle der Aktualität schöpfen zu können. Lädt man sich dann auch noch zwei wortmächtige Politiker, eine meinungsstarke Schriftstellerin sowie den Chefredakteur eines bedeutenden Blattes ein, so sollte ein gewisses Gesprächs- und Erkenntnisniveau eigentlich garantiert sein. In der Praxis indes kann es auch etwas anders kommen, wie bei Günther Jauch zu erleben war. Denn es ging bekanntlich um Europa, und mit diesem Thema hat es - politisch wie fernsehmedial - seine eigene problematische Bewandtnis. Oder, um es mit dem amtierenden deutschen Finanzminister zu sagen: "Europa ist kompliziert. Man muss immer wieder erklären, erklären, erklären."

Nur ist eben leider manches nur sehr schwer erklärbar, speziell, was den zurückliegenden, eher trostlosen Europawahlkampf anbelangt, den Wolfgang Schäuble und sein Vorgänger Peer Steinbrück in schönster großkoalitionärer Kleinkariertheit noch ein wenig fortsetzen zu müssen meinten, indem sie eine Kostprobe für das bevorstehende Gezerre um den neuen Kommissionspräsidenten lieferten. Und dass es mit dem Erklären allein nicht getan ist, ließ sich letzten Endes auch nicht ganz verheimlichen. Irgendwann, relativ spät, kam der Moment, da Juli Zeh, deren flammendes Plädoyer für die europäische Idee soeben im SPIEGEL zu lesen war, daran erinnerte, dass noch mehr notwendig ist - nämlich "die Verkörperung von Leidenschaft", gerade im Licht dieser besonderen Wahl, da es gegen die erstarkenden Rechtspopulisten zu stehen gelte.

Das klang fast ein bisschen verzweifelt nach all dem, was bis dahin von politischer Seite gesagt worden war und zu bestätigen schien, was auch "Zeit"-Chef Giovanni di Lorenzo in seiner üblichen, eher moderaten Manier moniert hatte: dass die Politik bezüglich Europa zu defensiv agiere, der Auseinandersetzung mit den Kritikern und Gegnern ausweiche und das Thema am liebsten verstecke.

Es war in der Tat bemerkenswert, wie mäßig alarmiert sich sowohl Steinbrück als auch Schäuble von dem Abschneiden der Rechten zeigten. "Nicht ganz ungefährlich" nannte sie der Sozialdemokrat, delektierte sich aber umso ausgiebiger am sensationellen Stimmenzuwachs seiner Partei, so als habe sie nicht bei der vorigen Wahl ein wahrhaft miserables Ergebnis eingefahren. Und der Kollege von der Union grummelte sowohl jede Kritik am dubiosen Wahlkampfwerben mit der Kanzlerin als auch an dem sinistren Doppelspiel der CSU mit Anti-Brüssel-Ressentiments lässig beiseite und tröstete sich damit, dass die AfD schließlich nicht mehr Stimmen bekommen habe als bei der Bundestagswahl. Insgesamt könne man mit dem Ergebnis der Europawahl "ganz gut arbeiten".

Giovanni di Lorenzos Doppelwahl

Damit blieb es weitgehend der Literatin und dem Journalisten vorbehalten, den Blick auf das zu lenken, was es zu verteidigen gilt und auf jene durch die Krise freigesetzten "Kräfte des Unbehagens" (Zeh), die den europäischen Zusammenhalt gefährden. Di Lorenzo zeigte sich dabei auffällig um Differenzierung bemüht, was die Einordnung der AfD anbelangt, und warnte davor, die Lucke-Truppe einfach den Rechtspopulisten zuzurechnen; es handele sich zum Teil auch um "Leute aus der konservativen Mitte". Etwas wortkarg wurde er allerdings, als die Rede dann auf einen Europa-Kritiker der besonderen Art kam, der unlängst via "Bild"-Zeitung sogar zum "Putsch" des Parlaments gegen die Brüsseler Institutionen aufgerufen hat. Nun ja, Helmut Schmidt ist halt Herausgeber seines Blattes, was ihn aber offenbar nicht hindert, auch schon mal den Seehofer zu machen, wie Schäuble prompt diagnostizierte.

Jedenfalls dürfte der Sehr-Altkanzler hiermit zumindest dem Anspruch einer gewissen Leidenschaftlichkeit gerecht geworden sein. Und nachdem dieser Begriff nun einmal in der wahlabendlichen Talkshow-Welt war, wollte sich auch Schäuble nicht lumpen lassen und gab, von Jauch an seine legendäre Werbe-Rede für den Regierungsumzug nach Berlin erinnert, zu Protokoll, er könne auch europäisch-leidenschaftlich werden. Wie sich so etwas anhört, führte dann aber Steinbrück vor, nachdem der Moderator einen leibhaftigen bekennenden AfD-Wähler präsentiert hatte, was Frau Zeh zu der süffisanten Bemerkung veranlasste, es sei nun mal immer leichter, gegenüber einer Einzelperson offensiv zu werden.

Die aktuelle Höchstleistung auf diesem Gebiet - Außenminister Steinmeiers zweimillionenfach auf YouTube abgerufene Wutrede - gab es zur Abrundung des Themas per Einspieler, womit zugleich Herr Schäuble Gelegenheit zu einer weiteren Hommage auf die so ganz andere, ruhige, kontrollierte Frau Merkel erhielt.

Überhaupt scheint es auch mit der besten Europa-Leidenschaft so eine Sache zu sein, wenn man sie übertreibt und beispielsweise zweimal wählen geht, nur weil man zwei Pässe besitzt. Genau das hat ausgerechnet ein gewisser Giovanni di Lorenzo eigenem Geständnis zufolge getan, was man von einem "Zeit"-Chef auch nicht unbedingt erwartet hätte. So gab es bei diesem eher zähen Wahl-Talk dann doch noch eine Überraschung.

insgesamt 19 Beiträge
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prince62 26.05.2014
1. Das Volk ist einfach nur zu blöd, um die Politik zu verstehen.
Zitat von sysopREUTERSEuropaweit triumphieren die Rechten - und was machen Deutschlands Spitzenpolitiker? Bei Günther Jauch reden sie das Problem klein: Man müsse den Wählern das Ganze einfach besser "erklären". Wahre Europa-Liebe sieht anders aus. http://www.spiegel.de/kultur/tv/europawahl-bei-guenther-jauch-schaeuble-und-steinbrueck-im-wahlkampf-a-971633.html
Es ist immer das gleiche, genauso wie bei Steinmeiers "Rede", die Politiker wissen alles und alles besser und das dumme Volk ist einfach nur zu blöd, dies auch zu erkennen. Ich schlage deshalb vor, daß sich die Damen und Herren Politiker schleunig ein neues Volk wählen bzw. suchen.
beegee 26.05.2014
2. Doppelwähler di Lorenzo
Herr di Lorenzo tat ja gestern so genant, als ob er da ein lustiges Späßle gemacht hätte, zwei Mal zu wählen. De facto hat er eine Straftat begangen, die auch mit Gefängnis bestraft werden kann. Auch wenn das ursächliche Problem bei nicht vernünftig abgeglichenen Wählerlisten zwischen - in diesem Fall - Deutschland und Italien liegt, so ist es trotzdem seine Pflicht, wenn er Wahlunterlagen aus beiden Ländern bekommt, sich nur für eine Wahl zu entscheiden.
kritischer-spiegelleser 26.05.2014
3. Europa? Die EU steht in der Kritik!
Da will man Europa den Bürgern näher bringen und wenn diese dann Kritik üben sind sie Wutbürger! Die EU fand doch bisher ohne Bürgerbeteiligung statt. Und Hintergründe erklärt und erläutert hat niemand aus unseren etablierten Parteien. Geschweige denn gefragt. Erstmals mit der AfD hat der Bürger Chancen, Einfluss zu nehmen. Und damit ist diese Partei natürlich ein rotes Tuch für unsere Politiker!
zitzewitz 26.05.2014
4.
Zitat von sysopREUTERSEuropaweit triumphieren die Rechten - und was machen Deutschlands Spitzenpolitiker? Bei Günther Jauch reden sie das Problem klein: Man müsse den Wählern das Ganze einfach besser "erklären". Wahre Europa-Liebe sieht anders aus. http://www.spiegel.de/kultur/tv/europawahl-bei-guenther-jauch-schaeuble-und-steinbrueck-im-wahlkampf-a-971633.html
Nun Herr Di Lorenzo, das "zum Teil auch" können sie mal ganz streichen; die AfD und ihre Wählerschaft entspringt nämlich tatsächlich der konservativen Mitte und nicht wie gerade ihr Blatt uns ständig glauben machen will aus dem braunen Sumpf.
lenaaergerlich 26.05.2014
5. keine Argumente
Statt Vertreter der AFD die Chance zu geben, in der Runde fair mitzudiskutieren, durfte Julia Zeh erzählen, dass ihr die Hand ausrutschen könnte, wenn man sich zur AFD bekennt. Ebenso aggressiv gab sich Steinbrück, als er einem AFD-Wähler, der kurz im Publikum befragt wurde, widerspricht. Steinbrück erklärte, man müsse doch den anderen Staaten unter die Arme greifen, damit sie deutsche Produkte kaufen können. Ich möchte einen Händler sehen, der seinen Kunden Geld gibt, damit sie seine Produkte kaufen. Ach ja, der Händler gibt ja nicht sein Geld, sondern das seiner Kinder und Kindeskinder. Die nämlich dürfen die Zeche zahlen, wenn die deutschen Darlehen an die Krisenländer nicht zurückgezahlt werden. (Ein Teil wird freilich schon jetzt abgeschrieben.) Der deutsche Export in die Eurozone sank trotzdem in den vergangenen Jahren. Bei solch einer katastrophalen Bilanz ist es wohl aus Sicht der etablierten Parteien und ihren Gehilfen, den Medien, das Beste, man ignoriert das Thema oder wird aggressiv, damit man ja nicht zu oft mit den Tatsachen konfrontiert wird.
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