Eurovision im TV ARD und ProSieben droht das Quoten-Waterloo

Der Eurovision Song Contest in Deutschland sollte auch eine Sternstunde für das deutsche Fernsehen werden - doch nun findet das Spektakel fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: Sowohl die ARD als auch ProSieben finden kaum Zuschauer mit ihren ESC-Sendungen.

Moderatoren-Trio Engelke, Raab und Rakers: Sieht so Begeisterung aus?
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Moderatoren-Trio Engelke, Raab und Rakers: Sieht so Begeisterung aus?

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"Feel your heart beat!" heißt der Slogan, den sich die TV-Verantwortlichen für den diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) ausgedacht haben. Wo immer es geht, hört man deshalb im Programm eine pochende Pumpe, die etwas penetrant auf die ARD-Herzensangelegenheit hinweisen soll. Das Fernsehpublikum indes will diesen Herzschlag nicht vernehmen. Die Einschaltquoten jedenfalls stimmen bedenklich - und daran kann nicht einmal Stefan Raab etwas ändern, den das Erste mit ins ESC-Boot geholt hat.

Schon die erste Show des Semi-Finales 2011, die am Dienstag zur besten Sendezeit beim Raab-Sender ProSieben ausgestrahlt wurde, war quotentechnisch eine Pleite. Nur 2,05 Millionen Zuschauer schalteten ein. Von den 14- bis 49-Jährigen verfolgten 1,41 Millionen Zuschauer die von einer Tonpanne beeinträchtigte Übertragung. Damit erreichte der Sender beim Zielpublikum gerade mal einen Marktanteil von 12,7 Prozent.

Der Abwärtstrend setzte sich nun bei der ARD fort. Die ohnehin schlecht gestartete ESC-Sondersendung "Die Show für Deutschland", die in der Woche des Sangeswettbewerbs immer um 18.50 Uhr im Vorabendprogramm läuft, wollten am Mittwoch nur noch 780.000 Menschen sehen. Das entsprach beim Gesamtpublikum einem Marktanteil von nur 3,9 Prozent.

In der "Show für Deutschland" versuchen Moderationsgrößen wie Frank Elstner oder Matthias Opdenhövel dem Publikum aus der ARD-Lounge der Düsseldorfer Arena für den Grand Prix einzuheizen - bislang allerdings eben ohne Erfolg. Besonders heikel sieht es in der Publikumsgruppe der 14- bis 49-Jährigen aus: Hier schalteten gerade mal 3,4 Prozent ein. Dabei sollten mit dem ESC doch gerade auch junge Leute an die ARD gebunden werden. ARD-Sprecher Bernhard Möllmann gesteht auf Anfrage ohne Umschweife ein: "Die Quote ist sicherlich unterdurchschnittlich."

Noch schwerwiegender freilich ist das fehlende Interesse der begehrten Zielgruppe für den Partnersender ProSieben: Lediglich 890.000 Zuschauer sahen am Mittwoch "Eurovision Total", das vom Raab-Sidekick Opdenhövel moderierte tägliche ESC-Magazin; bei den 14- bis 49-Jährigen wurde ein sehr bescheidener Marktanteil von 8,1 Prozent eingefahren. Für den auf Werbung angewiesenen Privatsender ein beängstigender Wert.

Lena hier, Lena da, Lena überall

Woran aber liegt es nun, dass das in den Medien umfänglich beleuchtete Musikspektakel bislang keinerlei Quote zeitigt?

Möglicherweise ist der ESC eben doch keine WM - das heißt: Das Finale mag durchaus goutiert werden, das Drumherum um die Vorausscheidungen aber will man nicht in zeitraubenden großen TV-Events anschauen müssen. Die wichtigen Informationen und bizarren Seitenaspekte sucht sich das junge Publikum offensichtlich lieber im Netz zusammen. Internet killed the tv-star?

Zu einer gewissen ESC-Müdigkeit könnten auch die zermürbenden Vorbereitungen in Deutschland beigetragen haben, die sich nur um eine einzige Person drehten: Lena. Dadurch hat man dem ESC-Vorspiel die Dynamik genommen. Lena hier, Lena da - wenn sich in der Vorberichterstattung zum Song Contest sowieso nur alles um die Hannoveranerin dreht, ist es eben schwierig, den Blick des derartig eingeschworenen Publikums plötzlich für all die anderen Aspekte der Veranstaltung zu öffnen.

Mit Sorge dürften die Verantwortlichen von ARD und ProSieben also das zweite Semi-Finale am Donnerstagabend erwarten. Wenn sich beim Fernsehpublikum nicht langsam ein wenig Eurovisionsfieber einstellt, müsste man wohl kurzfristig auch den "Herzschlag"-Slogan abändern. Da böte sich dann der Refrain des legendären Titels an, mit dem Abba 1974 den Grand Prix gewannen: "Waterloo - finally facing my Waterloo."

Bleibt zu hoffen, dass keiner der Programmmacher bei der Quotenschlacht um den ESC untergeht.

insgesamt 154 Beiträge
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Leto_II., 12.05.2011
1. einen Titel
Zitat von sysopDer Eurovision Song Contest in Deutschland*sollte auch eine Sternstunde für das deutsche Fernsehen werden - doch nun findet*das Spektakel fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: Sowohl die ARD als auch*ProSieben ziehen kaum Zuschauer mit ihren ESC-Sendungen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,762087,00.html
Hat sich der Mist etwa endlich überlebt?
Paul-1 12.05.2011
2. Ich gucke mir das nicht an …
… damit es später nicht heißt, dass ich an dieser peinlichen Veranstaltung eine Mitschuld trage.
McWinnie 12.05.2011
3. Selber Schuld
In den vergangenen Jahren wurden die Halbfinalshows entweder in die dritten Programme verbannt oder überhaupt nicht übertragen, ich hab zumindest nichts mitbekommen davon. Und auf einmal soll ich das dann alles ganz toll und super finden und als absoluten Höhepunkt darf dann noch durch die Telefongebühren den ESC erneut finanzieren.
schleppie 12.05.2011
4. ...
Witzig, dass sie die eindimensionale LENA Fokussierung bemängeln, aber selber auf SPON in jedem dritten Artikel was zu dieser Idioten Veranstaltung absondern !
monsterschaf 12.05.2011
5. Titel? Bin noch am sparen...
Man kommt sich vor wie Alex in "Clockwork Orange" bei der Umkonitionierung. Mit dem Unterschied, das die Zwangsjacke fehlt, und wir umzappen können. "Viel hilft viel" funktioniert nicht immer.
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