ESC-Halbfinale Ringelpiez mit Anschmachten

Eine Australierin am Stiel, ein Belgier in einer Schlauchbootjacke, transparentwamsige Zorrotypen: Ausstattungsmäßig war das erste Eurovisions-Halbfinale beachtlich. Nur gesanglich knarzte es.

Kandidatin Tulia aus Polen beim ESC-Halbfinale in Tel Aviv
Ronen Zvulun/ REUTERS

Kandidatin Tulia aus Polen beim ESC-Halbfinale in Tel Aviv

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Wenn ein Beitrag, der fachgerecht als "Schreigesang" bezeichnet werden muss, vorgetragen von einem irgendwie beleidigt klingenden polnischen Leierplärrquartett mit Plundergestecken auf dem Kopf namens Tulia, einem seit Tagen so haftcrememäßig im Kopf klebt, dann spätestens weiß man: Die luftdichte Eurovisions-Käseglocke aus quietschbuntem Plastik hat sich für ein paar Tage wieder über einen gestülpt. Und öffnet ein freundliches Fluchtportal in ein alternativreales Europa, in dem das größte Problem dieser Staatengemeinschaft die Tatsache ist, dass dieser belgische Bengel ein Schlauchboot als Jacke trägt und wirklich kaum einen richtigen Ton trifft.

Das zweitgrößte Problem: Nicht alle dürfen mitmachen bei diesem Ringelpiez mit Anschmachten, weswegen nach dem ersten Halbfinale gestern nur zehn von siebzehn antretenden Ländern ins Samstagsfinale einziehen durften. Erwartungsgemäß schaffte das zum Beispiel Tamta aus Zypern, deren "Replay" ein generisches, gut geschmiertes ESC-Powerliedchen war. Interessanter war da schon ihr lackledriger Zweiteiler, Beine und Oberkörper glänzten gummiert, und man dachte direkt an die köstliche Szene aus "Die Abenteuer des Rabbi Jacob", bei der Louis de Funès in einer Fabrik in einen Flüssigschmodderbottich fällt und ihm grün glasiert wieder entsteigt, könnte man sich auch mal wieder anschauen.

Mittig trug Tamta eine Art Kronleuchter-Unterhose, nach einem einfach immer wieder gern gesehenen Trickeffekt klimperte es dann auch obenrum, drumherum tanzten vier transparentwamsige Zorrotypen. Auch Australien ist natürlich weiter, Kate Miller-Heidke channelte bei ihrer artistischen Performance am Schwankestecken ihr inneres Cocktailglas-Umrührstäbchen und überzeugte mit einem Gesang gewordenen Rokokoappläuschen.

Australierin am Stiel: Kate Miller-Heidke im ersten ESC-Halbfinale
ABIR SULTAN/EPA-EFE/REX

Australierin am Stiel: Kate Miller-Heidke im ersten ESC-Halbfinale

Weißrussin Zena gelang der Finaleinzug trotz stimmlichem Äquivalent zum Duckface, Lake Malawi aus Tschechien wirkten zwar wie abgezockte Disneyclub-Moderatoren, die routiniert bei ihrem Alter betrügen, um noch eine Staffel dranhängen zu können. Sie nervten mit überengagiertem Instrumentengebrauch trotz überoffensichtlichen Halbplaybacks, bekamen für ihren Plapperpop mit Fantasie-Britakzent trotzdem genug Anrufer, ebenso wie das slowenische Duo Zala Kralj & Gasper Santl, die mit ihrem blässlich-anämischem Auftritt eine dringende Castingempfehlung für die noch zu produzierende Entspannungssendung "Die langweiligsten Geschwister der Welt" wären.

Isländische Bösebeller, laue Liedchen aus Estland

Serbien schickt eine klassische Uhhuuuhuhuuuu-Ballade ins Rennen, performt von Nevena Bozovic, die wie Michelle Hunzikers dirty Rockchick-Zwilling aussieht und zu der die BBC-Kommentatoren eine wichtige Zusatzinfo bereithielten: "She is a vegetarian and obsesses over Risotto."

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Einige frisch gewählte Finalteilnehmer könnte man, wäre dies alles kein wunderlicher Gesangswettstreit, sondern ein kontemplatives Gesellschaftsspiel, zu wunderbaren Gegensatzpärchen legen. Die isländischen Bösebeller von Hatari, vielbestachelt und mit reichlich schwarzen kinesiologischen Bänder versandfertig verschnürt und gesegnet mit einem Sänger mit wirklich gruseligem Oskar-Matzerath-Gedächtnisstarren, würde man man direkt neben Victor Crone legen, der mit seinem harmlos geklimperten lauen Liedchen "Storm" für Estland antritt und sicher nicht so harmlos ist, wie er tut: Er kommt auf deine Party und singt ungebeten Ed Sheerans Gesamtwerk.

Und die ambitionierte Fechtchoreo der Griechin Katerine Duska wäre das Kontrastmatch zum Überraschungsfinalisten des Abends: Serhat aus San Marino, eine Art Charles Aznavour im Möbelmitnahmemarkt-Eröffnungsstadium, schaffte das Wunder mit einem fast schon komplex unterkomplexen Meisterwerk des Dudelismus, in dem sehr viel "nanana" gesungen wird.

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ESC 2019: Sie sind im Finale dabei

Das klingt alles heiter und kregel, tatsächlich ging dieses Halbfinale aber auch an die Substanz, weil die Gesangsleistungen teilweise wirklich bestürzend schief gerieten. Einige Schräggröler verpassten das Finale also durchaus berechtigt, etwa das Schluchz-Sextett aus Montenegro und die unambitionierten, fast bohlenesk umklimperten Finnen (interessant aber die hochwassertauglich teilimprägnierte Jeans von DJ Darude).

Sensationell schief der Schüler aus Belgien

Joci Pápai barmte im ungarischen Beitrag mit Knürzelzopf, der wie eine berstbereite, vollgefressene Zecke am Hinterkopf saß, in seinem Beitrag so dramatisch über seinen Vater, während im Hintergrund überdimensionierte Papaköpfe ballonesk gen Himmel stiegen, dass der BBC-Kommentator vorsichtshalber mehrfach emotionale Entwarnung gab: "The dad is alive! I repeat: The dad is alive!"

Sensationell schief trällerte dann auch Schüler Eliot für Belgien, ein bisschen wie der Typ ganz hinten im Schulbus, der zu seiner Kopfhörermusik mitsingt und der vokalen Grauslichkeit selbst gar nicht gewahr wird. Der georgische Finstergucker Oto Nemsadze war von seinem ungarischen Kollegen in Ausdruck, Vortrag und Outfit eigentlich nur durch den Schwollgrad seines Haarknödels zu unterscheiden, sein Vara-dada-rara-dada-Gesang blieb wenig memorabel.

Ein bisschen schade ist es dagegen um Conan Osiris, den Portugiesen mit dem Kinn-BH, der sich einem plissierten Drachenkostüm durch eine Technofado-Nummer lamentierte, das hätte man sich am Samstag gerne noch einmal angesehen. Der größte Verlust allerdings sind die polnischen Schreisängerinnen von Tulia, die gemeinerweise ebenfalls ausschieden, die größte Abstimmungsfehlentscheidung seit dem immer noch kaum verwundenen Halbfinalaus für die Zopfpeitsche aus Montenegro vor zwei Jahren. Aber der ESC mag eben eine europäische Alternativfantasie erzählen - grausam geht es aber auch hier gelegentlich zu.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
dasfred 15.05.2019
1. Grausam
Wenn ein Beitrag Frau Rützel zu Höchstleistungen im Wortspielkosmos bringt, dann muss er erfahrungsgemäß sehr sehr schlimm gewesen sein. Gut für uns Leser. Mal wieder eine Rezension zum dreimal lesen. Danke.
Hexavalentes Chrom 15.05.2019
2. Worauf noch Verlass ist
Wenigstens auf sie ist Verlass: Das Kritisierende ist wie stets das, was es kritisiert. Am besten ist die Unfreiwilligkeit dieser Nabelschau. Eine ipsatio coram publico. Erwarten wir die üblichen Ovationen!
kl1678 15.05.2019
3. verschwörung
Zustimmung. Schade um Portugal und Polen, wenigstens Island ist weiter. Und wer zum Teufel stimmte für San Marino? Europas Exiltürken?
ambulans 15.05.2019
4. merci,
madam - ihr artikel macht so viel spaß, dass ich mir das reinhören ins diesjährige ESC-schaffen doch glatt sparen kann ...
olwel 15.05.2019
5. Make ESC great again
Rützel for Urban! (Falls Frau Rützel, weil anderes Metier, live nicht kann, begnügte ich mich auch gerne mit einer Aufzeichnung)
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