2. ESC-Halbfinale Sorry, Dänemark, das selbstfliegende Kleid ist schon weg - hier hast du einen sehr großen Stuhl

Liedchen dünn, Stimmchen dünn - beim Eurovision Song Contest rettet man sich bei ungünstigen Vorbedingen in crazy Bühnenshows. Wir haben uns das zweite Halbfinale angeschaut. Kirschlikör!

Leonora singt beim ESC-Halbfinale: klimperige Einzelton-Tropfenfolter
ABIR SULTAN/EPA-EFE/REX

Leonora singt beim ESC-Halbfinale: klimperige Einzelton-Tropfenfolter

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Irgendwann, eines Tages, werden sie uns vielleicht einmal einen winzigen, hastigen Einblick gewähren in die geheimen Plemplem-Werkstätten des Eurovision Song Contest.

Man munkelt, sie lägen zweihundert Stockwerke tief unter dem Kongresszentrum in Tel Aviv. Dort unten also werkeln wahnsinnige Wissenschaftler und Fantasten an den herrlich lebensfernen Bühnenbildern und Requisiten, die so ein ESC unbedingt braucht. Sie bauen sinnlos große, aber tonlose Trommeln, löten polnische Erntekronen zusammen und trinken dabei sehr viel Kirschlikör.

Zu erreichen, tuschelt man, seien diese Wunderkammern nur über ein hochgeheimes, extrem komplexes Tunnelsystem. Wer sich darin verläuft und zu spät zur Plunderverteilung kommt, muss eben nehmen, was übrig bleibt: "Sorry, Dänemark, das selbstfliegende Kleid und der Umschnallbart sind schon weg - aber hier hast du einen sehr, sehr großen Stuhl! Und möchte jemand noch ein paar Watstiefel, wir haben da versehentlich ein paar zu viele bestellt?"

18 Länder traten im zweiten Halbfinale an (lesen Sie hier nochmal den Überblick über die Kandidaten), um ihren Platz im Hauptwettbewerb am Samstag zu sichern, doch nur zehn von ihnen wurden von den internationalen Anrufern auch weitergewunken. Darunter tatsächlich auch Leonora aus Dänemark, obwohl Liedchen und Stimmchen reichlich dünn waren, die klimperige Einzelton-Tropfenfolter spätestens seit "Lemon Tree" international geächtet ist und "Love is Forever" obendrein auch eine der wassersuppigsten Botschaften des Wettbewerbs.

Sängerin Jonida Maliqi: leicht anstrengende Schreipassagen
ABIR SULTAN/EPA-EFE/REX

Sängerin Jonida Maliqi: leicht anstrengende Schreipassagen

"Don't get too political!", trällert Leonora irgendwann, aber doch, bitte ja!, will man ihr zurufen. Vermutlich hat sie ihr Weiterkommen tatsächlich zu großen Teilen diesem absolut behämmerten, komplett anlasslosen Riesenstuhl zu verdanken, den sie während des Auftritts mit einer Leiter erklimmt.

Eine weitere rätselhafte Weiterkommerin ist Jonida Maliqi aus Albanien mit ihren leicht anstrengenden Schreipassagen, die eigentlich an ihre Landsleute appellieren sollten, in die Heimat zurückzukehren. Ansonsten wirkten die ausgewählten Finalisten durchaus plausibel - auch, weil die gesanglichen Trudeleien sich im Vergleich zum ersten Halbfinale deutlich im Rahmen hielten.

Leider aber auch die Schrulligkeiten, das elefantöse Sitzmöbel aus dem dänischen Marottenlager mal ausgenommen. Michela aus Malta reimte "Chameleon" auf "lalala", lieferte dafür aber eine schöne Eröffnungstextzeile, die man sich direkt mal für kommende Suff-Kurznachrichten auf Vorlage in alle Endgeräte einspeichern kann: "I'm bluer than the Ocean."

Luca Hänni, seinerzeit mal "Deutschland sucht den Superstar"-Gewinner, trat für die Schweiz im Transparentshirt und einem Drüberzieher an, den man in einschlägigen Schlupfhosen-Versandhäusern wohl als "eleganten Abend-Kasack" bezeichnet hätte - seine despacitöse Latinsimulation kam bestens an.

Luca Hänni: despacitöse Latinsimulation
ABIR SULTAN/EPA-EFE/REX

Luca Hänni: despacitöse Latinsimulation

Ein hübscher folkloristischer Ausreißer war der norwegische Beitrag des Trios KEiiNO: Den leicht generischen Popgesang eines leicht generischen Blondpaars möbelte der gurgelig-knörige Joik-Gesang des dritten Bandmitglieds auf, das ist der traditionelle Guttural-Gesang der Samen. Nicht nur optisch erinnerte er dabei an den ebenfalls kahlen Sänger der Band Aqua, der im Refrain immer "Come on Barbie, let's go party!" dazwischengrommelte. Nur dass der Joiker eben "He-lo e loi-la" sang, was lange noch im Ohr blieb.

Tamara Todevska rettete Nordmazedonien mit einer guten, klaren Botschaft einer Mutter an ihre Tochter ins Finale, verpackt in einer hochernst vorgetragenen, dramatischen Ballade: Nutze deine Stimme, lass dir nichts sagen - das war unverkitscht berührend. Den fast schon schmerzhaften Gegensatz lieferte dann Chingiz, der für Aserbaidschan antrat und einen der spektakuläreren Bühnen-Gimmicks auffuhr: Zwei Roboter operieren auf der Bühne an seinem Herzen, das ihm wohl eine böse, obendrein auch noch schwerst eingedieselte Frau demolierte: "She is a killer / With that freaking perfume". Seine dringende Bitte darum, im Refrain mit reichlich Kopfjodelei vorgetragen: "Shut up about it."

Ein weiterer schwerst selbstbewusster Herr ist John Lundvik aus Schweden, dessen "Too Late For Love" ein streberhaft aufgeräumter, quietschsauberer Muster-Popsong ist. "I could be the sun that lights your dark, hear me!", singt er, und man trudelt kurz weg in die Lyrics-Exegese: Singt er einfach nur normal übergriffig über Liebe oder ist das schon eine versteckte Siegesprognose, dass die ESC-erfolgsverwöhnten Schweden in einem musikalisch mehr so mittelprächtigen Jahrgang wohl auch dieses Mal ganz vorne dabei sein könnten? Die vier glitzernden Gospelbrummen, die ihn begleiten und etwas Leben in die polierte Aseptik bringen, könnten helfen.

John Lundvik: schwerst selbstbewusst
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John Lundvik: schwerst selbstbewusst

Einer der größten Konkurrenten dürfte der sensibel barmende Duncan Laurence sein, der für die Niederlande am Klavier Liebe und Spielsucht zusammenstrickt. Der letzte Einzelherr im Finale ist Sergey Lazarev, der für Russland achtfach geklont in einem Spiegelkabinett herumirrt - und in einem der schmerzhaftest knirschenden Texte des Wettbewerbs: "Though my throat is on fire /My eyes will be liars / And they'll try to stay drier."

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ESC 2019: Sie sind im Finale dabei

Sie alle sehen wir also am Samstag wieder. Raus dagegen sind Litauen, Armenien, Lettland und Österreich. Auch Irland schrappt mit Sarah McTernan am Finale vorbei: Sie sang bemerkenswert unambitioniert in der Kulisse eines American Diner, erinnerte einen damit aber immerhin endlich wieder einmal an diese schöne Folge von "Beverly Hills, 90210", in der Brenda Walsh aushilfsweise das "Peach Pit" übernimmt - und dabei tatsächlich besser singt als so manche ESC-Teilnehmer dieses Jahr.

Der Dreistigkeitspreis geht dieses Jahr ganz klar an Moldau, die einfach die Sandmalerei-Choreografie kopierten, mit der die Ukraine 2011 angetreten war, und dafür sogar die identische Künstlerin anheuerten. Schade ist es hingegen um den rumänischen Beitrag und Ester Peony mit ihrer leicht angegruselten Kaltes-Händchen-Fröstelballade. Und um Roko aus Kroatien: "I dream of love, you dream of love" behauptete er, ließ sich von zwei goldlaminierten Engeln riesige Federflügel anschrauben und summierte nochmal, wenn auch vergebens: "We all dream of love". Auch sein konjugationsfroher Puttenpop blieb leider auf der Strecke. Dafür ist für das Finale am Samstag nun offiziell Madonna als Showact bestätigt. Man darf gespannt sein, ob ihr Auftritt den bleibenden Eindruck des Riesenstuhls übertrumpfen kann, könnte eng werden.



insgesamt 7 Beiträge
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CinaBeline 17.05.2019
1. Alternative
...mir reicht es anstelle die bevorstehende Fernsehsendung zu sehen dann den Kommentar von Frau Rützel zu lesen ..
spon_7302413 17.05.2019
2. Selbst die verschnörkeltsten linguistischen Kreationen...
... können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sie eindeutig zu viel Zeit vor der Glotze, beim Betrachten selbst der dünnstflüssigsten aller Formate, zubringen, liebe Frau Anja Rützel. Dass das nicht spurlos an den Betroffenen vorbei gehen kann, ist selbsterklärend. Ich danke Ihnen umso mehr für das Opfer, das zu erbringen Sie sich bereit erklärt haben. Ich wünsche Ihnen Kraft und Ausdauer. Und dass das Schmerzensgeld wenigstens einen Teil der dabei verlustig gegangenen Lebenszeit irgendwie kompensieren kann. Ihr Verlust ist jedenfalls mein Gewinn. Und mitunter auch bei kaum noch zu rettenden Formaten ganz manierlich unterhaltsam, auch wenn es manchmal selbst semantischen derart kunstfertigen Jongleuren wie Ihnen, liebe Anja Rützel, erkennbar schwer fällt, aus dem Nichts doch noch etwas zu erschaffen. Nun ja, auch das erklärt sich aus sich selbst heraus... Ich weiss Ihr Bemühen, selbst dem darbieterischen Vakuum noch etwas Pepp - gewissermaßen als Casimir-Effekt der Unterhaltungsbranche - zu entlocken, immerhin zu schätzen. Das schenkt mir die gewonnene Zeit. ;-)
contra3114 17.05.2019
3. Danke Frau Rützel
Ein paar Mal habe ich in dieses Grauen reingezappt. Langanhaltende katatonische Starre war die Folge. Nun kann ich dank dieses Beitrags alles vor Augen sehen ohne mich der Gefahr eines plötzlichen Hirntods auszusetzen. Danke Frau Rützel
ted211 17.05.2019
4. ESC-Taste
Wozu dient eigentlich die ESC-Taste am PC? Kann ich damit den Contest abschalten?
dasfred 17.05.2019
5. Die ganze Show ist nur noch Stuhl
Die Zeiten von Schwarz Weiß Familienfernsehen sind zum Glück vorüber. Ich darf mir mein eigenes Programm zusammenstellen. Trotz allem möchte ich die Rützel Kolumne nicht missen. Brachte wieder Sonne in den trüben Tag.
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