ESC-Ersatzprogramm der ARD Das Original zeigt Nerven

ESC-Ersatz in Corona-Zeiten: Barbara Schöneberger erzählte Spar-Witze, Litauen eroberte die Herzen, europaweit wurde die Gemeinschaft beschworen. Aber Stefan Raabs Attacke schmerzte die ARD offenkundig.
Moderatorin Barbara Schöneberger auf dem Elbphilharmonie-Balkon

Moderatorin Barbara Schöneberger auf dem Elbphilharmonie-Balkon

Foto:

Morris Mac Matzen/ NDR

Die Sendung aus der in Regenbogenfarben angestrahlten Hamburger Elbphilharmonie war erst wenige Minuten alt, da wurde schon betont, dass man hier in der ARD beim Original gelandet sei. Als Ersatz für den pandemiebedingt ausgefallenen Eurovision Song Contest 2020 hatte der beim ESC federführende NDR dort ein "deutsches Finale" auf die Beine gestellt - während allerdings gleichzeitig bei ProSieben ein von Stefan Raab erdachtes Konkurrenzprogramm zu sehen war.

Diese ungewohnte Duellsituation ließ die Eurovisions-Platzhirsche offensichtlich nicht kalt. Immer wieder spielte Moderatorin Barbara Schöneberger an auf möglicherweise gerade (in einer ProSieben-Werbepause?) hinzukommende Zuschauer. In ein von Schöneberger vorgetragenes Medley aus umgetexteten Song-Contest-Klassikern wurde extra ein Abba-Song ohne Eurovisions-Bezug eingebaut, um singen zu können: "The Winner takes it all/ der Raab is standing small/ Wir sind das Original/ der ESC, genial". Und als in einem Zusammenschnitt historischer Beiträge Raabs "Wadde hadde dudde da" kam, hieß es im Offkommentar bloß "Wer war er noch mal?"

So angegriffen? Dabei hatte es die ARD geschafft, immerhin vier der für den Jahrgang 2020 geplanten Wettbewerbsbeiträge in der Elbphilharmonie auf die Bühne zu bringen. Außer Konkurrenz zeigte Ben Dolic zumindest ansatzweise die Inszenierung, mit der er in Rotterdam für Deutschland "Violent Thing" präsentiert hätte. Hohe Erwartungen waren geweckt worden - unter Verweis auf den Choreografen, der mit Justin Timberlake gearbeitet habe. Der Sänger jedoch interagierte mit einer Videowand wie ein verunsicherter Powerpoint-Nutzer, beim Versuch, mit der Kamera zu flirten, schaute Dolic doch arg schulbubenhaft, und zu den Tänzerinnen sprang der Funke nicht nur wegen des hygieneregelbedingten Abstands nicht recht über.

Doch der Umstand, in den leeren Elbphilharmoniesaal hineinsingen zu sollen, erschwerte nicht nur dem deutschen Kandidaten den Auftritt. Auch das aus Kopenhagen angereiste Duo Ben & Tan fand keine rechte Chemie miteinander. Und der isländische Mitfavorit Dadi Freyr hatte seinen Beitrag "Think About Things" nicht nur klanglich abgespeckt, sondern vor allem die grandiose Choreografie des Vorentscheids nicht auf die Bühne gebracht - gefiel aber trotzdem mit Mittelscheitel, Memoji-Shirt, Elektropop und nettem Geplänkel mit Barbara Schöneberger.

So richtig professionell nutzte allerdings nur das Trio The Roop aus Litauen den Auftritt im deutschen Fernsehen: Sänger Vaidotas Valiukevicius hatte eine große Lupe als Accessoire aus Vilnius mitgebracht, trug weite Hose zu engem T-Shirt und hielt sich bei jeder Gelegenheit die Finger als Feuerkrone über den rasierten Kopf - schließlich heißt sein supereingängiger Popsong mit Achtzigerjahre-Appeal ja "On Fire".

Weder die Konkurrenten im Studio noch die als Videos zugespielten Beiträge konnten da mithalten: Litauen gewann den Wettbewerb um den "Sieger der Herzen" klar - Platz zwei bei den Jurys, Nummer eins im Televoting -, und Barbara Schöneberger überreichte Valiukevicius eine Miniatur des ESC-Siegermikrofons. Ähnliche Wettbewerbe hatten in Schweden der isländische Beitrag und in Island wiederum die Ballade "Fai Rumore" von Diodato aus Italien gewonnen, die im "deutschen Finale" nur auf Platz acht kam.

Die Auszählung der Stimmen kommentierte Barbara Schöneberger übrigens mit dem Spruch "So wie ich die sparsame ARD kenne, rechnet da kein Computer, das macht ein Mitarbeiter des NDR" - durchaus als Anspielung auf die aktuellen Spardebatten über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Allgemeinen und den NDR im Besonderen zu verstehen.

Nicht nur bei diesem Spar-Witz ist es eben Schönebergers Umgangsweise mit Unangenehmem, darüber Späße zu machen - das tat dieser Show ausgesprochen gut: Mit Selbstironie ging die Moderatorin durch die leeren Sitzreihen, bat das fehlende Publikum um Verzeihung und schlug sich durch zu ESC-Urgestein Peter Urban und dem Ex-Viertplatzierten Michael Schulte, die durch eine Plexiglasscheibe getrennt den Offkommentar besorgten.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Urban und Schulte waren denn auch die Verbindung zum zweiten Teil des langen ESC-Ersatzabends im Ersten, denn sie kommentierten auch "Europe Shine a Light", die offizielle Trostpflastersendung der Europäischen Rundfunkunion (EBU), die aus dem niederländischen Hilversum gesendet wurde. Als Trostpflaster wollte sie gleich in doppeltem Sinne wirken, für die um ihr Jahreshighlight gebrachten ESC-Fans, aber auch für das von Covid-19 erschütterte Europa.

Denn schließlich gibt es ja auch diesen überhöhten Zugang zum Eurovision Song Contest, für den weder Ironie und Trash-Bewusstsein noch nationales Wettbewerbsdenken zentral sind. Für ihn stehen die Mottos, die sich der Contest alljährlich gibt - "Dare to dream!", "Come together", "Building bridges", solche Slogans. Alle 41 für den ESC 2020 qualifizierten Interpreten wurden um ein Statement zur aktuellen Lage gebeten - um die Aneinanderreihung von "Stay strong" (fast alle), "Stay optimistic, learn new things" (Rumänien) oder "Listen to your inner voice" (Aserbaidschan) zu ertragen, ist allerdings ein Sinn für das Vergnügen am Verunglückten wiederum schon hilfreich.

Aber es gelangen in der EBU-Show einige tatsächlich anrührende Momente. So wurden in ganz Europa (und Australien) Sehenswürdigkeiten angeleuchtet. Einige Größen aus der langen ESC-Geschichte hatten ungewöhnliche Auftritte - so die serbische Siegerin von 2007, Marija Serifovic, die ihr "Molitva" auf den fast menschenleeren Straßen Belgrads sang. Oder auch Michael Schulte, der sein Duett mit der Niederländerin Ilse DeLange zu Nicoles "Ein bisschen Frieden" ausgerechnet im Friedenspalast aufgezeichnet hatte, dem Sitz des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag.

Bei "Europe Shine a Light" gab es keinen Wettbewerb, aber aus dieser Not machte man eine Geste, eine Geste des Miteinanders: Alle 41 Kandidaten sangen das Siegerlied von Katrina and The Waves aus dem Jahre 1997 (Peter Urbans erstem Jahr als ESC-Kommentator), "Love Shine a Light" - jede und jeder für sich von zu Hause aus, aber zusammengeschnitten als ein europäisches Gemeinschaftswerk. Ja, das war kitschig. Ja, darin steckte viel Pathos. Aber dass sich das welche erlauben, im Kontext einer Unterhaltungsshow, das gehört eben auch zum typischen ESC-Erlebnis. Und deshalb hatte die Geste auch in diesem Sinne etwas Tröstliches an sich.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.