Kehraus von Rotterdam 12 Punkte, die vom ESC bleiben

Wenn alle Stecker gezogen und Tränen getrocknet, alle Pfützen aufgewischt und Chipstüten geleert sind – was bleibt von der ESC-Show 2021? Zwölf Früchte der Erkenntnis.

1. Eine Komödie mit Will Ferrell

Erstmals hatte der ESC einen popkulturellen Referenzpunkt, der außerhalb seines eigenen Koordinatensystems lag: Die US-Parodie »Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga« läuft auf Netflix und ersetzte dort würdig den ESC im vergangenen Jahr, als er nicht stattfinden konnte, mit Island als einem der Favoriten.

Wiederkehrender Gag der Komödie ist der Song »Jaja Ding Dong« (klingt ganz, wie er heißt), den sich der vierschrötige Kneipenheld immer und immer wieder wünscht. Als Island seine Punkte zu vergeben hatte, stand Hannes Óli Ágústsson in der Pose eines trotzigen, sehr bärtigen Kindes vor der Kamera und brüllte: »Jaja DING DONG!«.

2. Ein Urgestein bröckelt

Peter Urban, 73, ist seit acht Jahren als NDR-Redakteur in Rente, moderiert aber den ESC unverdrossen weiter. Er tut dies, wie er es schon 1997 getan hat: mit mildem Kenntnisreichtum und dezenten Sottisen.

Nun ist 2021 nicht 1997 und die Gürtellinie spürbar hochgerutscht. Nachdem er über Moldau (»Der Millionär hat wahrscheinlich ihr Kleid bezahlt«) gelästert hatte, assoziierte Urban den Song des schwarzen niederländischen Sängers mit »König der Löwen«. Und klang dabei wie der Onkel, den man zur nächsten Party lieber nicht einladen würde – und es dann doch wieder tut.

3. Alles glitzert so schön

Trendklamotte der Saison: Silberglitzerfummel mit Schrittgebamsel, hier spazieren geführt von Destiny aus Malta

Trendklamotte der Saison: Silberglitzerfummel mit Schrittgebamsel, hier spazieren geführt von Destiny aus Malta

Foto: Sander Koning / POOL / EPA

Für laufstegferne Menschen ist der ESC die einzige Gelegenheit im Jahr, sich über aktuelle Strömungen in der Mode zu informieren. Besichtigt werden kann hier kein Prêt-à-porter, sondern der wirklich durchgeknallte Quatsch. Trend der Stunde ist demnach: Glitzer. Glitzer auf den Augen, Glitzer am Anzug, Glitzer vor allem im Kleid (mit »Schrittgebamsel«, so Kollegin Anja Rützel).

Metallbedampfte Kunstfaser kennt man auch in der Militärtechnik, wo sie von Kampfflugzeugen zur Verwirrung des feindlichen Radars abgeworfen wird. Hier erfüllte sie einen ähnlichen Zweck – und versagte, wie die Glitzerfreiheit der Höchstplatzierten beweist.

4. The Return of Veranstaltungstechnik

Heimlicher Star: Die Bühnentechnik

Heimlicher Star: Die Bühnentechnik

Foto: Robin Van Lonkhuijsen / EPA

Die Bretter, die angeblich die Welt bedeuten, sind längst multifunktional bespielbare Glasfaserwunderdinge, mit denen man offenbar machen kann, was man will. Mit Filmchen, Fotos, digitalen Rauch- und Feuersäulen, metamorphen Effekten und schimmernden Unendlichkeiten ließ diese Leistungsschau der Bühnentechnik (Impresario: Florian Wieder) Freude darüber aufkommen, was uns in postpandemischen Zeiten erwartet.

5. Der Brexit ist vollzogen

Kulturell, hört man immer wieder in beruhigendem Ton, gehört das Vereinigte Königreich »selbstverständlich« weiter zu Europa – auch wenn vertragliche und wirtschaftliche Verbindungen einstweilen gekappt sind. Beim ESC war davon nichts zu merken. Null Punkte von den Fachjurys, null Punkte beim europaweiten Telefonvoting.

Ausrechnet die Nation, die der Welt den Pop geschenkt hat, fremdelte schon immer mit dem kontinentalen Verständnis dieses Exportguts. Diesmal war es umgekehrt.

6. Ein Schicksalsschlag ist kein Beat

Überhandgenommen hatte zuletzt die Sitte, mit erfahrenem Leid im Wettbewerb um Sympathie zu werben. Gerade so, als wäre Mitleid wie Moll nur eine weitere Tonart. Verständlich, dass zu jedem Auftritt auch eine kleine Geschichte gehört – bestenfalls eine »backstory wound« oder erlittene Verletzung, die den Künstler oder die Künstlerin in ihrem Tun erst verständlich macht.

Beim ESC in Rotterdam verfehlten die erkrankte Mutter, der sieche Bruder oder Vater (diesmal bei der bulgarischen Sängerin Victoria sogar als Foto im Green Room präsent) ihre Wirkung. Man erkannte offenbar berechnende Absicht, wo nicht notwendigerweise eine war, und reagierte verstimmt.

7. Ironie ist vorbei...

Friede und Freude kann man nicht genug haben, an Eierkuchen sich aber doch irgendwann überfressen. Kein Wunder, dass in den vergangenen Jahren immer wieder Acts aus dem totalitären Regime der guten Laune in die Ironie flüchteten und dort Asyl beantragten.

2021 war es allein der isländische Beitrag von Daði Freyr, der sich um ironische Distanz zum Geschehen bemühte. Die Fachjurys nahmen das unterkühlt zur Kenntnis, die »popular vote« trug den Dissidenten dann doch noch genügend Stimmen zu, um sie vom zwölften auf den vierten Rang zu katapultieren.

8. ...und Authentizität noch viel mehr

Gleich nach Daði Freyr trat Blas Cantó für Spanien an, und größer hätte der Gegensatz nicht sein können. Auf Künstler, die augenscheinlich augenzwinkernd an die Sache herangingen, folgte ein Sänger, der eben diese Sache außerordentlich ernst zu nehmen schien.

Großes Gefühl, leidenschaftlich dargeboten, der Wille zum Schmachten, das Freidrehen also aller Sentimente, die auf dem ESC traditionell mit stolzer Platzierung belohnt werden. Hier war zu beobachten, wie das »too much« gnadenlos unter die Räder kam. Überreizen ist künftig verboten.

9. Die Grenzen des Karl Lauterbach

Überreizt hat es im Vorfeld des ESC auch der SPD-Gesundheitsexperte. Für seine in zahllosen Talkshows zur Perfektion gereifte Rolle als unermüdliche Kassandra der Epidemiologie wird er von vernünftigen Menschen wenn auch nicht geliebt, so doch geachtet. Karl Lauterbachs ärztlicher Rat aber, »Konzerte mit 3500 Zuschauern« könnten »wir uns noch nicht leisten, dafür ist es noch zu früh«, wurde vom Ereignis selbst in den Wind geschlagen.

Hygienischer Hedonismus scheint ein überwältigendes Bedürfnis und das Gebot der Stunde gewesen zu sein. Warten wir mal die Testergebnisse ab.

10. Demokratie bleibt kompliziert

Nachdem Entscheidungen lange in Hinterzimmer verbannt waren und Fachjurys mit zweifelhaftem Mandat ihre Stimmen vergaben, schlug das Pendel irgendwann allzu weit in die Gegenrichtung aus – und eine finnische Monster-Travestie wie Lordi konnte gewinnen, Hard Rock Hallelujah.

Inzwischen ist die Ermittlung des Volkswillens sorgsam ausbalanciert. Experten verteilen ihre spezialistische Gunst. Und am Ende kommt in Form der »popular votes« der Willen der Mehrheit um die Ecke und wirft, siehe Italien, alles über den Haufen. Ein Modell für Europa?

11. Es fehlt das Skandalöse

Allein der Gedanke, der Sänger von Måneskin könnte, wie es eine sehr kurze Einstellung nahelegte, sich vor rund 200 Millionen Zuschauern in einem »unbeobachteten Augenblick« eine Linie Kokain gezogen haben, zeigt von rührender Blauäugigkeit. So stark ist offenbar der Wunsch, in den wilden Italienern »echte Rocker« zu erkennen, dass ihnen von interessierter und womöglich entsprechend vorgeprägter Seite der Konsum harter Drogen auf großer Bühne gern zugetraut wird.

Das Missverständnis zeigt auch, was dem ESC diesmal fehlte – ein echter Skandal.

12. Die Rückkehr des Untoten

Großes Kino und psychologische Studie zugleich war das Verhalten von Måneskin während der Vergabe der Punkte. Kollegin Eva Thöne war das schon während der Sendung aufgefallen. Sie fand es bemerkenswert, wie die Italiener auf Knopfdruck zwischen »Fuck you all« und »12-Points-Überfreude« changierten.

And the winner is: Måneskin aus Italien

And the winner is: Måneskin aus Italien

Foto:

Dean Mouhtaropoulos / Getty Images

Die Gewissheit vom Gewinn einer insgeheim belächelten, noch insgeheimer aber auch geschätzten Veranstaltung führte bei Schlagzeuger Ethan Torchio denn auch zu völliger Perplexität. Nicht die charmante Wiedergängerin von Jacques Brel aus Frankreich, nicht der perfekte Schmalz aus der Schweiz, nein: Räudiger Rock, vom Fachpublikum seit einer ganzen Weile für mausetot erklärt, gewinnt erstmals den tendenziell eher schlagerlastigen ESC. Weil »die jungen Leute« an ihren Apps und Telefonen das so gewollt haben.

Jetzt ist er zum Weitermachen verdammt. Bis auch beim ESC die Zeit reif ist für Hip-Hop.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Ólafur Darri Ólafsson habe die Punkte für Island verkündet. Tatsächlich war es Hannes Óli Ágústsson. Außerdem hatten wir in einer früheren Version Peter Urbans Kommentar zum Millionärskleid dem serbischen Act zugeordnet, er bezog sich aber auf den moldauischen Beitrag. Wir haben die Stellen geändert.

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