Kandidaten für den ESC-Vorentscheid Ob diese sechs die nächste deutsche Blamage verhindern können?

Jeder soll ein Gewinner sein – unter diesem Motto sollen die Teilnehmer schon vor dem deutschen ESC-Vorentscheid am 4. März in den ARD-Popradios Airplay sammeln. Das hört man der Songauswahl ein wenig an.

Mit Elbblick hat sich das Personal im Altonaer Kaispeicher versammelt, das dafür Sorge tragen will, dass der Eurovision Song Contest für Deutschland nicht zum wiederholten Male als Enttäuschung endet. Bei der Pressekonferenz im Onlinestream stellten die Granden des für die ARD federführenden Norddeutschen Rundfunks (NDR) ein mal wieder kräftig umgemodeltes Konzept zur Auswahl des deutschen ESC-Teilnehmers vor – und dann die sechs Musik-Acts, die dafür noch im Rennen sind.

944 Einreichungen hat es nach Angaben von ESC-Delegationsleiterin Alexandra Wolfslast gegeben, sie hat als Jurorin zusammen mit den Musikchefs und -chefinnen von sechs ARD-Radiosendern daraus 26 ausgewählt, die zu einem Live-Vorsingen eingeladen wurden. Sechs Titel blieben übrig, sie sollen von jetzt an bis zum ESC-Vorentscheid regelmäßig auf den ARD-Popwellen im Radio gespielt werden.

Hintergrund ist offenbar, dass mit dem garantierten Airplay aufstrebenden Musikern ein Anreiz gegeben werden soll, dabei zu sein. »Sie sind schon Gewinner, wenn das Radio sie jeden Tag spielt«, sagte der NDR-Programmchef und ARD-Unterhaltungskoordinator Frank Beckmann. Und der neue ESC-Teamchef Andreas Gerling hat sich zum Ziel gesetzt, dass der deutsche Kandidat »schon als Gewinner nach Turin fährt«, wo am 14. Mai das ESC-Finale steigt.

Die Radiosender haben sich offenbar ein wenig bitten lassen, hört man aus den Ausführungen von NDR-2-Programmchef Torsten Engel heraus – man habe als »gleichberechtigter Partner« am ESC-Prozess teilnehmen wollen. Nun bewerben die neun Programme eine Onlineabstimmung, die am 28. Februar beginnt und zu 50 Prozent für die Auswahl zählt. Die anderen 50 Prozent sind die Televoting-Stimmen derjenigen, die sich bei der Vorentscheid-TV-Show mit dem optimistischen Titel »Germany 12 Points« am 4. März ein Bild gemacht haben.

Dass die erfolgreichsten deutschen ESC-Titel alle auch als Radiohits reüssiert hätten, betont Radiomann Engel – »am Ende des Tages ist der Song Song« – doch es fragt sich, ob auch der Umkehrschluss funktioniert. Jedenfalls sei die Metalcore-Band Eskimo Callboy, die ihre Bewerbung öffentlich gemacht hatte,  laut Jurorin Wolfslast zwar »sehr sehr weit gekommen«, aber ist letztlich doch nicht dabei – womöglich hätte sie die Durchhörbarkeit der Popwellen gestört.

Diese sechs Titel stehen zur Auswahl:

Eros Atomus – »Alive«

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Der heute 21-jährige Flensburger, der mit elf Geschwistern aufgewachsen ist, sagt, er komme aus einer Gitarrenfamilie, sie widmet sich dem Instrumentenhandel. Eros Atomus trägt eine Plektrum-Halskette. Der Sänger fiel bei »The Voice of Germany« 2018 auf, weil er bei seiner Version von »Bette Davis' Eyes« die Akustikgitarre im sogenannten »Lapstyle« auch als geklopftes Rhythmusinstrument einsetzte. Smudo und Michi Beck von den Fantastischen Vier coachten ihn bis ins Finale, wo er aber unter anderem hinter dem unglücklichen, von Corona verhinderten deutschen ESC-Kandidaten von 2020, Ben Dolic, zurückblieb.

Für den ESC-Vorentscheid tritt Eros Atomus mit dem von ihm selbst mitkomponierten Titel »Alive« an, dessen gut gemeinte inhaltliche Plattitüden (»It's great to be alive«) mit musikalischem 08/15-Pathos korrespondiert. In den Chören und Streichersounds ist viel Liebe für Coldplay zu erkennen.

Felicia Lu – »Anxiety«

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Felicia Lu Kürbiß strebt schon lange dem musikalischen Ruhm nach: Bereits 2014 war sie in der RTL-Sendung »Rising Talent« als »Indiepop-Queen« dabei. 2017 scheiterte sie im deutschen ESC-Vorentscheid, wo sie eine arg zaghafte Version von Robyns »Dancing on My Own« vortrug. Doch seitdem ist sie nach Wien umgezogen, schreibt für andere Künstler und sagt, sie habe sich inzwischen musikalisch gefunden.

Ihr selbst geschriebener Song »Anxiety« greift das Problem Angststörungen auf – Mental-Health-Themen waren zuletzt nicht selten bei ESC-Titeln zu hören. Und naheliegenderweise klingt der Song in der Produktion ein wenig nach Billie Eilish, in der Stimme hat Felicia Lu aber poppige Kiekser drin, die sich der kalifornische Jungstar nicht erlauben würde. Die ESC-Fans erfreute sie bei der Pressekonferenz mit profunder Kenntnis von Lieblingstiteln der Austragung von 2019 (Italien, Tschechien).

Maël & Jonas – »I Swear to God«

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Jonas Brochhausen, 20, und Maël Brunner, 26, kennen sich aus Koblenz und sind als Duo auch schon 2020 bei »The Voice of Germany« aufgetreten (Coach: Nico Santos). Damals noch vor allem Kapuzenpullis tragend, haben die beiden ihren Style inzwischen gehörig aufgepeppt und springen im Vorabvideo in Cricketpullover und Polyesterjacke auf einem Hochhausdach herum.

Musikalisch sind Maël & Jonas durchaus auf der Höhe der Zeit: Pop-Punk hat in den letzten beiden Jahren ein erstaunliches Comeback im Mainstream gehabt. »I Swear to God« ist energiegeladen genug, um auf der Bühne wirken zu können. Der Text ist eine Art Wiedergutmachungsgeste an alte Freunde – offenbar gelungen, sie seien heute die Paten von Maëls Tochter, erzählte er bei der NDR-Pressekonferenz.

Emily Roberts – »Soap«

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»Half Brit, Half Potato« nennt sich Emily Roberts, die vor 28 Jahren in Hamburg zur Welt kam und heute in Berlin lebt. Fürs Musikvideo zu »Soap« ist sie allerdings nach Kalifornien geflogen. Ihre Plattenfirma Sony Music scheint insgesamt recht große Stücke auf sie zu halten: Im April erscheint bereits ihre zweite EP. 2020 war ihr »In This Together« der offizielle Dschungelcamp-Song. Nach dem Vorentscheid geht sie erst mal im Vorprogramm von James Blunt auf Tour.

»Astreine Popmusik, hoffe ich« sei ihr Song, sagt Emily Roberts, und damit ist »Soap« tatsächlich ganz gut beschrieben. Komponiert mit zwei schwedischen Songwritern und einem Musiker der Band I Heart Sharks dreht sich der Song um den Wunsch, sich das Hirn mit Seife auswaschen zu können, um Liebeskummer loszuwerden – wenn das kein Popsong-Gedanke ist!

Nico Suave & Team Liebe – »Hallo Welt«

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Nico Suave ist der Veteran des Teilnehmerfeldes – der 43-jährige Wahlhamburger ist schon lange im Deutsch-Rap-Umfeld unterwegs, unter anderem in Projekten mit Samy Deluxe, Dendemann oder Teesy. 2014 nahm er gemeinsam mit Flo Mega an Stefan Raabs ESC-Konkurrenzveranstaltung Bundesvision Song Contest teil – Platz 10 für »Gedicht«. Für den ESC-Vorentscheid hat er eine Gruppe zusammengestellt mit den Kolleginnen und Kollegen NKSN, Buket und EMY.

Das Team Liebe ist für den einzigen deutschsprachigen Titel in der Vorauswahl verantwortlich. »Hallo Welt, wie geht's dir, warum so down?«, heißt es im Refrain, »warum gibst du negativen Vibes so viel Raum?«. In den gerappten Strophen gibt es reichlich nach Zeitkolorit heischendes Namedropping über Netflix und die Kardashians; in den gesungenen Refrains dafür wenig originelle Wohlfühl-Messages.

Malik Harris – »Rockstars«

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Der 24-Jährige aus Landsberg am Lech ist der Sohn von Ricky Harris, einem gebürtigen US-Amerikaner und ehemaligen Moderator von Shoppingsendungen und Talkshows im deutschen Privatfernsehen. Von seinen Eltern habe er einen guten Musikgeschmack mitbekommen, erzählte Malik Harris bei der Vorstellung – Michael Jackson, Queen, Alicia Keys –, nur mit Rap habe er seine Eltern schocken können.

Der Rap-Einfluss ist auch in seinem ESC-Beitrag unverkennbar – die Strophe erinnert in seiner langsamen Steigerung in die Hysterie hinein stark an Eminems »Stan«. Der Rest des Liedes wiederum ist harmlosester Soul-Pop, den er gern allein auf der Bühne vortragen will, begleitet von einer sogenannten Loop Station.

Die von Barbara Schöneberger moderierte Vorentscheid-Show »Germany 12 Points« wird am Freitag, dem 4. März, ab 20.15 Uhr in allen Dritten Programmen und dem Spartensender One gleichzeitig ausgestrahlt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.