ESC-Film mit Will Ferrell bei Netflix Besuchen Sie Europa, solange es noch singt

Die Trickkleider passen, die Liebesgeschichte weniger: US-Komiker Will Ferrell parodiert den Eurovision Song Contest – mit überraschend differenziertem Blick auf europäische Eigenarten.
Lars und Sigrit – das Duo Fire Saga hinter den Kulissen des Eurovision Song Contest

Lars und Sigrit – das Duo Fire Saga hinter den Kulissen des Eurovision Song Contest

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John Wilson/ NETFLIX

"Es ist Europas größte Abstimmung", mit dieser Feststellung beginnt der australische Historiker Dean Vuletic  sein Buch "Postwar Europe and the Eurovision Song Contest". Immer wieder wurde versucht, an dem jährlichen Liederwettstreit europäische Befindlichkeiten abzulesen, "Diktatoren und Dragqueens" hätten ihn als Bühne genutzt, allen offiziellen Beteuerungen seines unpolitischen Charakters zum Trotz. Sicher ist: Dieses Ritual kann europäischer kaum sein in seiner Mischung aus Kitsch, Kuriosität und Kleinstaaterei.

Und nun kommt ausgerechnet ein US-Amerikaner daher und will in einem Spielfilm den Geist des Eurovision Song Contest erfassen. Kann das gehen? Wo doch der Wettbewerb selbst in den drei Jahren, in denen er im LGBT-Spartenkanal Logo TV in den Vereinigten Staaten live gezeigt wurde, bloß fünfstellige Zuschauerzahlen erreichte ? Und selbst Stephen Colbert in einem Beitrag für seine Late-Night-Show 2016  bloß naheliegendstes Durch-den-Kakao-Ziehen einfiel?

Zum Glück ist der Amerikaner im Zentrum des Projekts der Schauspieler und Komiker Will Ferrell. Zum einen ist er biografisch vorbelastet: Er ist mit einer Schwedin verheiratet und erzählt gern die Geschichte, wie er beim Familienbesuch 1999 zusammen mit ihrem Cousin den ESC im Fernsehen sah und sofort nicht nur angefixt worden sei, sondern auch das Potenzial für eine Komödie vor dem Hintergrund der größten Unterhaltungsshow Europas erkannt haben will.

Strickpullis, Ölzeug, Silberanzug

Das wiederum kann man Ferrell anhand seiner Werkgeschichte durchaus glauben. Schließlich bewies der langjährige "Saturday Night Live"-Star auch in seinen Spielfilmen, dass er sich in Paralleluniversen einfühlen kann (die NASCAR-Rennserie in "Ricky Bobby"), sich vor großen Posen nicht fürchtet (als Paarläufer in "Die Eisprinzen") und für etwas naive Träume Verständnis hat ("Buddy, der Weihnachtself").

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Will Ferrells ESC-Saga

Foto: John Wilson/ NETFLIX

Bei "Eurovision Song Contest – The Story of Fire Saga", der am Freitag bei Netflix startet, hat Will Ferrell am Drehbuch mitgeschrieben, ist Co-Produzent und spielt die Hauptrolle: Lars, dessen Traum es ist, als Teil des Duos Fire Saga für seine Heimat Island beim ESC zu singen. Die Lust am Verkleiden, die Freude am Hässlichen, waren stets Teil seines Humors – hier wirft er sich furchtlos in Strickpullis, Ölzeug und silberne Glitzeranzüge, gern mit Socke im Schritt, zur Krönung noch eine futuristische Sonnenbrille, es ist ein Fest.

Überhaupt die Ausstattung: die große Stärke des Eurovision-Films, bei dem der Komödien-Routinier David Dobkin ("Die Hochzeits-Crasher") Regie führte, sind die Bühnenauftritte. Von Demi Lovato als große isländische Hoffnung Katiana ("Sie hat alles, sogar ihr Englisch ist perfekt"), über diverse liebevoll inszenierte Szenen mit Kandidaten aus Weißrussland, San Marino oder Griechenland, bis hin zum meisterhaften "Lion of Love" des großen Gegenspielers aus Russland, Alexander Lemtov (Dan Stevens).

Dieser Blick für die Details der absurden Trickkleider und der fragwürdigen Reime aus dem Englisch-Wörterbuch verrät, dass im Filmteam nicht nur Professionalität, sondern auch eine gewisse Liebe für den Gegenstand der Parodie geherrscht haben muss. Insofern hätte der Film ein gutes Trostpflaster sein können, als im Mai der Song Contest zum ersten Mal in seiner 64-jährigen Geschichte ausfiel.

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Mit dem Video "Volcano Man" des isländischen Duos hatte Netflix bereits einen Vorgeschmack auf Fire Saga in der Werbepause des ESC-Ersatzprogramms gegeben. So wie in den Bildern von wilden Fjorden und ebenso wilden Armgesten schon typische Motive aus Kandidatenvideos wiederzuerkennen waren, so werden sich ESC-Kenner auch am Halbfinal-Auftritt beim Contest von Fire Saga freuen, das Rhönrad als Bühnenrequisit wiederzuerkennen (Ukraine 2014!) – und sehen dann vielleicht gnädig über die unrealistische Punktvergabe im Anschluss hinweg. Zumal es zusätzlichen Fan-Service gibt in Form einer turbulent choreografierten Partyszene, bei der etliche ehemalige ESC-Sieger auftreten (Alexander Rybak mit Geige, Conchita Wurst mit Bart), aber auch einige erinnerungswürdige Geschlagene (Anna Odobescu ohne Sandmalerin).

"Perfect Harmony"

Verbunden werden die herausragenden musikalischen Szenen allerdings durch eine ziemlich zäh erzählte Liebesgeschichte zwischen Ferrells Lars und seiner Gesangspartnerin Sigrit (Rachel McAdams). Es geht um Träume, um Ehrgeiz, um Erwartungen (des von Pierce Brosnan gespielten Vaters von Lars). Die Botschaften, die da mitschwingen, wirken so klischeehaft wie die Slogans, die sich der ESC alljährlich gibt – von "A Modern Fairytale" über "Share The Moment" bis zu "Dare To Dream". Auch der fiktive Contest hier, der in Edinburgh spielt, hat einen: "Perfect Harmony".

Von den perfekten "Douze points" ist der Film also weit entfernt, doch er findet immer mal wieder unerwartet differenzierte Untertöne. So lässt er den ESC-Sieger von 2017, Salvador Sobral, seinen damaligen Titel aufführen. Nach dem Gewinn des Wettbewerbs hatte der Portugiese sich von der "Fast-Food-Musik" distanziert, nun singt er hier fern der anderen ESC-Gesichter und deren exaltierter Party als Straßenmusiker in einem Park.

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Auch Widersprüche, die immer wieder um den ESC auftauchen, hält der Film aus: Die Show mit ihrem starken Rückhalt in der schwulen Szene bleibt gegenüber Teilnehmerländern mit homophoben Tendenzen oft allzu zahm. Hier sagt Alexander Lemtov: "Es gibt keine schwulen Russen". Die Nachricht, dass sie wegen des Unglücks anderer für Island zum Contest reisen dürfen, nimmt das Fire-Saga-Duo mit einer Mischung auf Feixen und Trauer auf. Das bringt die Gleichzeitigkeit des ultra-kompetitiven Ehrgeizes und des betonten "Wir sind alle eine Familie"-Geistes in der Eurovision-Bubble gut auf den Punkt.

In dieser Blase ist seit 2015 auch Platz für Australien, dort wird der ESC allerdings auch schon seit 1983 von SBS übertragen, einem Sender, der die Herkunftskulturen der Menschen im Einwanderungsland Australien pflegen soll. Will die Europäische Rundfunkunion EBU diese Internationalisierung womöglich ausweiten? Dass die EBU beim Ferrell-Film mit im Boot ist, spricht dafür, auch hat Netflix seit 2019 die Song-Contest-Übertragungsrechte übernommen.

Etwas vorsichtiger muss man allerdings die Running-Gag-Szenen mit vier jungen US-Amerikanern auf Europatrip interpretieren, die sich von Lars aus Island immer wieder beschimpfen lassen müssen. Offenbar ergeht an die Amerikaner, ironischerweise von Landsmann Will Ferrell überbracht, die Botschaft: Schaut gern zu bei unserem Euro-Spektakel, aber haltet euch ansonsten raus!