Eurovisions-Gastgeber Norwegen Wo Popstars aus Ölquellen sprudeln

Glückliches Norwegen! Das Land ist mit viel Öl gesegnet und nicht zuletzt dank der Petro-Gelder auch mit einer vielfältigen Musikszene: von smartem Elektro-Pop bis hin zu bizarrem Black Metal. Für den Eurovision Song Contest haben die einheimischen Musiker daher nur ein mitleidiges Lächeln übrig.

Nina Merikallio / Smalltown Supersound

Aus Oslo berichtet


Drei Jahre ist der kleine Morten alt und sitzt auf den Schultern eines Blaskapellenmeisters. Es ist der 17. Mai, Nationalfeiertag in Norwegen. Fähnchen werden geschwenkt, die Kinder singen, das Humtata der Blaskapelle setzt ein - und Morten, auf den Schultern des massigen Trompeters, kann vor Begeisterung das Wasser nicht halten.

So fangen in Norwegen Musikerkarrieren an. Sogar ganz große. Morten Harket, Sänger der Popgruppe A-ha, ist mittlerweile Mitte vierzig und tourt derzeit mit seiner Band auf Abschiedstournee durch Deutschland. "Der Blaskapellenmeister", so erinnert er sich, "hat wohl noch nie ein Kind vor Begeisterung so durchdrehen sehen." Mit den Pop-Hymnen von A-ha geriet Norwegen als Musikland in den neunziger Jahren schlagartig in das Bewusstsein des Auslandes. Seitdem genießt das Gastland des diesjährigen Eurovisionswettbewerbes einen Ruf als musikalisches Wunderland, das mit einer überraschenden Fülle innovativer Künstler aufwartet. Und das trotz seiner weniger als fünf Millionen Einwohner und der abgeschiedenen Lage.

War Norwegen dereinst Ziel von naturbegeisterten Oberstudienräten, die mit ihren Wohnmobilen durch die Fjordlandschaft reisten, so pilgern mittlerweile Musikmanager großer Schalplattenfirmen nach Bergen, Oslo und Tromsø auf der Suche nach dem Sound der Zukunft. "Es ist schon verrückt, dass dieses Volk so viel Musiker und Bands hervorbringt", wundert sich der Boss von Warner Music Norwegen, Guttorm Raa. Er denkt an Elektro-Pioniere wie Röyksopp, die DJane Annie oder die sanften Kings of Convenience, die mittlerweile in Zahnarztpraxen rund um die Welt aus den Lautsprechern dudeln. Zur Szene gehören auch eklektische Jazz-Virtuosen wie der Pianist Bugge Wesseltoft und liebliche Songwriterinnen wie Maria Mena oder die derzeit äußerst erfolgreiche Marit Larsen.

Fotostrecke

25  Bilder
Eurovision Song Contest: Alle Kandidaten fürs Finale
In Norwegen wachsen aber auch seltsame Geschöpfe, die optisch mitunter den Trollen, jenen skandinavischen Fabelwesen nicht unähnlich sind; etwa die Punkschock-Band Turbonegro, die eine fanatische Anhängerschaft in Deutschland genießt oder die Black-Metal-Band Burzum, dessen Gründer Varg Vikernes wegen Mordes, Brandstiftung und Sprengstoffbesitzes für mehr als ein Jahrzehnt im Knast saß.

Für den bekannten Radio-DJ Guttorm Andreasen gibt es handfeste Gründe für den nordischen Musikboom. "Die Leute hier haben Geld und damit die nötige Zeit, sich aufwendigen Tontüfteleien hinzugeben", sagt der 45-jährige. Die digitale Revolution kam ihnen dabei zur Hilfe. "Am Computer lassen sich mittlerweile Songs in Studioqualität produzieren."

Diesen Vorteil genießt die Jugend der ganzen Welt. In Norwegen hingegen fördert der Staat die Musik, wie andere Länder ihre Stahlwerke und Autofabriken. Geld hat der Staat wegen milliardenschwerer Einnahmen so viel, dass er es in einen Staatsfonds steckt und im Ausland investieren muss - nur um seine heimische Wirtschaft nicht zu überhitzen.

Einiges dieser Petro-Gelder fließt aber auch in Kulturfonds. "Da können Bands Gelder für einen Studiobesuch oder die Produktion eines Videos beantragen", berichtet Andreasen. Eine staatliche Stelle organisiert den Bands Tourneen durch das Land. Auf eine Web-Seite des staatlichen Rundfunks NRK können Musikgruppen kostenlos ihre Songs laden, die Titel werden von einer Jury zu monatlichen Wettbewerben ausgewählt. Am Ende winkt der Auftritt auf einem der internationalen Musikfestivals des Landes. "Große Namen haben dort ihre ersten Stücke veröffentlicht", sagt Radio-DJ Andreasen.

Eurovision? Pah!

Die musikalische Qualität hingegen fußt auf den obligatorischen Schulbands. An jeder Schule gibt es sie, und der ursprüngliche Sinn und Zweck war es, die Bildungseinrichtung möglichst würdevoll beim Umzug am Nationalfeiertag zu repräsentieren. Die Schulkinder lernen ab einem bestimmten Alter aber vor allem Gitarre, Schlagzeug und Bass. "Aus diesem Talentpool rekrutiert vor allem die Jazz-Szene ihre größten Könner", sagt Andreasen. Günstig wirkten sich zudem die langen Winternächte aus. "Da ist reichlich Zeit, komplizierte Gitarrengriffe zu üben."

Die musikalische Leidenschaft seiner Landsleute schlägt sich in den Bilanzen des Labelmanager Raa von Warner Music nieder. "Es gibt kaum ein Land auf dieser Welt, dessen Bürger pro Kopf mehr für Musik ausgeben", sagt Raa. Während in Deutschland die Verkäufe in den letzten Jahren um mehr als die Hälfte einbrachen, gingen sie im Land der Fjorde nur um verträgliche zehn Prozent zurück. Die Hälfte seiner CDs verkauft Warner dabei an Tankstellen. "Die sind für die Kids in der Provinz oft die einzige Bezugsquelle", sagt Raa. Wie in kaum einem Land schnellt deshalb auch das Download-Geschäft in die Höhe.

Der Eurovision Song Contest findet in der Musikszene von Oslo, Bergen oder Stavanger dagegen kaum Beachtung. Alexander Rybak, der Vorjahressieger, fällt musikalisch genauso aus dem Rahmen der innovativen Musikszene wie der operettenhafte Kandidat diesen Jahres, Didrik Solli-Tangen. Musikmanager Raa will an diesem Wochenende lieber seine hartnäckige Frühjahrserkältung im Bett auskurieren, als den kurzen Weg in die Telenor-Arena, den Schauplatz des Sängerwettstreits im Westen der norwegischen Hauptstadt.

Er habe sich gestern die Übertragung des Halbfinales im Fernsehen angeschaut, sagt der 37-jährige verschnupft: "Dabei konnte ich nichts erkennen, was an die Qualität unser Musikszene nur annähernd herangereicht hätte."

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
VPolitologeV, 29.05.2010
1. Unfassbar...
...Gerade mal zwei Nebensätze über eine der extremsten Musikformen: Blackmetal. Keine Bilder. In einem Bericht über Norwegen. Und natürlich wird eine der größten Pfeifen des Blackmetals in diesen Nebensätzen erwähnt. Mr. Vikernes. Da wäre noch mehr zu machen gewesen.
masseltoff74 29.05.2010
2. Schwerer schnitzer
Zitat: "Mit den Pop-Hymnen von A-ha geriet Norwegen als Musikland in den neunziger Jahren schlagartig in das Bewusstsein des Auslandes." LoL, wo eher in den Achtzigern. In den Neunzigern geriet Norwegen in die Schlagzeilen wegen brandschatzenden, schwulenfeindlichen und rassistischen Black Metallern. ; ) Ein wenig ungenau recherchiert, oder? Ihren Comeback hatten "a-ha" mit "Minor Earth Major Sky" aus dem Jahr 2000. In den Neunzigern hatten sie sich getrennt und Solo vor sich hin gedümpelt.
simba00 29.05.2010
3. Alles "Schock" irgendwie
---Zitat--- In Norwegen wachsen aber auch seltsame Geschöpfe, die optisch mitunter den Trollen, jenen skandinavischen Fabelwesen nicht unähnlich sind; etwa die Punkschock-Band Turbonegro, die eine fanatische Anhängerschaft in Deutschland genießt oder die Black-Metal-Band Burzum, dessen Gründer Varg Vikernes wegen Mordes, Brandstiftung und Sprengstoffbesitzes für mehr als ein Jahrzehnt im Knast saß. ---Zitatende--- schließe mich VPolitologeV an und bin zudem noch erstaunt wie man Turbonegro - eine Band die bewusst mit homophoben und rassistischen Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft spielt und jener diese vorhält - und Burzum - ein Projekt einer Person, die sich germanischen, skandinavischen Mythen durch die nationalsozialistische Brille betrachtet hingab - in einem Satz unter der Rubrik "Obskuritäten" abbuchen kann. Aber schöne Wortschöpfung, dieses Punkschock, da muss die Darstellung dann halt etwas für leiden.
masseltoff74 29.05.2010
4. Genau so ist es, aber nicht weiter schlimm
Zitat von VPolitologeV...Gerade mal zwei Nebensätze über eine der extremsten Musikformen: Blackmetal. Keine Bilder. In einem Bericht über Norwegen. Und natürlich wird eine der größten Pfeifen des Blackmetals in diesen Nebensätzen erwähnt. Mr. Vikernes. Da wäre noch mehr zu machen gewesen.
Immerhin wurde dort richtig recherchiert. Auch wenn der Zeitraum seiner Haftstrafe ungenau beschrieben ist (es sind genau 15 Jahre gewesen). Und ja, ausgerechnet den musikalischen und menschlichen Hohlroller Nummer 1 zu erwähnen, erscheint reichlich indifferent. Kein Hinweis, dass Dimmu Borgir reichlich Musikpreise in Norwegen abgeräumt haben und regelmäßig in den Charts sind. Aber rein musikalisch, menschlich ist Black Metal aus Norwegen wirklich keine Zeile mehr wert. Dafür wiegt die Bemerkung, dass "a-ha" in den Neunzigern Musik gemacht hätten, in seiner Ungenauigkeit viel schwerer. Anfang der Neunziger hatten sie kaum Erfolge zu verzeichnen, und Ende der Neunziger hatten sich die drei für einen Auftritt zusammen gefunden. Comeback war erst 2000.
spontaneoushh 29.05.2010
5. Jeder Metaller ist ein böser, hässlicher Troll mit Mordgedanken
Zitat von VPolitologeV...Gerade mal zwei Nebensätze über eine der extremsten Musikformen: Blackmetal. Keine Bilder. In einem Bericht über Norwegen. Und natürlich wird eine der größten Pfeifen des Blackmetals in diesen Nebensätzen erwähnt. Mr. Vikernes. Da wäre noch mehr zu machen gewesen.
...dass weder textlich noch visuell extensiver auf norwegischen Black Metal eingegangen wird, ist verständlich, schließlich ist das Thema des Artikels ein anderes. Was schlimmer wiegt: (Black) Metal wird dem Mainstream-Publikum mal wieder als Musik für gewalttätige Außenseiter nahegebracht. Ein Wunder, dass Herr Traufetter nicht auf Vikernes' verquere politische Einstellung eingeht... Lesetipp für den sich mit dieser Thematik nur oberflächlich befassenden Teil der Redaktion: Reto Wehrli - Verteufelter Heavy Metal. Das hilft. Wann hört die Stigmatisierung dieses Musikstils auf SPON eigentlich mal auf?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.