Serie über falsche Hitler-Tagebücher Ein Mobiltelefon hätte die »Stern«-Blamage verhindern können

Die RTL-Serie »Faking Hitler« mit Lars Eidinger und Moritz Bleibtreu macht aus dem Führer-Tagebücher-Skandal des »Stern« einen heiteren Krimi – und will zugleich ein zeitkritisches Lehrstück sein.
Liebesbedürftiger Großkotz: Lars Eidinger als Reporter in »Faking Hitler«

Liebesbedürftiger Großkotz: Lars Eidinger als Reporter in »Faking Hitler«

Foto: Wolfgang Ennenbach / RTL

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Der Berufsstand der Journalisten wird im deutschen Film- und Fernsehwesen fast immer als Biotop für Trottel und Unsympathen dargestellt. Insofern ist es die vermutlich größte Überraschung der Serie »Faking Hitler«, dass der Schauspieler Lars Eidinger darin einen Reporter der Illustrierten »Stern« als menschlich anrührenden, ein bisschen verzweifelten, liebesbedürftigen Kerl verkörpert. Eidinger spielt Gerd Heidemann, den berüchtigten Starjournalisten, der 1983 die gefälschten Hitler-Tagebücher zum »Stern« brachte.

Die Chefs und Kolleginnen und Kollegen des von Eidinger präsentierten Helden werden allesamt so karrieregeil und sexistisch, zynisch und leserverachtend gezeigt, wie man es aus vielen deutschen Film- und Fernsehproduktionen gewohnt ist. Eidingers Heidemann hingegen ist ein nett melancholischer Träumer. Die angeblich von Hitler handgeschriebenen Kladden, die ihm ein schwäbischer Provinzfälscher namens Kujau zuspielt, sind seine letzte Chance, weil er auf der Abschussliste seiner Chefs steht, und so seufzt er ganz ernsthaft: »Das wird der Knüller meines Lebens.«

Ein jüdischer Aktivist forscht Nazi-Größen hinterher

Die sechsteilige Serie »Faking Hitler« ist der Stoff, aus dem der Kino-Erfolg »Schtonk!« von 1992 gebastelt war, nur dass Götz George alias Heidemann jetzt von Eidinger gespielt wird und Uwe Ochsenknecht alias Konrad Kujau von Moritz Bleibtreu. Der Serienmacher Tommy Wosch hat den Skandal um die als Weltsensation präsentierten und schnell als Fälschung entlarvten Hitler-Tagebücher für einen Sechsteiler mit toller Besetzung neu verfilmt. Und er hat sich ein paar neue Figuren und Nebenhandlungen ausgedacht. Die wichtigste weibliche Rolle in der Mediensatire gehört nun einer jungen »Stern«-Redakteurin (Sinje Irslinger) mit schlimmer blonder Fönfrisur und braun eingefärbtem Familienhintergrund. Der Schauspieler Daniel Donskoy spielt einen smarten jüdischen Aktivisten, der alten Nazis und den Schwindel-Tagebüchern hinterherrecherchiert.

Lausbübischer Fälscher: Moritz Bleibtreu als Konrad Kujau

Lausbübischer Fälscher: Moritz Bleibtreu als Konrad Kujau

Foto: Wolfgang Ennenbach / RTL

»Faking Hitler« ist keine durchgeknallte Groteske wie »Schtonk!«. Helmut Dietls Film ist, wie man beim Wiederansehen feststellen kann, gerade wegen seines Haudrauf-Humors nicht besonders gut gealtert. Wosch erzählt nun einen fast konventionellen Krimi mit viel Achtzigerjahre-Zeitkolorit. In dem steuern die beiden Hochstaplerbegabungen Kujau und Heidemann mit heiterer Zwangsläufigkeit aufeinander zu. Bleibtreus Kujau ist ein nahezu ehrbarer Gauner. Erst erkennt er mit kindischer Begeisterung, wie leicht sich viel Geld verdienen lässt mit gefakten Führer-Aufzeichnungen über Verdauungsbeschwerden und die Stimmungslage von Eva Braun. Dann versucht er panisch seinen Geschäftspartner Heidemann zu stoppen, weil die »Stern«-Chefs ein Gutachten über die Echtheit der Tagebücher in Auftrag geben.

Bertelsmann-Konzern betreibt Vergangenheitsbewältigung

Im Kern ist »Faking Hitler« ein freundliches Lehrstück. Es handelt davon, wie lebendig das Nazi-Erbe in der späten Bundesrepublik noch war – und vom Wandel der Medien und der Kommunikation. Ein damals noch nicht erfundenes Mobiltelefon, so lernt man in diesem liebevoll ausgestatteten Historiendrama unter anderem, hätte die große »Stern«-Blamage wohl noch verhindert. Denn in ein paar entscheidenden Momenten kann Kujau den Reporter Heidemann einfach nicht erreichen.

Der »Stern«-Mann ist weit weg in New York. Dort vergnügt er sich mit seiner Geliebten, einer Nachfahrin des Kriegsverbrechers Hermann Göring, die von der Schauspielerin Jeanette Hain hier als kluge, überlegene Gefährtin eines notorischen Verführers gespielt wird (und eben nicht als die grelle Nazisse, die Christiane Hörbiger in der Vorbildrolle in »Schtonk!« vorgeführt hat).

Jungredakteurin in der »Chauvi-Bude« einer Illustrierten: Darstellerin Sinje Irslinger in »Faking Hitler«

Jungredakteurin in der »Chauvi-Bude« einer Illustrierten: Darstellerin Sinje Irslinger in »Faking Hitler«

Foto: Wolfgang Ennenbach / RTL

Der Sender RTL+, auf dem Woschs Sechsteiler von Dienstag an läuft, gehört wie der »Stern« zum Bertelsmann-Konzern. Für die Konzernleute lässt sich die Serie, ähnlich wie ein Hitler-Tagebücher-Podcast des »Stern« vor einigen Jahren, als Projekt der Vergangenheitsbewältigung betrachten.

Das Unterhaltungsgewerbe der Achtzigerjahre wird in »Faking Hitler« durchaus empört als Zirkus männlicher Sexisten präsentiert, in der Frauen mit Verachtung und blöden Sprüchen bedacht werden. »Das ist eine Chauvi-Bude«, sagt ein von Ulrich Tukur gespielter Juraprofessor einmal. Durch diese Art der entschlossenen Distanzierung soll dem Serienpublikum nebenbei wohl eine beruhigende Botschaft vermittelt werden: So was kommt im Bertelsmann-Imperium heutzutage ganz bestimmt nicht mehr vor.

»Fa­king Hit­ler«, ab 30.11. auf RTL+.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.