Samira El Ouassil

Gäste in TV-Talkshows Black Guests Matter

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
In Talkshows diskutieren fast nur weiße Menschen, selbst wenn es um rassistische Polizeigewalt geht. Wer schwarze Personen einlädt, beendet noch keine Diskriminierung, stärkt aber deren gesellschaftlich-politische Position.
Moderatorin Sandra Maischberger mit Gast Priscilla Layne

Moderatorin Sandra Maischberger mit Gast Priscilla Layne

Foto: Max Kohr/ WDR

Stellen Sie sich vor, es liefe im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine politische Talkshow, in der über verschiedene Themen der Woche gesprochen werden soll; nehmen wir mal an, über etwas wie Corona, Politik, Wirtschaft; zudem soll es aber um einen aktuellen Anlass gehen - sagen wir: #MeToo. Und jetzt stellen Sie sich vor, in dieser Runde kämen ausschließlich Männer zu Wort. Da wären vielleicht ein Politiker, der über die Politik spricht, ein Börsenexperte, der über die Wirtschaft Bescheid weiß, und ein Virologe, der über Corona referiert. Zu #MeToo würde dann ein Kommentator, vielleicht noch ein Journalist, sicher auch noch der Politiker etwas sagen - aber: keine Frau.

So eine Sendung wäre mindestens irritierend. Man würde sich über die reine Männerrunde wundern, die eventuell über sexuelle Übergriffe diskutiert oder über die Bedeutung von #MeToo für die amerikanische Gesellschaft.

So ähnlich verhielt es bei der gestrigen Ausgabe der TV-Talkshow "Maischberger. Die Woche". Neben den oben genannten Themen ging es um den strukturellen Rassismus und die Polizeigewalt in den USA. Unter den angekündigten Gästen unter anderem die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl, Bundesaußenminister Heiko Maas und "Focus"-Kolumnist Jan Fleischhauer - alle ExpertInnen in ihren Spezialgebieten: Ökonomie, Außenpolitik, Humor. Alle Personen, die nicht von Rassismus betroffen sind. Da keine schwarze Expertin eingeladen worden war, lag das diskursive Problem bereits vor der Diskussion auf der Hand: Wer über Diskriminierung sprechen möchte, aber niemanden einlädt, der von Diskriminierung betroffen ist, diskriminiert genau diese Menschen.

Schwarze Personen können auch über andere Themen als Rassismus sprechen

Nachdem die "Maischberger"-Redaktion auf Twitter auf dieses Dilemma hingewiesen worden war, rechtfertigte sie sich - "da es hier nun leider ein bisschen Verwirrung gab" -, mit der Erklärung , dass die Sendung die relevantesten Themen der Woche abdecke, also die Unruhen, aber eben auch die Entwicklungen der Coronakrise, das Konjunkturpaket und die Reisewarnungen.

Unabhängig davon, dass die meisten KritikerInnen natürlich wissen, dass das Format schon länger kein monothematisches Diskussionspanel mehr ist, offenbart diese Antwort ein größeres Problem der redaktionellen Besetzungspolitik. Sie versucht, die kritisierte Abwesenheit einer schwarzen TeilnehmerIn damit zu entschuldigen, dass Rassismus ja nicht das Hauptthema sei.

Ich weiß nicht, ob ich das jetzt hier nochmals wirklich erwähnen soll - aber, äh - nur um ganz sicher zu gehen: Ich hoffe, es ist bekannt, dass schwarze JournalistInnen, PolitikerInnen und KommentatorInnen durchaus in der Lage sind, über Themen zu sprechen, die nichts mit Rassismus zu tun haben. Inwiefern sollte also die Form des Wochenrückblicks ein Argument gegen die Einladung einer schwarzen ExpertIn oder generell einer Person of Color sein?

Die namenlose schwarze Frau aus den USA

Zugutehalten muss man der Redaktion, dass sie sich die Kritik offenbar zu Herzen genommen hat. In letzter Minute präsentierte man die Wissenschaftlerin Priscilla Layne aus North Carolina - aus der zunächst ein Geheimnis gemacht wurde: "Die Redaktion war seit Sonntag im Kontakt mit mehreren möglichen, auch schwarzen, Gesprächspartner*innen zum Thema #Rassismus in den #USA. Zugesagt hat jetzt eine afro-amerikanische Germanistikprofessorin aus North Carolina", verkündete  man via Twitter.

Bravo! Innerhalb von drei Tagen fand man doch tatsächlich eine namenlose schwarze Frau aus den USA, die gewillt war, mit der ARD über Rassismus zu sprechen.

Es stellt sich heraus, dass Layne erst am Dienstag von der ARD kontaktiert worden war. Sie selbst äußerte sich zur Einladung auf Twitter folgendermaßen:

Sie glaube, die Redaktion habe erst in letzter Minute darüber nachgedacht, einen schwarzen Gast einzuladen. "Wenn sie über Rassismus und Polizeigewalt nachdenken, denken sie fälschlicherweise nur an die USA."  Die Einladung demonstriere "viel von dem Bullshit", mit dem schwarze Deutsche umgehen müssten: "aufgrund von Gatekeeping und institutionellem Rassismus aus wichtigen Unterhaltungen ausgeschlossen werden." 

Besonders unterirdische Berichterstattung

Diese Einladungspolitik ist exemplarisch für ein wiederkehrendes Problem medialer Repräsentation, ob es nun Frauen sind oder Menschen mit Migrationshintergrund, und es ist keineswegs neu: Der MDR lud vorletztes Jahr vier weiße Menschen ein, unter anderem Frauke Petry, um die Frage zu erörtern, ob man heute noch das N-Wort sagen dürfe. Im vergangenen Jahr verliehen  die "Neuen deutschen Medienmacher*innen" genau aus diesem Grund die "Goldene Kartoffel für besonders unterirdische Berichterstattung" an die politischen Talkshows in ARD und ZDF.

Die demokratietheoretische Forschung der Politikwissenschaftlerin Hanna F. Pitkins über die politische Repräsentation lässt sich teilweise auch auf mediale Repräsentationen anwenden. Sehr vereinfacht gesagt, unterscheidet sie zwischen "deskriptiver Repräsentation", ("standing for"), und "substanzieller Repräsentation", ("acting for").

Es wird angenommen, dass eine höhere Repräsentation von Gruppen die gesellschaftspolitische Souveränität dieser Gruppen stärkt, da davon ausgegangen wird, dass deskriptive und substanzielle Repräsentationen sich positiv bedingen. Mit einer Einladung in eine Talkshow wird die Diskriminierung einer Gruppe nicht beendet, aber von dort können bestenfalls gesellschaftspolitische Handlungen weitergehen.

"Weil wir gemeint sind"

Eindrücklich zeigte das der "Zeit"-Journalist Yassin Musharbash, der nach dem Anschlag in Hanau zu Gast bei Anne Will war. Bezogen auf die AfD sagte  er: "Wenn bestimmte Politiker in deutschen Parlamenten bestimmte Dinge sagen, dann wird das von einem Großteil der deutschen Bevölkerung, Gott sei Dank, gottlob als unanständig begriffen. Aber von dem migrantischen Teil der Bevölkerung wird das als Bedrohung begriffen. Weil die gemeint sind. Weil wir gemeint sind."

Es war der Moment, wo er vom "die" zum "wir" präzisierte, wo er als Gast nicht nur deskriptiv für Menschen stand, die in Deutschland einen Migrationshintergrund haben, sondern auch etwas für sie zum Ausdruck brachte.

Auch der SPIEGEL ist nicht vor dieser Betriebsblindheit in der Aufstellung von Gästerunden gefeit: So sollten am Montag der SPIEGEL-Journalist Markus Feldenkirchen, der Experte für US-Politik von der FU Berlin Christian Lammert, Benjamin Wolfmeier von Republicans Overseas Germany und der SPIEGEL-US-Korrespondent Ralf Neukirch online miteinander über die durch die Tötung von George Floyd in Gang gesetzten Erschütterungen in den USA diskutieren.

Nach verständlicher Kritik lud man glücklicherweise den Autor Stephan Anpalagan ein, der zu dieser Runde eine weitere Perspektive und eine andere Dimension der Ausprägungen von Rassismus beitragen konnte, welche die anderen vier Gesprächsteilnehmer unmöglich hätten einbringen können.

Dass andere Besetzungen kein Ding der Unmöglichkeit sind, zeigt auch die Gesprächssendung "Besser als Krieg" von Comedian Oliver Polak. Seine acht Gäste waren allesamt Frauen, darunter zwei schwarze und vier of Color. Zum Vergleich: In einer quantitativen Analyse erhob der Journalist Fabian Goldmann, wie viele schwarze Menschen letztes Jahr insgesamt in politischen Talkshows saßen : Es waren drei.