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ZDF-Webserie: Willkommen in der Hakenkreuz-WG

Foto: Christiane Pausch/ ZDF

ZDF-Comedy "Familie Braun" Papi ist Nazi - aber ein lieber

Politisch inkorrekte Patchworksippe: In der ZDF-Comedy "Familie Braun" muss sich ein Neonazi in seiner Hakenkreuz-WG um seine schwarze Tochter kümmern. Lustig? Na ja.

"Wer ist das?", fragt das Kind und deutet auf ein Poster an der Wand. "Das ist Adolf Hitler!", sagt der Nazi. Warum der so traurig guckt, will das Kind wissen. "Der Führer guckt nicht traurig! Der guckt nachdenklich. Hat sehr viel nachgedacht, früher" - "Worüber?" - "Deutschland!" - "Warum?", und so weiter und so fort. Was einem eben einfällt, wenn bunte Kindersneakers auf Springerstiefel treffen.

Bei YouTube wurde die erste Folge der ZDF-Produktion "Familie Braun" nach vier Tagen mehr als 30.000 Mal geklickt . Die Kommentare reichen von "Irgendwie … verstörend … gut" über "Sehr schön :D" und "Das ist so … AWESOME!!!" bis zu "Warum so kurz, der Stoff könnte ein abendfüllender Spielfilm werden".

Nun wird der Stoff um die Nazi-WG aus Thomas und Kai, die plötzlich um das süße Ergebnis eines Seitensprungs mit einer Eritreerin erweitert wird, vom ZDF zunächst als Doppelfolge in der zehnminütigen Lücke zwischen "heute show" und "Aspekte" ausgestrahlt.

Das Netz ist ein Vertriebsweg wie jeder andere auch, zum Beispiel wie das ZDF. Inhalte gibt es hier wie dort, nur wird die jeweilige Plattform publikumsgemäß anders bespielt. Was im Internet zündet, kann aus gleichen oder auch ganz anderen Gründen im Fernsehen floppen - und umgekehrt. Das ZDF versucht den Spagat über seine Sendereihe "Das kleine Fernsehspiel". Es macht sich damit schick fürs Netz und versucht zugleich, dessen Personal als Nachwuchs einzufangen und aufzubauen. Geht das gut?

Bei YouTube kommt das Konzept den Zuschauern weit entgegen. "Familie Braun" ist im Sinne einer Abfolge nächstliegender Pointen "witzig". In knapp fünf Minuten wird keine Aufmerksamkeitsspanne überstrapaziert. Mit Florian Mundt (LeFloid), Steven Schuto (Space Frogs) oder Max Krüger (Doktor Froid) sind die entsprechenden Szene-Stars am Start. Vincent Krüger als Kai dürfte Zuschauer von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" bekannt vorkommen, Edin Hasanovic ("Schuld sind immer die anderen") wurde gerade als bester Nachwuchsschauspieler mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet .

"Mein Kampf" als Gute-Nacht-Geschichte

Auch das Thema hat es in sich. Über Faschisten wird gern gelacht, ihrer allmählichen Läuterung durch kindliche Naivität und Niedlichkeit bereitwillig beigewohnt. Was Neonazis so machen, wird gleich in der ersten Folge in schnellen Schnitten vorgeführt. Sie provozieren alte Damen in der Straßenbahn mit dem Hitlergruß. Werfen auf Baustellen mit Elektromüll um sich. Rotzen in der Gegend herum, während sie gerade pinkeln. Sprühen Hakenkreuze auf Windschutzscheiben.

Bis plötzlich eine schwarze Mutter vor der Tür steht ("2009? Demo vorm Flüchtlingsheim? Beide besoffen? Nachts im Keller?") und, kurz vor der Abschiebung, die gemeinsame Tochter (Nomie Lane Tucker) dem Vater überlässt. Leider glaubt man Hasanovic und Krüger ihre Gesinnung in keiner einzigen Szene. Selbst die grotesk mit NS-Devotionalien ausstaffierte Plattenbauwohnung bleibt genau das, eine grotesk mit NS-Devotionalien ausstaffierte Plattenbauwohnung. Bei aller Folklore wirken die beiden Nazis, als würden sie nur auf ihre bevorstehende Umerziehung zu verständnisvollen Jungs warten.

Während der Kindsvater erste Gefühle entwickelt, stellt sein radikaler Kumpel das Mädchen kurzerhand bei Ebay zur Versteigerung. "SÜSSES SCHWARZES KIND, ca. 6 Jahre alt, wie neu. Komplett mit Klamotten und Kuscheltier (Selbstabholung), 99,99". Ha? Als das nichts nützt, wird es mit einem Schild um den Hals zur ambulanten "Abschiebung" nach "Afrika", wahlweise auch in ein "anderes Ausland" an der Straßenkreuzung ausgesetzt. Haha?

Da hält Sympathieträger LeFloid seinen Wagen, kurbelt die Scheibe runter und fragt: "Sag mal, wo sind denn deine Eltern?" Und so landet das Kind wieder im Plattenbau, wo es sich über das Poster an der Wand oder das Hakenkreuz-Mobile wundert, an dem statt Plüschfiguren Landser baumeln. Als Gute-Nacht-Geschichte wird aus "Mein Kampf" vorgelesen.

Bevor sich zwischen den Knalltüten gefühls- oder vernunftbedingte Spannungen bemerkbar machen können, ist die Doppelfolge schon vorbei. Auch in den folgenden häppchenhaften Episoden wird mit der Gagkanone großkalibrig auf die beiden Pappaufsteller geschossen - während Gewalt und rassistisches Ressentiment unverdrossen weiter in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft marschieren.


"Familie Braun", ab Freitag, 23.00 Uhr, ZDF