"Fashion Hero" bei ProSieben Das verkauft sich nicht in Deutschland

Gerade ist Heidi Klum für "Project Runway" mit einem Emmy ausgezeichnet worden. Jetzt jagt ProSieben mit Claudia Schiffer den "Fashion Hero". Gab's ein Showgefühl? Kurz. Modetrends? Naja, angeblich Jeggings. Einen Bösen? Ja, den "Schweizer Motzkopf". Der Schnellcheck.


Ein Fernsehsender gibt 21 mehr oder weniger erfahrenen Designern die Chance, mit einer Kollektion groß raus zu kommen. Nur einer oder eine wird sich am Ende der mehrteiligen Casting-Show durchgesetzt haben. Unterstützung holt sich der Sender bei einer sehr prominenten Branchenfachkraft, einem ehemaligen Topmodel. Moment - das kennt man doch irgendwo her? Hat nicht Heidi Klum kürzlich einen Emmy gewonnen für ihr Mitwirken bei der Designer-Castingshow "Project Runway", die in den USA seit 2004 erfolgreich läuft? Ja, hat sie. Und das ist nicht die einzige Frage, die die neue ProSieben-Show namens "Fashion Hero" aufwirft.

Warum heißt die Sendung so? Wer eine der "schönsten Frauen der Welt" (ProSieben) im Studio sitzen hat, also Claudia Schiffer, muss in dramaturgischer Logik wohl auch einen Helden bieten. Da Moderator Steven Gätjen und Stylist Sascha Lilic für diese Rolle nicht zur Verfügung stehen, erledigt ein Designer eben den Job.

Was macht ein angehender Fashion Hero? Er entwirft avantgardistische, silhouettenbetonte Frauenkleider oder urban-stylische Streetwear oder Brautmode. Falls es sich um eine "sie" handelt, sucht sie nach ihrem Mutter-Dasein eine neue Herausforderung und entwirft Mode ohne Gedöns und Schnickschnack. Oder sie ist ehrgeizige Minimalistin und jagt mit ihrem perfektionistischen Stil sogar Claudia Schiffer aus dem Atelier, als die kurz in ihrer Aufgabe als Mentorin "Hallo" sagen möchte. Sehr viel näher lernt man die Designer leider nicht kennen, dafür bleibt in dem vollgepackten Format keine Zeit.

Wie wird man am Ende Fashion Hero? Man muss sich verkaufen können! Und zwar in deutschen Läden, nicht in Hollywood oder sonst wo. Das jedenfalls betonen jene drei Fachleute aus dem Modebusiness, die eine Art Jury spielen: Anne Rech vom Onlineportal ASOS, Petra Winter von s.Oliver und André Maeder von Karstadt. Sie können nach der Präsentation der Entwürfe entscheiden, ob sie diese in ihr Sortiment aufnehmen wollen und bieten gegebenenfalls eine fünf- bis sechsstellige Kaufsumme. Schon am darauffolgenden Tag, also ab Donnerstagmorgen, stehen die Kleidungsstücke zum Kauf in den Häusern oder online bereit. Wer kein Angebot bekommt, muss in den Fashion Showdown und scheidet sehr wahrscheinlich aus.

Karstadt - war das Unternehmen nicht pleite? Doch. Aber Maeder gibt einen passablen Gegenspieler aller Helden. Jedenfalls handelte er sich bei Twitter schnell den Kosenamen "Schweizer Motzkopf" ein, da er bis zur letzten Modeschau keinen Cent für die Entwürfe geboten hatte. Am Ende kaufte er zwei Designer und fiel ihnen anschließend in ihrem Atelier um den Hals.

Welche Aufgabe haben die Mentoren? Sie sitzen auf cremefarbenen Drehstühlen und sagen Expertensätze wie "Oh nein!" (Claudia Schiffer), "Suuupersexy - sexy is my middle name!" (Sascha Lilic), "Das ist genau mein Look, wirklich!" (Uta Hüsch), "Ja, das ist toll!" (Schiffer), "sehr, sehr toll" (Lilic). Ihr Job ist es, optimistisch zu sein, das extreme Talent jedes einzelnen Designers herauszustellen und ihm oder ihr eine große Zukunft vorauszusagen. Vor allem dann, wenn der deutsche Markt kein Interesse zeigt und dem Helden sein Todesurteil ausstellt: "Was wir hier sehen, ist nicht Kaufhaus, das ist Boutique."

Das ist ja eine Dauerwerbesendung! Darf ProSieben das? Klar, auch das Privatfernsehen sucht neue Wege und Formate, um Geld zu verdienen. Das allein wäre noch kein Skandal. Leider ist das ganze wenig unterhaltsam.

Schläft man ein? Wenn man parallel zur Show das Social Media Angebot nutzt, dann nicht. Dort darf auch abgestimmt werden, zum Beispiel darüber, welches der drei Modehäuser man toll findet. Karstadt kommt auf immerhin sechs Prozent in der Zielgruppe. ASOS auf schicke 52. Wer kein Internet hat, dürfte spätestens dann wieder wach geworden sein, als einer der Designer seine beiden Models mit Nebel-Gewehren auf den Laufsteg schickte. Da flackerte doch kurz so etwas wie ein Showgefühl auf. Zum Glück verkauft sich das aber nicht in Deutschland!

Was erfährt man sonst über Mode? Neonfarben sind wieder in und sogenannte Jeggings, eine Kombination aus Jeans und Leggings, voll gut. Sagt Frau Schiffer.

Apropos: Schiffer oder Klum? Die Antwort wäre jetzt gemein.



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apfeldroid 10.10.2013
1.
Beim Umschalten eingeschaltet - kurz Fischer angeguckt - sieht gut aus - weiter geschaltet, leider ganz mieses Programm im Fernsehen inkl doofe Flüchtlingsromanze bei ARD, bei der man gleich nach 2 Minuten bereits das Ende kannte. Dafür zahlt man gerne Gebühren
maburayu 10.10.2013
2. optional
Nicht dass ich die Zielgruppe wäre, aber kapiert habe ich das Ganze nicht. War doch gestern die ersten Sendung, und woher weiß man dann dass der Karstadt-Typ nichts kauft? Gab es für die Presse die ganze Staffel zu sehen? Oder gibt es an jeden Abend ein Gewinner, also nicht die übliche Casting Masche, wo die immer wieder gegeneinander antreten? Ist ja auch egal, ich bin ja nicht us der Zielgruppe.
Flying Rain 10.10.2013
3. Musste
Musste es gestern gezwungener weise bei einer Freundinn ansehen und muss sagen das der Einkäufer von Karstadt ( was soll eig der Scherz ne Pleitefirma da hocken zu lassen) als einziger den Eindruck von Sachlichkeit vermittelt hatt...die anderen beiden wirkten eher nach "ene-mene-ach das nehm ich mal mit" ....aber alles in allem nicht gerade mitreißend...
vanny1984 10.10.2013
4.
Zumindest weiß ich jetzt, warum in den Läden die Auswahl oft so verdammt mies ist ;). Nachdem drei mal ausgerechnet die Sachen, die mir wirklich gefallen haben und die für Normal-Frau jenseits der 19 auch wirklich tragbar wären, rausgeflogen sind, hab ich trotz Kopfvernebelung durch massive Erkältung dieses Format nicht mehr ertragen können. Nett ironisch war allerdings die Einblendung oben rechts "Unterstützt durch Produktplatzierungen" ;).
coyote38 10.10.2013
5. Einschalten - langweilig - ausschalten.
Immer, wenn man glaubt, dass die intellektuelle und niveaumäßige Talsohle des deutschen Fernsehens erreicht sein müsste ... es geht wirklich immer NOCH schlechter. Der Beweis lief gestern Abend bei ProSieben.
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