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"Fear The Walking Dead": Als die Zombies laufen lernten

Foto: Amazon/ AMC

Serien-Event "Fear the Walking Dead" Warum schreit denn niemand "Zombie"?

Zombies? Kenn ich nicht: "Fear the Walking Dead" erzählt, wie es zur Zombie-Apokalypse im TV-Blockbuster "The Walking Dead" kam. Um den Erfolg der neuen Serie braucht man sich nicht sorgen, um Spannung und Originalität dagegen schon.

Sagenhafte 16 Millionen Zuschauer hatte das Finale der jüngsten Staffel der AMC-Erfolgsserie "The Walking Dead", und ein Ende der Popularität der auf dem gleichnamigen Comic basierenden Reihe ist auch nach fünf Jahren nicht abzusehen. Die Ausdehnung der Story auf sogenannte Spin-offs war also nur eine Frage der Zeit. Um den Quoten-Erfolg seiner Serie muss sich "Fear the Walking Dead"-Schöpfer Dave Erickson ("Sons of Anarchy", "Marco Polo") zum US-Start an diesem Sonntag (Deutschland-Termine siehe unten!) also kaum Gedanken machen: Die "Walking Dead"-Fans, deren Lieblingsserie bis Oktober Pause hat, werden schon zahlreich einschalten.

Sechs Episoden hat die erste Staffel, aber 15 weitere Folgen sind für die nächste Saison bereits geordert, so zuversichtlich sind die "Walking Dead"-Macher David Alpert und Comic-Autor Robert Kirkman, die bei "Fear" als Co-Produzenten involviert sind.

Die neue Serie, das lässt sich nach den zwei Episoden, die der Presse vorab zur Verfügung gestellt wurden, sagen, ist jedoch zunächst nur ein unzulängliches Surrogat, denn die in der Original-Serie "Walker" genannten Zombies machen sich erst einmal rar. Es gibt zunächst keinen inhaltlichen Crossover-Effekt, Personal und Plot der beiden Serien sind strikt getrennt.

"Fear" spielt nicht in Atlanta, wo "Walking Dead"-Sheriff Rick Grimes mitten in der Apokalypse erwacht, sondern im schön pastellfarbenen, in sanften Smog-Weichzeichner getauchten Los Angeles. Clevere Metaphorik: Es scheint hier ständig kurz vor Abendröte zu sein, die Dunkelheit dräut, das Ende der westlichen Welt ist nah. Eine mysteriöse Grippe scheint umzugehen, Schüler kommen nicht zum Unterricht, niemand weiß, was los ist. Aber es liegt etwas in der Luft.

Nicht Rick, sondern Nick

Es ist der junge Drogenabhängige Nick (Frank Dillane), der, noch ziemlich bedröhnt, eines Morgens in einer alten Kirche, die Junkies und Obdachlosen als Zuflucht dient, seine Fix-Partnerin dabei erwischt, wie sie sich mit milchig-toten Augen an einem ganz neuen "Stoff" labt, an Menschenfleisch.

Jeder halbwegs popkulturell gebildete junge Mensch des 21. Jahrhunderts würde nun wahrscheinlich laut "Zombie! Zombie!" rufend aus dem Haus stürmen, doch in "Fear the Walking Dead" gibt es seltsamerweise niemanden, außer einem hinreichend plakativ als Comic-Nerd dargestellten Schüler namens Tobias, der schon mal "Dawn of the Dead" gesehen oder "The Walking Dead" gelesen hat.

Nick aber läuft nicht laut warnend, sondern stumm und verwirrt aus der Junkie-Höhle und direkt vor ein Auto. Auftritt im Krankenhaus: die besorgten Eltern Maddy und Travis (Kim Dickens und Cliff Curtis als Patchwork-Lehrerpärchen) und die bockige Teenager-Tochter (Alycia Debnam-Carey). In den ersten beiden Folgen geht es vor allem darum, die verschiedenen, sehr dysfunktionalen Familienteile (dazu gehören auch noch Travis' Sohn aus erster Ehe sowie seine Ex-Frau) erst über die ganze, bekanntlich sehr weitläufige Stadt zu verteilen, um dann die Spannung daraus zu schöpfen, ob und wie sie jemals wieder zusammenfinden.

Zombie-Seuche als Bürgerschreck

Angenehm und enervierend zugleich: "Fear the Walking Dead" bedient sich des gleichen behäbigen Tempos, das auch "The Walking Dead" zu einer Besonderheit im klassischen Thriller-TV macht. Es dauert 45 Minuten, bis in der knapp einstündigen Pilot-Folge ein wenig Action aufkommt - in einer Szene, die dann blöderweise etwas zu sehr an einschlägige Verkehrsstau-Szenarien in beliebigen Monster- und Katastrophenfilmen erinnert.

Ohnehin scheinen die dramaturgischen Abläufe einer tödlichen Epidemie im fiktionalen Kino und TV inzwischen allzu vertraut: Man hat all das dann eben doch schon, vielfach variiert, gesehen: Die Polizeisirenen, die aufkommende Panik, die beunruhigten Bürger, die Vorräte in Kofferräume räumen, der Unglaube in den Gesichtern alarmierter Vorstadtbürger, die den Zusammenbruch ihrer heilen Welt nicht wahrhaben wollen.

Interessant ist die überraschend konservative, der linksliberal-gegenkulturell geprägten Zombie-Genese der Siebziger entgegenlaufende Soziologie in "Fear": Woher die Seuche kommt, weiß niemand, aber hier beginnt sie im Milieu der Prekarisierten, der Afroamerikaner und Latinos, der Drogensüchtigen und Obdachlosen, nicht inmitten eines der Dekadenz und des Konsumismus verschriebenen Bürgertums. Die im Titel beschworene "Fear" ist hier vor allem die Angst des Mittelstands vor dem Grauen aus dem Getto.

Spannend wird sein, ob und wie es "Fear" schaffen wird, diese zwiespältige Ausgangslage mit originellen und überraschenden Plot-Wendungen aufzulockern. Ohne effektvolle Splatter-Schauwerte und Apokalypse-Szenerien wird es hier noch stärker als bei "The Walking Dead" um die Ausarbeitung und Glaubwürdigkeit der Charaktere gehen. Das hervorragende Casting, der hübsch verwaschene Look und die selbstsichere Inszenierung machen durchaus Hoffnung.


"Fear the Walking Dead" ist in Deutschland ab Montag, 24. August, kostenpflichtig auf Amazon Prime zu sehen. Der Streaming-Dienst zeigt die aktuellen Folgen in Original- und synchronisierter Fassung jeweils 24 Stunden nach US-Ausstrahlung.

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