ARD-Drama »Feinde« nach Ferdinand von Schirach Ein Folter-Abend

Die ARD startet das Jahr auf allen Kanälen mit Ferdinand von Schirachs »Feinde«. Aufwand und Ergebnis stehen dabei in keinem Verhältnis, denn das TV-Drama bauscht moralische Dilemmata auf, die keine sind.
Kommissar Peter Nadler (Bjarne Mädel) und seine Kollegin Lansky (Katharina Schlothauer) suchen nach der entführten Lisa.

Kommissar Peter Nadler (Bjarne Mädel) und seine Kollegin Lansky (Katharina Schlothauer) suchen nach der entführten Lisa.

Foto: Stephan Rabold / ARD

Immerhin wird wieder schön geraucht. Das ist in den Büchern und Fernsehspielen des Superrauchers Ferdinand von Schirach inzwischen zu einer Art Markenzeichen geworden. Im Fernsehen ist das ansonsten mittlerweile so ungewöhnlich, dass man im Abspann eigentlich den Hinweis erwartet, dass bei den gefährlichen Raucherszenen nicht inhaliert wurde: »Kein Schauspielerleben wurde bei den Dreharbeiten gefährdet.«

Klaus Maria Brandauer in der Rolle des Strafverteidigers Biegler in Schirachs »Feinde«, dem ersten sogenannten TV-Ereignis des frischen Jahres, raucht jedenfalls fantastisch.

Ansonsten geht es um die Entführung eines zwölfjährigen Mädchens und einen Polizisten, der den Entführer foltert, um das Versteck des Opfers herauszufinden und so das Mädchen noch lebend zu bergen. Die Geschichte orientiert sich erkennbar an dem berüchtigten realen Entführungsfall des Bankiersohns Jakob von Metzler im Jahr 2002, bei dem der damalige stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident dem Entführer Gewalt androhen ließ, um den Aufenthaltsort des Jungen zu erfahren.

Der Täter verriet das Versteck, aber der Junge war schon tot. Der Täter wurde verurteilt, der Polizeipräsident und der Kommissar, der dem Entführer Gewalt angedroht hatten, wurden ebenfalls zu geringen Strafen verurteilt. Folter und Androhung von Folter ist in jedem Fall verboten.

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»Feinde« von Ferdinand von Schirach

Foto: Stephan Rabold / ARD

Wie zuletzt in seinem Drama »Gott«, in dem die Frage der Straffreiheit der Beihilfe zum Suizid verhandelt wurde, stellt Ferdinand von Schirach auch hier wieder ein moralisches Dilemma aus: die Abwägung zwischen Gerechtigkeitsempfinden und Recht. Die Frage: Darf man denn wirklich niemanden foltern, auch wenn man dadurch das Leben eines Kindes retten kann?

In »Feinde« wird wirklich gefoltert. Der Kommissar Peter Nadler, brillant gespielt von Bjarne Mädel, unterzieht den Mann, den er als Täter erkannt hat, einem recht professionell anmutenden »Waterboarding«. Er fesselt den Entführer auf einer Bank im Duschraum, legt ihm einen nassen Lappen aufs Gesicht und schüttet Wasser darüber. Nach kurzer Zeit erfährt er die Adresse des Verstecks des Mädchens. Als die Polizisten eintreffen, ist das Kind schon tot.

Einfach nur unrealistisch

Anders als in den »Tatorts«, die seit Jahrzehnten auf diesem Sendeplatz laufen, konzentriert sich der Film nicht auf die Ermittlungen, sondern auf den Prozess danach. Das hat zunächst einmal eine unfreiwillige Komik, da Peter Nadler scheinbar binnen Sekunden, ohne erkennbare Beweise Georg Kelz (Franz Hartwig) als Täter überführt. Kelz sei »eitel«, meint Nadler. Wolle mehr sein, als er wirklich sei. Und auch wenn man Bjarne Mädel gern jeden Geniestreich zutraut und sein Nadler als enorm erfahrener Entführungs-Experte eingeführt wird – da bemüht sich der Film nicht einmal um Plausibilität.

Dass der geniale Ermittler aber noch beinahe im selben Moment beschließt, dass dieser Mann gefoltert werden muss (und dafür leider weder Unterstützung von seiner Kollegin noch von der Polizeipräsidentin erhält), ist einfach nur unrealistisch.

Aber wir müssen da halt schnell weiter, weil es dem Juristen Schirach ja um den Prozess geht. Den Prozess gegen den Folter-Polizisten. Und Brandauer und Mädel holen in diesem Teil des Films auch schauspielerisch alles raus, was aus dem Stoff herauszuspielen ist. Der Kommissar will die Folter eigentlich verheimlichen (der Entführer sagt komischerweise auch erst mal nichts dazu), der Anwalt will ihn überführen.

Jetzt aber, während Brandauer und Mädel alles geben, fällt der Film leider vollends in sich zusammen. Denn erstens wissen wir Zuschauer ja längst, was geschehen ist, folgen also keinesfalls atemlos dem Kreuzverhör. Noch – und das ist das Entscheidende – gibt es hier überhaupt irgendeinen moralischen Konflikt. Denn es ist doch auch dem juristisch ungeschultesten Zuschauer bekannt, dass Folter mit guten Gründen grundsätzlich verboten ist. Da braucht man uns übrigens nicht mal wieder so aufdringlich mit der Nazizeit als Unheilsandrohung zu kommen. Folter ist falsch. Verboten. Unrecht. Was sonst?

Gleichzeitig würde auch ungefähr jeder Zuschauer jenen Kommissar einen Helden nennen, der, unter Nichtbeachtung der Folgen für ihn selbst, einem Entführer Gewalt antut, um das Leben eines entführten Kindes zu retten. Ja. Und das ist verboten. Und es darf da vor dem Gesetz keine Ausnahme geben. Was sonst?

All diese Gewissheiten sind vor diesem Film gewiss. Und danach ebenso. Es ist banal. Langweilig. Keine Fragen bleiben offen.

Noch einmal ohne Sinn

Und – als hätte man das bei der ARD selbst irgendwann gemerkt, haben sie sich offenbar gedacht: Machen wir es doch noch mal. Aus anderer Perspektive. Und diese andere Perspektive läuft nun zeitgleich in allen dritten Programmen der ARD und später auch im Ersten und umgekehrt. Ein Rundumfilm auf allen Programmen.

Und hier nun wird es endgültig absurd. Denn keineswegs wird da jetzt die Perspektive des Folteropfers eingenommen. Oder gar die These verfolgt, dass der Täter gar nicht der Täter sei. Sondern sehen wir wesentliche Teile der ersten Version einfach noch einmal. Und in der Mitte sind wir diesmal etwas ausführlicher bei Klaus Maria Brandauer, dem Anwalt.

Doch neben der Tatsache, dass der ein bisschen Ärger mit seiner Frau bekommt, da diese mit den Eltern des Opfers befreundet ist, wird dem Drama nichts hinzugefügt. Der Anwalt macht seinen Job. Verteidigt einen mutmaßlichen Entführer. Und da er bei der Vernehmung Foltermethoden vermutet, versucht er, diese zu beweisen. Wir wissen da schon seit gut zweieinhalb Stunden, dass er mit seiner Vermutung recht hat.

Ansonsten muss er, wir wissen nicht warum, zwischendurch zum Arzt. Was ganz schön ist, weil der großartige Samuel Finzi den spielt. Der rät seinem Patienten, dass er weniger rauchen und mehr Fahrrad fahren soll. Da dies aber in Berlin ungleich gefährlicher sei, als Auto zu fahren, weist Brandauer diesen lebensbedrohlichen Rat lachend zurück.

Mehr Gefahren wären uns auch wirklich nicht zuzumuten gewesen.

»Feinde« läuft am Sonntag, den 3. Januar ab 20.15 Uhr im Ersten, auf ONE und allen ARD-Regionalprogrammen. Mehr Infos auf daserste.de .