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05. Juni 2019, 16:51 Uhr

Famose Vox-Serie über Durchschnittsfamilie

Sie sind wie wir! 

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Man hatte sie über all dem Mystery- und Actionkram ganz vergessen: die gute, alte Familienserie. Mit "Das Wichtigste im Leben" belebt Vox das Genre neu - mit Mut zu Entschleunigung und Ambivalenzen.

Es ist der Moment, in dem Sandra Fankhauser vor der Waschmaschine kauert und ein paar Sekunden zu lang ein bisschen zu verzweifelt auf die Tür des Geräts starrt, das sich wegen zu ambitionierter Bettwäschebestopfung nicht recht schließen lässt. Dieser Moment, in dem man spürt: Sie ist eine von uns. Eine, die das Leben manchmal auch für unschaffbar hält, obwohl gerade nur ein Glas Marmelade heruntergefallen ist; der es doch gut geht, eigentlich, die aber gar nicht mal so selten einfach nur matt und müde ist und nicht recht weiß, ob das alles so richtig ist.

So sein zu dürfen ist nicht selbstverständlich, wenn man eine Familienserienmutter ist, und es sind diese winzigen Momente, die "Das Wichtigste im Leben" so bemerkenswert machen.

Eine Serie über eine Durchschnittsfamilie, genre-klassisch fünfköpfig, genre-klassisch extrem mittelschichtig - man hatte fast vergessen, dass es dieses Erzählgefäß noch gibt. Die Vox-Eigenproduktion füllt es mit liebevoll modellierten, auch mal wackligen Figuren, unverkitschter Handlung und zeitgemäßen Dialogen, getupft mit feinen Skurrilitätspunkten - etwa, wenn ein Tierheimmitarbeiter Serienvater Kurt Fankhauser (Jürgen Vogel) weismachen will, der Hund, für den er sich interessiert, sei ein Cockerspaniel-Lippizaner-Mix.

Drehbuchautor Richard Kropf ("4Blocks") und sein Team erzählen vom unspektakulären Alltag, und man schaut gerne zu, weil die Figuren, die ihn erleben, interessant und liebenswert sind: das zärtlich gezeichnete Schrullenkind Theo (David Grüttner), das sein Schweigegelübde durchziehen will, bis sein geklauter Hund Fredo wieder zurückkommt. Die schlaue Schwester Luna (Bianca Nawrath), die es wundersam schafft, das Geschehen mit ihren Einwürfen zu deuten, ohne dabei altklug zu wirken. Der große Bruder Philipp (Sidney Holtfreter), der, überraschend für alle, lieber Balletttänzer als Basketballspieler werden will - und der, wie man an seiner Hautfarbe erkennen kann, nicht das leibliche Kind der Fankhauser-Eltern ist, doch das wird in den ersten Folgen nur einmal indirekt von seiner Oma (Beatrice Richter) angesprochen, statt dieses Detail plump auszutrampeln.

Angenehm fordernd

Es sind Kleinigkeiten wie diese, in denen viel erzählerische Haltung steckt. Man muss sich als Zuschauer mancherlei zusammenpuzzeln, für eine Familienserie ist das ungewohnt und angenehm fordernd.

Die Serie "Das Wichtigste im Leben", die in Konkurrenz zu der perfiden 68er-Familienfarce "Die Auferstehung läuft, zeigt seine Figuren mit ihren Schwächen, aber es stellt sie nicht bloß. Es verulkt Mutter Sandra (Bettina Lamprecht) nicht, die mit ihrem Kochkanal an sämtlichen Zielgruppen vorbei youtubt, es stellt Tochter Luna nicht als verblödeten Handyzombie dar, nur weil sie sehr oft auf den kleinen Bildschirm starrt: Das Wichtigste im Leben ist es eben manchmal auch, genug Netz zu erhaschen, um schnell das versehentlich gelikte Instagramfoto des Schwarms wieder entherzen zu können.

Und wenn Oma sich sorgt, dass ihre Enkel bei seiner neuen Ballettleidenschaft schwul werden könnte, zerbröselt Vater Kurt das sofort mit dem lapidarst denkbaren "Dann isser halt schwul, meine Güte."

Was nach einer Doppelfolge am meisten nachhallt, ist die seltene Ruhe, die diese Serie ausstrahlt. Die schweigende Familie im Auto, die Brückenszenen, bevor etwas passiert, werden oft ein paar Sekunden mehr ausgehalten, als man das gewohnt ist. Die Erzählung weilt länger bei ihren Figuren, als man bräuchte, um die Handlung zu verstehen - damit man auch die Gefühle dahinter sehen kann.


"Das Wichtigste im Leben", ab Mittwoch, 20.15 Uhr bei Vox

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