Finanz-Talk bei Jauch Bankkunden aller Länder, vereinigt euch!

Banken-Bashing für alle! Bei Günther Jauch folgten die Gäste aus der Politik dem Vorbild Sahra Wagenknechts und prügelten munter auf das Finanzwesen ein. Der Ex-Deutsche-Bank-Chef Kopper verteidigte dagegen seine Kollegen vehement - und machte dabei eine schlechte Figur.

Talk-Moderator Jauch: Warum noch mal musste Anne Will den Sonntag abgeben?
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Talk-Moderator Jauch: Warum noch mal musste Anne Will den Sonntag abgeben?

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In einer sehr unterhaltsamen Rede vor New Yorker "Occupy Wall Street"-Aktivisten hat Slavoj Zizek unlängst die Lage an den Finanzmärkten mit der Aufhebung der Schwerkraft in Cartoons verglichen. Wenn Comicfiguren am Abgrund geradeaus gehen, spazieren sie so lange in der Luft herum, bis sie nach unten blicken - erst dann folgt der Sturz. "Und ihr seid diejenigen", rief der slowenische Philosoph den Besetzern des Zuccotti-Parks zu, "die den Bankern zurufen: Blickt nach unten!"

Leider mangelt es in deutschen Talkshows an Gästen, die so charmant Grundsätzliches in einfache Bilder fassen können. Also hilft man sich mit Sahra Wagenknecht, die immerhin scharfe Kampfbegriffe zur Weltfinanzlage im Arsenal hat. Mit ihrer Suada, das gegenwärtige System erlaube es, die Verluste der "Zockereien" der Gesellschaft aufzuhalsen, während die Gewinne in private Taschen flössen, stand die rote Sahra vor kurzem noch im linkssozialistischen Abseits. Im Jahr drei nach der Lehman-Pleite ist das verbale Finanzmarkt-Bashing längst politischer Mainstream.

Deshalb ist Wagenknecht einerseits Talkshow-Dauergast geworden. Andererseits muss sie beständig die Oktanzahl ihres Vokabulars erhöhen, um sich von der Konkurrenz der Finanzmarktwarner absetzen zu können. Am späten Sonntagabend bei Günther Jauch gab sie unter anderem Begriffe wie "Lügenzahlen" und "Terror der Finanzmärkte" zum Besten und sprach von dem "perversen Modell", in dem die Verluste der "Zockereien" der Gesellschaft... naja, den Rest kennen Sie ja.

Kopper wirft sich in die Schusslinie

"Banken an die Leine! Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?" - das Motto des Jauch-Talks war ohnehin wie gemacht für Wagenknecht, die ihre Tiraden gewohnt detailreich mit Zahlenwerken aus den entlegensten Winkeln der Bankbilanzbuchhaltung unterfüttern konnte.

Da mühte sich Jürgen Trittin redlich herauszustellen, dass auch die Grünen gegen "Zockereien" seien und für eine Transaktionssteuer. Der onkelige Liberale Rainer Brüderle zog sich auf die bequeme Position zurück, Frau Wagenknecht wolle eben "ein anderes System", während er das bestehende reparieren wolle. Gegen Leerverkäufe und Credit Default Swaps, gegen abstruse Spekulationen mit fiktivem Mais und ähnliches Teufelszeug waren ohnehin alle drei Politiker.

Und so fiel dem vierten Gast in der Runde die Hauptrolle zu: Hilmar Kopper, jahrelang Vorstandssprecher der Deutschen Bank, betonte zwar, dass er "Pensionär" sei, warf sich ansonsten aber eifrig in die Schusslinie. An der gegenwärtigen Krise sei die Finanzindustrie schuldlos, so Kopper. "Da sind die Banken die Opfer, die Staaten haben das angerichtet." Die Überschuldung von Griechenland und Co. erklärte er gleich mit der Euro-Zone: Früher wäre doch niemand auf die Idee gekommen, Staatsanleihen in Drachmen zu kaufen, so der ehemalige Spitzenbanker. "Weil diese Länder jetzt den Euro bekommen hatten, haben die Leute gedacht: Das kann ich ja kaufen!"

"Wir sind das ausführende Organ!"

Nun ist nicht bekannt, dass die Deutsche Bank seinerzeit vor der Einführung des Euros gewarnt hat - eine Zwischenbemerkung, die Anne Will womöglich eingefallen wäre, nicht so Günther Jauch, der sich dem Gesprächsflow eher kampflos ergab. Warum noch mal musste Will den Sonntagabendtalk an den zahnlosen Herrn Jauch abgeben?

Aber zurück zu Hilmar Kopper: Der mochte eine Stunde lang gar nicht verstehen, warum ausgerechnet die Banken als Zocker und Absahner auf den Finanzmärkten dargestellt werden - wo sie doch nichts weiter als Dienst am Kunden betrieben hätten. "Was sollen wir denn machen, wir sind das ausführende Organ!", rief er aus. "Wenn jemand von uns will, dass wir Credit Default Swaps kaufen - dann tun wir das auch!"

Die Logik ist bestechend und erinnert an die Rechtfertigungen des deutschen Einzelhandels, wenn man ihm vorwirft, schon im September Christstollen und Weihnachtsmänner zu verkaufen: Wir sind unschuldig! Die Kunden wünschen das!

"Wir sind doch nicht diejenigen, die die Gesetze machen", konterte Kopper den Einwand, dass die Schlimme-Finger-Papiere doch verboten gehörten. "Da warten wir doch schon seit zwei Jahren drauf." Derivate, Zertifikate, Leerverkäufe und Credit Default Swaps - alles nur auf Kundenwunsch? Da blieb selbst der Wagenknecht ein bisschen die Spucke weg. Wo sie doch selbst die Bankkunden als Kronzeugen für ihre Systemschelte vorgesehen hatte. Die "echten Unternehmenskredite" machten nur noch vier Prozent des Kreditgeschäfts der Deutschen Bank aus, so die Mitgründerin der "Kommunistischen Plattform" in der Linkspartei: "Die privaten Großbanken lassen das Mittelstandsgeschäft völlig liegen!"

Mittelständische Bankkunden aller Länder, vereinigt euch: So hört man Kommunisten natürlich gerne. Und so bescheinigte auch Trittin Wagenknecht: "Ich teile ihre positive Wertschätzung der Sparkassen." Auch der etwas zu spät eingeführte Investmentbank-Aussteiger Wieslaw Jurczenko konnte nicht mehr recht Paroli bieten: Am Ende der Sendung standen die wackeren Tiraden der Linkspolitiker für verstaatlichte Großbanken und ein Verbot der "finanziellen Massenvernichtungswaffen" recht unverbunden neben der gemütlichen Klage Koppers über die rasante Dynamik der Märkte, denen sich die Banken zu beugen hätten, wenn sie mitspielen wollten. Gesellschaftliche Verantwortung? Nicht unser Business. Eine bequeme Verteidigungsstrategie, auf die der verrentete Top-Banker sich eingeschossen hatte.

Ein ganz klein wenig einig war man sich in der Runde nur über eines: Der 55-Milliarden-Euro-Rechenfehler bei der Bad Bank der Hypo Real Estate ist nicht gerade ein Hoffnungszeichen dafür, dass die Macht der Banken so einfach an die Leine zu legen ist. Selbst Kopper bekannte, vor einem Rätsel zu stehen, das seine eigene Zunft betrifft: "Diese Zahlen waren schließlich von Wirtschaftsprüfern testiert!" Der Kapitalismus: Er ist und bleibt ein dunkles Geheimnis.



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Seite 1
bansin 31.10.2011
1. Und sie klatschen dennoch
Zitat von sysopBanken-Bashing für alle! Bei Günter Jauch folgten die Gäste aus der Politik dem Vorbild Sahra Wagenknechts und prügelte munter auf das Finanzwesen ein. Der Ex-Deutsche-Bank-Chef Kopper verteidigte dagegen seine Kollegen vehement*- und machte dabei eine schlechte Figur. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,794898,00.html
Ich kann dieses Gequatsche kaum noch ertragen, denn das Geschwätz von Heute gilt Morgen ohnehin schon nicht mehr. Alles Schall und Rauch! Meine Enttäuschung über die CSU ist heute noch riesengroß. Als Nordlicht hatte ich angenommen, daß die dafür sorgen werden, daß Seehofers rote Linie nicht überschritten wird. Ein paar Tage später ist das der Fall. Wie alle, die auf eine Wende hofften, wurden verarscht, so gesehen schlagen diese Talkrunde in die gleiche Kerbe. http://rundertischdgf.wordpress.com/2011/10/28/die-haltbarkeit-von-csu-versprechen/ Schlimm in solchen Talkshows sind auch die Claqueure auf den Rängen.
Chris110 31.10.2011
2. Re
das ist doch Schmarrn, was Kopper da sagt, die Banken betreiben doch Eigenhandel!. Leider hat Wagenknecht Recht, dass die Gewinne der Banken in privaten Taschen landen; bei Verlust soll der Steuerzahler blechen. Außerdem hätte früher niemand griechische! Anleihen gekauft, egal ob in Euro oder Drachmen. Und das gilt doch heute noch, oder hätte eben gelten sollen.
Burkhard58 31.10.2011
3. Politker sind voll verantwortlich!
Ich finde nicht, dass Kopper eine schlechte Figur gemacht hat. Es ist nicht seine Aufgabe, alle Schuld auf die Banken zu lenken. Tatsache ist doch, dass die heutige Staatsschuldenkrise, durch die Politik verursacht wurde. Auch die Maßnahmen nach der Lehman-Pleite, sind von den Politikern zu verantworten. Man hätte die Banken damals komplett verstaatlichen müssen, statt nur Steuergelder zu verschwenden.
lando123 31.10.2011
4. Rechnen können die schon......
Dass Banken und sogar WP's angeblich nicht rechnen können und damit für die Erschütterung von Herrn Kopper und den Rest der Jauch-Runde sorgen ist sehr erstaunlich und natürlich Unsinn. Nein, die die zu bewertenden Sachverhalte (und darum geht es bei der Erstellung einer Bilanz oder sonstwiegearteten Abschlusses) ist dermassen kompliziert, dass auch die Schöpfer diese ihre Produkte nicht mehr verstehen, sondern nur noch verkaufen können.
mangeder 31.10.2011
5. Hat nichts mit "bashing" zu tun
Der Begriff "bashing" hat immer auch eine negative Konnotation (gegenüber dem "basher") und lässt mitschwingen, dass man völlig überzogen und unbegründet über etwas oder jemanden herzieht. Davon kann hier keine Rede sein, die Kritik ist ja wohl alles andere als unbegründet. Spiegel-Autor Christoph Twickel hätte also ruhig den unsinnigen und unpassenden Neusprech-Anglizismus stecken lassen können und einfach von "Kritik" schreiben können.
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