Serien-Highlight "Fleabag" Heißer Herr im Himmel!

Den Priester verführen oder von ihm Enthaltsamkeit lernen? Die zweite Staffel des BBC-Serienhits "Fleabag" stellt ihre Hauptfigur vor eine herrlich perfide Herausforderung - große Gefühle nicht ausgeschlossen.

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Besser als die erste Folge der neuen Staffel von "Fleabag" ist nur die letzte Folge, und das gilt, wenn man es richtig bedenkt, nicht nur für diese Serie, sondern das aktuelle Fernsehen an sich.

Für die namenlose Hauptfigur von "Fleabag" beginnt die zweite Staffel (verfügbar bei Amazon Prime ab dem 17. Mai) mit einer blutigen Nase. Die hatte ihr das Leben in der ersten Staffel schon metaphorisch verpasst: Die junge Londonerin, gespielt von Serienerfinderin und Autorin Phoebe Waller-Bridge, musste sowohl über den Tod ihrer Mutter als auch ihrer besten Freundin hinwegkommen. Nun langt ihr unerträglicher Schwager Martin (Brett Gelman) tatsächlich hin.

Dabei ist seit den Ereignissen der ersten Staffel, zu denen auch ein sexueller Übergriff Martins auf seine Schwägerin zählte, ein Jahr vergangen. Genug Zeit, um die Gemüter zu beruhigen, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass der verwitwete Vater die beste Freundin der Mutter heiraten wird - und selbst ein heilsameres Verhältnis zu Sex zu entwickeln.

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Zweite Staffel "Fleabag": Mistvieh findet den Glauben

Das hatte die Hauptfigur, deren Spitzname Fleabag (etwa: Mistvieh) in der Serie nie genannt wird, zum Ende der ersten Staffel als ihr dringendstes Problem erkannt: Sie hatte mit unverbindlichem Sex versucht, sich über den Verlust von Mutter und Freundin hinweg zu trösten. Seitdem hat sie sich in Enthaltsamkeit geübt. Doch dann trifft sie den charmantesten Mann, den sie sich vorstellen könnte - und der ist ausgerechnet Priester.

Kann ihr der zölibatär Lebende zeigen, wie sie ihre Gefühle mit ihren Bedürfnissen aussöhnen kann? Oder stellt er die größte sexuelle Eroberung dar, die sie machen könnte? Mit größter Neugier stürzt sich Fleabag in die neue Staffel, um genau das herauszufinden.

Ihr im Weg steht dabei die Verwandtschaft - allen voran ihre verklemmte Schwester Claire (Sian Clifford) und ihre übergriffige Stiefmutter in spe (Olivia Colman, die in dieser Rolle schon vor ihrem Oscar-Gewinn mit "The Favourite" gezeigt hat, wie man mit glänzenden Augen Grausames verrichten kann), die beide viel zu sehr mit ihren eigenen verkorksten Beziehungen beschäftigt sind, als dass sie Fleabags Unglück wirklich begreifen könnten.

Links-Rechts-Kombination an Pointen und Fiesheiten

Eine größere Hilfe ist da schon die schonungslose Therapeutin, zu der sie ihr Vater schickt ("Wollen Sie wirklich den Priester vögeln oder doch eher Gott?"). Wirklich tiefgreifende Gespräche kann Fleabag jedoch nur mit dem Priester führen. Denn obwohl er trinkt, flucht und auf eine ebenfalls promiskuitive Vergangenheit zurückblicken kann, ist er die Person in ihrem Bekanntenkreis, die so etwas wie Seelenfrieden am nächsten kommt.

Die Tonalität, die die Figur und ihr kongenialer Darsteller Andrew Scott (der teuflisch charmante Moriarty aus "Sherlock") in die Serie bringen, ist es, die diese Staffel mit der vorherigen gleichziehen, wenn sie nicht sogar übertreffen lässt. Denn nun hat Fleabags schneidender Witz, den sie sich mit einem Blick in die Kamera immer wieder vom Publikum bestätigen lässt, ein emotionales Gegengewicht. Für jeden bissigen Kommentar, mit dem Fleabag die unzulänglichen Reaktionen ihrer Mitmenschen vorweg nimmt, wirft der Priester einen zweifelnden Blick, ob man wirklich so hart mit sich und anderen umgehen muss.

Im Video: Der Trailer zur zweiten Staffel von "Fleabag"

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Das hinterlässt Spuren, in der Serie wie in Fleabags Leben. Ist die Auftaktfolge noch ein Meisterwerk an komödiantischer Verdichtung, eine Links-Rechts-Kombination an Pointen und Fiesheiten, gelingt der abschließenden Episode eine hochdramatische Auflösung mit nur einer einzigen sanften Geste. So deckt die Staffel in nur sechs halbstündigen Folgen ein emotionales und stilistisches Terrain ab, für das andere Shows mehrere Staffeln brauchen.

Fast kann man es deshalb verstehen, dass Phoebe Waller-Bridge angekündigt hat, es werde keine weitere Fortsetzung von "Fleabag" geben. Sich mit zwei perfekten Staffeln zufrieden zu geben - vielleicht ist das Enthaltsamkeit fürs Zeitalter von Binge-TV.


"Fleabag Staffel 2" ist ab 17. Mai verfügbar bei Amazon Prime.



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