Florian Martens in "Ein starkes Team" Ein Pils gegen den Filz

Bierchen zischen, Zigarettchen anknipsen, Verdächtige zur Brust nehmen: Florian Martens ist der lässigste Cop des deutschen Fernsehkrimis. Anlässlich der neuen Episode des "starken Teams" nutzt Christian Buß seine Krimikolumne zur Hommage an den Berliner Dosenbierbullen.

ZDF

Der schönste Job in ganz Fernsehkrimideutschland? Ganz klar der des Berliner Polizisten Otto in der ZDF-Mittelklasse-Reihe "Ein starkes Team", gespielt vom überhaupt nicht mittelklassigen Florian Martens. Bei jedem Verhör findet der Berliner Dosenbierbulle einen kriminalistisch respektablen Dreh, Pils auf Pils in sich hineinzuschütten, und während er im Auto auf Kollegen wartet oder Verdächtige beobachtet, qualmt er eine nach der anderen. Janz Berlin is eene Rauchwolke.

Passenderweise trägt der Eierkopp 'nen Eierwärmer auf selbigem: Immer schön Betriebstemperatur und Alkoholpegel halten!

Auch in der aktuellen Folge der Krimi-Reihe zischen die Bierkannen wieder reichlich: In einem Abbruchhaus nimmt sich Otto bei zwei, drei Dosen einen minderjährigen Junkie (Max Hegewald) zur Brust, der im Verdacht steht, in den Mord an seinem Politiker-Vater Ulrich Grawert verwickelt zu sein. Und in seiner Stammkneipe betreut Otto liebevoll seine Kollegin Verena (Maja Maranow), die nach sechs Jahren ihrer großen Liebe wiederbegegnet war - nur um diese Liebe wenig später tot im Hotelzimmer aufzufinden.

So richtig zuverlässig war weder der eine noch der andere Tote zu Lebzeiten. Der Bundestagsabgeordnete Grawert - der "deutsche Bob Geldof" wird er einmal genannt - spielte den Dritte-Welt-Retter und sammelte im großen Stil Spenden für Afrika, während er Frau und Kinder daheim mit Desinteresse strafte. Und Verenas Liebhaber (Michael Mendl mit Malaria-gelbem Gesicht) verließ die Polizistin einst ohne jede Erklärung, weil er lieber eine Missionsstation auf dem geschundenen Kontinent leiten wollte. Nun sind die beiden tot. Und ganz offensichtlich haben beide Morde etwas mit veruntreuten Spenden zu tun.

Geholfen wird, wenn's gut aussieht

Egoisten mit Helfersyndrom, Helfer mit Ego-Problemen: In "Tödliches Schweigen" (Buch und Regie: Thorsten Näter) werden der Kampf um Afrika und die globalen sozioökonomischen Verstrickungen aus deutscher Wohlstandssicht gezeigt. Ist das zynisch? Nein, zynisch war die Afrika-Schmonzette "Die Minensucherin", für die der "Starkes Team"-Sender ZDF Christine Neubauer mit aufgekrempelter Bluse den Krisenkontinent in eine sicherere und sauberere Welt verwandeln ließ.

Im Samstagskrimi wird nun die deutsche Benefiz-Industrie auf ihre immanenten Schwächen abgeklopft: Wenn das Spenden und das Spendensammeln zur Image-Frage erhoben wird, gewinnt das Marketing schnell die Oberhand über die Hilfsmittelauslieferung. Geholfen wird, wenn es gut aussieht.

Wie so oft in "Ein starkes Team" schrammt der Plot mal wieder eben gerade so am Kleine-Leute-Ressentiment vorbei. Salopp, aber eben doch vorbei. Das ist unter anderem auch Sidekick Sputnik, gespielt von Jaecki Schwarz, zu verdanken. Der Kneipier, eine Mischung aus Tresenzausel und Eventgastronom, versucht diesmal eine Rentner-Partei zu gründen und scheitert damit grandios. Darsteller Schwarz gelingt im ZDF-Krimi meist ganz gut, was ihm als Kommissar Schmücke im MDR-"Polizeiruf" missglückt - sich wach und beweglich ins Milieu der Kleinbürger und Proleten einzufühlen. Obwohl, so viel Gerechtigkeit muss sein: Im neuen Hallenser "Polizeiruf" an diesem Sonntag zeigt sich der Schmidtchen Schleicher unter den deutschen Fernsehkommissaren von einer überraschenden rasanten Seite.

Da geht es im aktuellen Fall vom "starken Team" trotz Politbetriebsgelärme und Spendenfilz vergleichsweise überschaubar zu. Berlin sieht in diesem robusten Kiezkrimi, deren Hauptakteure bezeichnenderweise alle nur Vornamen tragen, sowieso oft ein bisschen so aus, als würde die Mauer noch stehen. Altberliner Charme macht sich breit - und das in einem Fernsehgenre, mit dem man in Deutschland oft linkisch Anschluss an die modernen angelsächsischen Vorbilder sucht. Doch statt aseptisches Ambiente bietet man in "Ein starkes Team" das ideale Setting für Suchtmittelkonsum jeder Art, statt schnittiger Pathologenrhetorik wird sich schroff an die Verdächtigen herangekumpelt. Und Otto, der feinfühlige Proll, immer vorneweg.

Gerade wird die 50. Folge der Reihe gedreht. Es darf gerne noch 50 weitere geben. Solange Otto nicht vom Rauchen und Saufen lässt.


"Ein starkes Team: Tödliches Schweigen", Sonnabend 20.15 Uhr, ZDF
"Polizeiruf 110: Ein todsicherer Plan", Sonntag 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Ben-99, 15.04.2011
1. Keine Krimi-Dutzendware und -Einheitskost
---Zitat--- Gerade wird die 50. Folge der Reihe gedreht. Es darf gerne noch 50 weitere geben. ---Zitatende--- ... Einverstanden! Mit "Ein starkes Team" und "Unter Verdacht" (Senta Berger, Gerd Anthoff) bietet das ZDF seit langem zwei Krimi-Reihen, von denen ich bisher keine einzige Folge als mittelmäßig, langweilig oder gar schlecht empfand. Natürlich liegt es auch an der hervorragenden Arbeit der Regisseure und Drehbuchautoren. Aber durch Florian Martens und auch Maja Maranow, die schon vor Jahren in anderen, oft ernsten Rollen bewiesen hat, daß sie zu den besten deutschen Schauspielerinnen gehört, wird jede Folge zum Genuß – was man von den oft drögen "Tatort"-Ermittler-Gespannen nicht unbedingt behaupten kann. Dazu kommt, daß beide Schauspieler schon deshalb sympathisch sind, weil sie sich, was ihr Privates angeht, äußerst rar machen. Das heißt, daß sie nicht springen, wenn "Bild" nach ihnen pfeift und auch nicht jede Woche in irgendeiner belangloen Talk-Show abhängen. Bei Florian Martens ist das für mich auch keine Überraschung. Schließlich brillierte schon Wolfgang Kieling, sein leider viel zu früh verstorbener Vater, als herausragender, charismatischer Schauspieler: http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Kieling
andiewand 15.04.2011
2. Uff
Mir geht es gar anders herum: spätestens nach 5 Minuten Pseudo-Krimi muss ich abschalten.
kalle-blom 15.04.2011
3. einverstanden, aber..
Zitat von Ben-99... Einverstanden! Mit "Ein starkes Team" und "Unter Verdacht" (Senta Berger, Gerd Anthoff) bietet das ZDF seit langem zwei Krimi-Reihen, von denen ich bisher keine einzige Folge als mittelmäßig, langweilig oder gar schlecht empfand. Natürlich liegt es auch an der hervorragenden Arbeit der Regisseure und Drehbuchautoren. Aber durch Florian Martens und auch Maja Maranow, die schon vor Jahren in anderen, oft ernsten Rollen bewiesen hat, daß sie zu den besten deutschen Schauspielerinnen gehört, wird jede Folge zum Genuß – was man von den oft drögen "Tatort"-Ermittler-Gespannen nicht unbedingt behaupten kann. Dazu kommt, daß beide Schauspieler schon deshalb sympathisch sind, weil sie sich, was ihr Privates angeht, äußerst rar machen. Das heißt, daß sie nicht springen, wenn "Bild" nach ihnen pfeift und auch nicht jede Woche in irgendeiner belangloen Talk-Show abhängen. Bei Florian Martens ist das für mich auch keine Überraschung. Schließlich brillierte schon Wolfgang Kieling, sein leider viel zu früh verstorbener Vater, als herausragender, charismatischer Schauspieler: http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Kieling
..ich würde die gute Bella Block noch mit dazurechnen. Aber Maja und Florian sind schon klasse.
Ben-99, 15.04.2011
4. Schon jetzt einschalten!
---Zitat--- "Ein starkes Team: Tödliches Schweigen", Sonnabend 20.15 Uhr, ZDF ---Zitatende--- ... die aktuelle Folge "Tödliches Schweigen" ist übrigens auch schon heute abend um 21.50 Uhr zu sehen, wenn man (wie alle DVB-T-Nutzer) "zdf-neo" empfangen kann.
panzerknacker51, 15.04.2011
5. Wie im richtigen Leben!
Da wird auch gequalmt und gesoffen. Also warum nicht im Fernsehen; nur weil irgendein Volkserzieher meint, daß die Jugend dadurch gefährdet wird? Auf der Straße sehen die noch viel schlimmere Sachen. Die Fernsehschaffenden sollten endlich aufhören, nur noch angeblich politisch korrekte Geschichten zu drehen; das glaubt keiner und kommt auch total unrealistisch rüber.
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