"Hart aber fair" zum Islamismus Religion ist wie Beton

Hat der Islam ein Gewaltproblem? Frank Plasberg geht ans Grundsätzliche, und fast alle waren sich einig: Der Islam habe kein Abonnement auf Gewalt. Nur einer, der war aus Prinzip immer dagegen.

ARD

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Zur Sendung: Radikale Islamisten lähmen Europa mit Anschlägen und Drohungen. Ist das ein Religionskrieg? Oder einfach nur Schwerkriminalität? Titel der Sendung: "Terror im Namen Gottes - hat der Islam ein Gewaltproblem?"


Der Flughafen Köln-Bonn unter düsterem Himmel, davor ein einsamer Kombattant in Kampfuniform und der Spruch: "Was deine Brüder in Belgien schaffen, schaffst du auch!" Mit diesem Stück aktueller IS-Propaganda in Computerspielästhetik stieg Frank Plasberg in die Sendung ein. Noch während er das Bild verbreitete, stellte er fest, dass es Unbehagen oder sogar Angst verbreiten könne, wenn es verbreitet werden würde, so wie er es gerade tat.

Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, konnte dem Moderator da nur zustimmen. So sei das eben. Sein Amt verzeichne einen Anstieg der Propaganda für den Terror gegen Europa: "Deutschland ist auch im Fokus der Terroristen". Dass Medien ihrer verbreitenden Funktion wegen besonders unheimliche, weil offenbar völlig willenlose Helfershelfer des Terrors sind, war glücklicherweise aber nicht Thema der Sendung. Es ging um die etwa 1400 Jahre alte und neuerdings wieder besonders aktuelle Frage, ob "der Islam" ein Problem mit der Gewalt habe, sie vielleicht sogar befördere.

Schuld sei das Umfeld

Das mochte Münch nicht so sehen. Eine kleine, aber feine Studie habe ergeben, dass Radikalisierung im Grunde keine religiöse, sondern eine Frage der Bezugsgruppen sei. In Dinslaken wird ein orientierungsloser junger Mann so wahrscheinlich zum Salafisten, wie er in Sachsen zum Nazi wird.

Auch Abdessamad El-Yazidi, Landesvorsitzender des hessischen Zentralrats der Muslime, konnte die Frage nach dem Gewaltproblem seiner Funktion wegen nur von sich weisen: "Wenn wir die heiligen Schriften von allen abrahamitischen Religionen anschauen, stellen wir fest, dass die sich sehr ähnlich sind", der Islam habe da kein Abonnement auf Gewalt, die sei - wie so manches - ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Gerade die Schriften und ihre buchstäbliche Auslegung seien das Problem, konterte der Publizist und Historiker Michael Wolffsohn. Eine kritische Interpretation der Quellen, wie das Christentum sie mit der Reformation oder das Judentum durch rabbinische Texte erfahren hätten, habe der Islam in diesem Maße noch nicht erfahren. Deshalb sei es ein Unterschied, ob im Alten Testament das Niederbrennen irgendeines seit 2400 Jahren untergegangenen mesopotamischen Königreichs oder im Koran der Kampf gegen die - durchaus noch existierenden - Juden gefordert werde.

"Dummheit ist nicht auf eine Religion beschränkt"

Später wurden noch ein paar Passanten in der Fußgängerzone mit besonders krassen Stellen aus dem "Koran" veräppelt, die in Wahrheit im Alten Testament stehen. Sie nahmen es gelassen, die Passanten, wie auch Katrin Göring-Eckardt von den Grünen. Als sie aber einräumte, gewisse blutrünstige Stellen in der Bibel nicht so ernst zu nehmen, mochte ihr Wolffsohn das auch nicht durchgehen lassen: "Im Prinzip müssen wir die ganze Speisekarte zur Kenntnis nehmen." Und: "Dummheit ist nicht auf eine Religion beschränkt, ich könnte ihnen von meinen Leuten - also jüdisch-orthodoxen - auch abscheuliche Dinge erzählen."

Constantin Schreiber von n-tv mochte den Islam nicht so schnell aus der Pflicht nehmen. Terrorismus sei durchaus ein Teil dieser Religion und das Schweigen der friedlichen Mehrheit die größte Gefahr. Von Funktionären wie El-Yazidi wünschte er sich mehr Engagement: "Kampf gegen Islamismus muss auch von den Muslimen viel mehr ausgehen!" Als El-Yazidi beteuerte, dies geschehe doch längst, hakte Schreiber nach: "Bringen Sie denn ihre Jugendlichen in Kirchen?"

Da wendete Göring-Eckardt als glühende Protestantin den drohenden Religionskrieg mit der Bemerkung ab, die Religion werde ausgenutzt. Man habe überdies "leider oft das Gefühl, die Salafisten seien die besseren Sozialarbeiter". Dschihadisten seien keine Religionsgemeinschaft, "eher eine Sekte" mit entsprechender Ideologie. Gewaltbereite Muslime seien "etwa ein Prozent". Darauf Plasberg, "als Moderator und evangelischer Christ" (Plasberg) neckisch Öl ins Feuer gießend: "Kann man nicht oft genug sagen, aber das eine Prozent kann Verheerendes anrichten!"

"Ironie kommt nicht so gut rüber im Fernsehen!"

Wieder war es Michael Wolffsohn, der die Wogen glättete und dafür warb, das armselige "Kanonenfutter der Strategen" nicht allzu ernst zu nehmen: "Der Islam ist Mittel zum Zweck. Zu welchem Zweck?" Im Nahen Osten sei die Gewalt mit dem Islam mobilisierbar gegen autoritäre Regime, da gesellschaftliche Konflikte nicht in Institutionen ausgetragen würden.

Auch in Frankreich oder Deutschland hätten Muslime "noch keine demokratische Vertretung". Und ohne Institutionen keine Konfliktlösung. Darauf El-Yazidi mokant: "Die Institutionen hier in Deutschland sind zu sehr damit beschäftigt, sich zu distanzieren!", worauf der Moderator und evangelische Christ Plasberg mahnte: "Ironie kommt nicht so gut rüber im Fernsehen!"

Erhellend war zuletzt das Einzelgespräch mit dem Aussteiger und Buchautor ("Ich war ein Salafist") Dominik "Musa" Schmitz, der in fünf Minuten alle Mutmaßungen, Mahnungen und Hoffnungen der vergangenen 45 Minuten bestätigte. Ja, er komme aus einem "broken home", habe Halt gesucht. Gewiss, die Peergroup sei so zufällig wie relevant. Natürlich habe dann eine Gehirnwäsche stattgefunden. Aber der Zweifel sei ihm doch wichtiger gewesen als das Nachplappern simplifizierender Suren. Und klar, Muslim sei er nach wie vor.

Zum Abschluss also hatte die Sendung in theologischer Hinsicht wieder eine milde und erkenntnisfördernde Betriebstemperatur erreicht: Religion ist wie Beton - es kommt drauf an, was man draus macht.



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