Stefan Raabs "#FreeESC" Klischees, gnadenlos durchgeorgelt

Furzwitze beim Ehrenwettbewerb ESC? Das kann passieren, wenn Stefan Raab sich eine Alternative zum ausgefallenen Europa-Singspiel ausdenkt. Das Original bleibt freilich unantastbar.
Moderationsduo Steven Gätjen und Conchita Wurst

Moderationsduo Steven Gätjen und Conchita Wurst

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ProSieben/ Markus Morianz/ Martin Saumweber

Raabschied ist ein scharfes Schwert, immer noch. Zumindest legten das die Kommentare nahe, die den "#FreeESC" online begleiteten und in denen die Rückkehr des Ruheständlers Stefan Raab in teilweise fast österlicher Auferstehungssehnsucht erwartet wurde, sodass diese Hoffnung von Anfang an wie eine Dunstglocke über ProSiebens alternativer Eurovisionsshow hing.

Was freilich nicht verwunderlich ist, denn der Ersatz-ESC, vom 2015 abgetretenen Entertainer erdacht und produziert, war von der ersten Minute an so raabig, wie er eben sein konnte, ohne dass der zum Unterhaltungsgott verklärte selbst auf die Bühne trat: Für die Musik sorgte seine alte Studioband Heavytones, die überdrehte Stimme aus den Länder-Einspielfilmchen kennt man aus "TV total", das Prinzip der vernippelt eingestreuten Kurios-Schnipsel zitierte Raabs Meme-Klaviatur nach, und schließlich war er selbst immerhin in einer eingespielten Mini-Parodie zu sehen, verkleidet als Nicole, doch ausgestattet mit monströsen, nackten Riesenfüßen.

Der kurze Clip setzte die Humorfarbe des Abends und machte damit auch unmissverständlich klar: Mit dem echten, ausgefallenen ESC hat diese Show nichts gemein. Nichts war zu spüren von der oft so rührenden Ehrpusseligkeit des europäischen Liederwettstreits, diesem Schrein des Schrulligen, der auch die absonderlichsten Beiträge einen Abend lang mit gigantischem Aufwand komplett ernst nimmt, so aus der Welt gepurzelt sie auch manchmal scheinen mögen.

Dieser Geist fehlte dem "#FreeESC", auch wenn sich die beiden Moderatoren recht erfolgreich bemühten, der Show eine festliche Politur zu wienern: Conchita Wurst  mit mehrfach gewechselten Glam-Roben, von denen die schönste nur aus einem einzigen Mon-Cherie-Papier origamisiert zu sein schien, und Steven Gätjen mit unverwüstlicher Nonchalance.

Helge Schneider singt für Deutschland

Dass während der 15 Beiträge nicht wirklich ESC-Stimmung aufkommen wollte, lag vor allem am nicht nachbaubaren Käseplattencharakter des Originals: Brüllende Omas, barmende Schmerzensfrauen, grölende Folkloristen, verhuschte Debütantchen, stilistisch ist hier alles drin, während der "#FreeESC" das Radiopop-Spektrum ablief. Vieles klang hier ähnlich oder fast schon epigonisch nach bereits Bekanntem: Der niederländische Beitrag erinnerte deutlich an "Castles" von Freya Ridings, beim österreichischen ließ sich recht kommod der Text des Wir-sind-Helden-Lieds "Nur ein Wort" darübersingen.

Einen chansonnigen Ausreißer lieferte Helge Schneider, der für Deutschland antrat, nach all den (ähnlich wie zuletzt bei "The Masked Singer") im Vorfeld geschürten Raabhoffnungen kein wirklich dankbarer Job. Schneider sang eine zärtlich-lapidare Corona-Sentimentalität, deren Text einem noch eine Weile im Kopf loungen wird: "Forever at home, forever alone, forever inside".

Gefühlsmäßig war das ein schöner Kontrast, etwa zur türkischen Nummer "Günaydin", einem Autotune-Rap von Eko Fresh und Umut Timur. Während bei diesen beiden Künstlern das Land, für das sie antraten, relativ plausibel schien, wurde anderswo die nationale Sortierung eher großzügig vorgenommen: Eine passend verwurzelte Großmutter oder ein paar Grundschuljahre vor Ort genügten, um sich als Landesvertreter zu qualifizieren. Wobei die hingeworfenen, grobschlächtigen Kurzporträts der einzelnen Nationen nun nicht unbedingt dazu beitrugen, dass man sich gern mit dem mal mehr, mal weniger aufgepropften Stammland identifizieren würde.

Man musste schon sehr nostalgieschmandig gestimmt sein, um die extreme "TV total"-Tonalität mit ihren gnadenlos durchgeorgelten Klischees lustig zu finden: In den Niederlanden wird natürlich Käse herumgetragen, in Irland schwer gesoffen, in Polen klauen Lolek und Bolek ein Auto. Wird in Bulgarien Bohnensuppe als typisches Gericht erwähnt, folgt nach dem Schnitt zwingend Flatulenzflachs, kommt die polnische Partei PiS vor, sieht man einen Schimpansen, der sich an seiner eigenen Urinfontäne labt.

Sicher gibt es eine plausible Erklärung dafür, warum diese ultra-erwartbaren Gagstrukturen gerade in angespannten Zeiten psychisch entlastend wirken, gepaart mit einem Übermaß an Hinfallhumor wirken sie jedoch nur plump:  In jedem zweiten Länderclip verunfallt jemand in typischen Pannenshow-Ausschnitten, man stürzt  beim Tanzen, auf dem Laufsteg oder beim Fußballspielen, gern sind die Verlachobjekte barbäuchige Dickmänner - TV brachial.

Max Mutzke tritt als Astronaut an

Zwischen den mit Witzeleien vollgestopften Einspielern wirken die musikalischen Auftritte fast unterinszeniert. Während der Original-ESC gern mit aberwitzigen Requisiten und Aufbauten protzt, winkt bei der Free-Variante mal ein DJ mit Fähnchen, Sion Hill, der irische Indie-Shawn-Mendes, wird von zwei Whiskyfässern flankiert. Kelvin Jones, der für Großbritannien antritt, umdropsen immerhin Tänzer, gekleidet in der ganzen pastellenen Farbvielfalt einer Tüte Joghurt-Gums, Sarah Lombardi (für Italien) wird von ihrer Tanzbegleitung umständlich herumgewuchtet. Wenigstens bei Helge Schneider fällt digitaler Goldregen, während sein Haar sanft von der Windmaschine angewogt wird.

Als Überraschung tritt schließlich auch ein Bonusland an, eine kleine Reminiszenz an den ESC-Ehrenteilnehmer Australien: Max Mutzke, ESC-Veteran, singt in seinem "The Masked Singer"-Gewinnerkostüm als Astronaut für den Mond – und hätte dafür bei einem anderen Abstimmungsmodus vermutlich auch den Sieg davongetragen. Das Publikum in Deutschland, Österreich und der Schweiz, den Ländern also, in denen die Show tatsächlich gesehen und darum per Telefonvoting abgestimmt werden konnte, gab dem Astronauten seine zwölf Punkte, doch zu diesem Zeitpunkt war Nico Santos mit "Like I Love You" für Spanien nach der Punktevergabe der übrigen Teilnehmerländer schon nahezu uneinholbar in Führung gegangen.

Für diese Nicht-ProSieben-Länder vergaben Ein-Personen-Jurys die Punkte: In Großbritannien entschied Spice Girl Mel C, Michelle Hunziker für Italien, Lukas Podolski war der polnische Geschmacksträger, Michael "Bully" Herbig bewertete in Mr-Spuck-Kostüm als Mond-Vertreter. In anderen Ländern folgte die Jurybesetzung ähnlich kruden Kriterien wie die Interpretenwahl: Man griff einfach auf Verwandtschaft der auftretenden Musikerinnen und Musiker zurück, den Vater von Mike Singer (Kasachstan), die Mutter von Kate Hall (Dänemark), die Schwester von Nico Santos (Spanien), was halbwegs beliebig wirkte.

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Am Ende siegte Santos vor Ilse DeLange (Niederlande) und Mondmann Mutzke, Helge Schneider wurde als deutscher Vertreter Vierter, aber wer nun genau für wen angetreten war, war am Ende fast erfreulich nebensächlich. Der "#FreeESC", der vermutlich auch in den kommenden Jahren ausgetragen werden soll, ist keine Alternative oder auch nur Konkurrenz für das Original, aber diese unterschwellige Botschaft wäre eines europäischen Musikwettbewerbs durchaus würdig: Das Grenzen und nationale Zuschreibungen so willkürlich und verwischbar sind, dass die Anmoderation "und für die Punkte aus Kasachstan schalten wir jetzt nach Offenburg" absolut Sinn ergibt.  

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