Friedensaktivistin Malala bei Lanz "Die Mädchen sollen fliegen, bis zu den Sternen!"

Sie gilt als Anwärterin auf den Friedensnobelpreis: Die pakistanische Schülerin Malala, die ein Attentat von Extremisten überlebte, setzt sich für Bildungschancen von Mädchen in ihrer Heimat ein. Im TV-Talk "Lanz" trat sie nun selbstbewusst auf.

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Hamburg - SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach berichtet über den Stand der Dinge bei den Koalitionsverhandlungen mit der Union, die frühere Chefredakteurin der "taz", Bascha Mika, ist auch da und erzählt - ja was eigentlich? Und dann ist da noch der Komiker Kaya Yanar, der ein bisschen aus seinem Leben plaudern darf. Kurz: Sie reden viel, sie sagen nichts, jedenfalls nichts von Bedeutung, es ist ja auch egal um 23 Uhr bei "Markus Lanz", zu so fortgeschrittener Stunde erwartet man ohnehin keine neuen Erkenntnisse über den Zustand der deutschen Politik.

Die Sendung führt einem mal wieder eine Schwäche des Mediums Fernsehen vor Augen, nämlich wie wenig selbstbestimmt man als Zuschauer doch ist. Gerne hätte man vorgespult, denn dass Lauterbach gerne Gesundheitsminister werden möchte in einer Großen Koalition, ahnt man ja schon. Hätte man die Chance, würde man nur den zweiten Teil anklicken, die Aufzeichnung eines Gesprächs Lanz' mit Malala Yousafzai und ihrem Vater in New York.

Malala ist ein intelligentes, mutiges 16-jähriges Mädchen, nicht mehr Kind, noch nicht Frau, aber schon eine Persönlichkeit, die innerhalb eines Jahres zu einer globalen Ikone geworden ist mit ihrem Kampf für das Recht auf Bildung. Am 9. Oktober 2012 war sie auf dem Weg von der Schule nach Hause in einem Schulbus in der Stadt Mingora, im pakistanischen Swat-Tal, von einem Extremisten angeschossen worden.

"Nur der Himmel ist ihre Grenze"

Inzwischen ist sie nicht nur auf dem Weg der Genesung, sie hat auch ihre Autobiografie mit dem Titel "Ich bin Malala" geschrieben, die nun in 27 Ländern gleichzeitig erschienen ist. Der Preisträger - oder die Preisträgerin - für den Friedensnobelpreis wird am Freitag bekannt gegeben. Malala gilt als Kandidatin mit guten Chancen.

Bei Lanz erzählt sie noch einmal ihre Geschichte: wie sie sich über die Taliban empörte, die Mädchen in Pakistan Bildung verwehren wollen; wie sie 2009, als Elfjährige, begann, Tagebuch zu führen über ihr Leben im Swat-Tal und wie der britische Sender BBC das auf seiner Webseite veröffentlichte; wie sie immer größere Bekanntheit erlangte, damit aber auch ins Visier der Extremisten geriet, ebenso wie ihr Vater, der Lehrer und Schulbetreiber Ziauddin Yousafzai.

Er sitzt neben seiner Tochter, ein gutmütiger Mann mit beeindruckendem Schnauzbart, und wird von Lanz gefragt, was er anders gemacht habe als viele andere Väter in Pakistan, deren Töchter nicht zur Schule dürfen und nur verhüllt an die Öffentlichkeit gehen.

"Nichts", sagt er. "Jedenfalls nichts Besonderes." Er habe seine Tochter nicht eingesperrt, sondern ihr ihre Freiheiten gelassen. "Nur der Himmel ist ihre Grenze. Ich habe ihr nicht die Flügel gestutzt, sie soll fliegen, von mir aus bis zu den Sternen!" Es sind ungewöhnliche Worte für einen Mann aus einer Region, in der Frauen aus dem öffentlichen Bild so gut wie verbannt sind.

"Mein Gesicht zu verbergen oder nicht, das ist meine Entscheidung"

Der Freiheitsgedanke ist bei Malala angekommen. "Mein Gesicht zu verbergen oder nicht, das ist meine Entscheidung", sagt sie, die wie immer traditionell pakistanisch gekleidet ist, Haar und Oberkörper mit einem Tuch bedeckt. Ihr Gesicht verhülle sie aber nicht. "Ich wollte mich nie verstecken." Der Islam verlange das auch nicht, sagt sie, die Gläubige. "Wenn Männer ihr Gesicht zeigen können, wenn sie sich überall frei bewegen können, warum darf ich das nicht?"

Ziauddin Yousafzai, hat, wie seine Freunde in Mingora erzählen, in den vergangenen Wochen enorm gelitten unter den Anschuldigungen aus seinem Heimatland, er sei zu ehrgeizig und habe seine Tochter in Lebensgefahr gebracht. Von seiner Idee einer gerechteren Welt lässt er sich trotzdem nicht abbringen. "Wir müssen unsere Einstellungen ändern!", fordert er, als es um die Rolle von Frauen in Pakistan geht, darum, dass die Geburt eines Mädchens im Gegensatz zur Geburt eines Jungen nicht gefeiert wird. "Jungen und Mädchen sind gleich!", sagt er, der bis zum Attentat auf seine Tochter eine Mädchenschule betrieb. Er wünsche sich so etwas wie eine "kleine Revolution", denn die heutige Männerwelt mit all den Kriegen und der Folter sei doch grausam.

Es sind bewundernswerte Aussagen aus dem Munde eines Mannes, in dessen Heimat man solche Sätze selten hört und die einen in Gefahr bringen können. Ja, man habe ihn bedroht, sagt er. Aber er habe nie damit gerechnet, dass seiner Tochter Gewalt angetan werden könnte. In seiner Heimatprovinz Khyber-Pakhtunkhwa hätten die Extremisten in den vergangenen Jahren 1500 Schulen zerstört. Aber nie sei dabei ein Kind verletzt oder gar getötet worden.

Dem Attentäter verziehen

Dass die Taliban ihn nicht mögen, passt zu ihrem rückständigen Weltbild. Aber man wundert sich, warum er und seine Tochter derzeit zu den meistgehassten Menschen in Pakistan gehören. Anstatt stolz auf sie zu sein, gelten sie als "Werkzeuge des Westens", als "CIA-Spione". Kürzlich wurden Bilder von Drohnenopfern im Internet verbreitet, untertitelt mit der Frage, warum man diese Menschen vergesse, Malala dagegen feiere.

Nein, sie habe nichts gegen die Taliban, sagt Malala. "Aber ich bin gegen das, wofür sie stehen." Soll heißen: Sollten sie ihre Positionen ändern, sei für sie eine Versöhnung denkbar. Dem Attentäter hat sie schon verziehen.

Markus Lanz sagt, er drücke ihr die Daumen am Freitag für den Friedensnobelpreis. Malala und ihr Vater lächeln. Und sagen nichts.

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