Junger Internetsender funk Erwachsenwerden mit ARD und ZDF

Die Kids gucken kein Fernsehen mehr? ARD und ZDF wollen die 14- bis 29-Jährigen jetzt mit ihrem gemeinsamen Internetangebot funk einsammeln - eine digitale Dauerbegleitung bis zum Berufseinstieg.

Junges Angebot/ Mara Lea Hohn

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Im Erdgeschoss des Hochhauses steigt ein junger Mann mit Rundbrille und Pferdeschwanz in den Fahrstuhl und drückt routiniert die Taste, mit der die Türen sich sofort schließen lassen. So beschleunige sich zwar nicht die Fahrt selbst, erklärt er. Wenn aber auf dem langen Weg in den 22. Stock immer wieder Leute zustiegen, käme man dank dieser Taste trotzdem schneller oben an. So ist sie, die technikaffine Jugend. Weiß, wohin sie will, und welche Knöpfchen sie dafür drücken muss.

Denn oben, im 22. Stock von Turm B, der bisher eher durch Leerstand denn durch Hipness aufgefallenen Zwillingstürme im Zentrum von Mainz, wird seit Monaten an einem "jungen Angebot" für die kniffligste aller Zielgruppen gearbeitet. Es geht darum, im Auftrag von ARD und ZDF und mit einem Budget von 45 Millionen Euro die "14- bis 29-Jährigen" dort abzuholen, wie sie sind. Und das ist nicht vorm Fernseher oder dem Radio.

Federführend bei den Planungen waren Sophie Burkhart, vormals Referentin für Digitales in der ZDF-Chefredaktion, und Florian Hager, zuvor stellvertretender Programmchef bei Arte. Mit nur zehn festangestellten und 30 "projektbezogenen" Mitarbeitern stellten Burkhardt und Hager sich einer schwierigen Aufgabe. Es galt, ein Portfolio an Formaten und Inhalten zu erstellen, das zwar mit dem Gütesiegel, aber ohne den abschreckenden Muff der mächtigen Mutterhäuser auskommt. Und diese Aufgabe hätte nicht besser gelöst werden können.

Dezentral wie das Netz nun mal ist

Die medienpolitische Beschränkung, ausschließlich online in Erscheinung treten zu dürfen, scheint nun die größte Stärke des "jungen Angebots" zu sein. Zwar hat das Kind mit funk einen Namen und eine eigene Website, auf der auch lizensierte Serien aus dem Ausland abonniert werden können. Im Prinzip funktioniert funk aber so dezentral, wie das Netz nun einmal ist. Mainz ist weniger Zentrale als Relais für das "Programm". Zu Beginn gibt es bis zu 40 verschiedene Formate, die über alle nur denkbaren Kanäle gespielt werden - von YouTube über Facebook bis Snapchat.

Um die mehr als heterogene Zielgruppe halbwegs in den Griff zu bekommen, ist sie in vier Kohorten unterteilt. Es wird also zugeschnittene Angebote geben für die Interessen und Bedürfnisse der 14- bis 16-Jährigen, der 17- bis 19-Jährigen, der 20- bis 24-Jährigen und der 25- bis 29-Jährigen - eine digitale Dauerbegleitung also von der Pubertät bis zur Beendigung des Studiums. Als inhaltliche Klammer für die gesamte Gruppe haben die funk-Macher die Popkultur und die Frage identifiziert: "Wer bin ich?" Beides Themen, die bis zur abgeschlossenen Selbstfindung aktuell bleiben.

Und ein weites Feld, auf dem im Sinne des Bildungsauftrags der Öffentlich-Rechtlichen unterhalten, Orientierung geboten und informiert werden kann - mit Schwerpunkt auf Unterhaltung. Schulmeisterliches sucht man vergeblich, auf das Segment "Information" habe man ganz verzichtet - das gebe es bereits anderswo, meint Burkhardt. Gleichwohl wird es in "Jäger und Sammler" Gesellschaftsreportagen geben, moderiert von Nemi El-Hassan, Friedemann Funk und Ronja von Rönne.

Kommunikation mit den Konsumenten

Für das ebenso empfindliche wie fluide Publikum wird funk als Absender zwar zu erkennen sein, sich aber nicht aufdrängen. Einige Formate, wie etwa "Gute Arbeit Originals" oder das "Bohemian Browser Ballett", laufen bereits seit einer Weile "inkognito". Das entsprechende Rätselraten in der Community, so Hager, habe man bei funk interessiert verfolgt. Schließlich ist das Medium, wenn nicht direkt interaktiv, so doch auf Kommunikation mit den Konsumenten angewiesen.

Mit funk setzen also die schwerfälligen und überalternden Gremienmoster alles auf eine Karte - andere digitale Angebote wie ZDFkultur und EinsPlus gehen mit dem offiziellen funk-Start an diesem Samstag in Rente.

Auf der anderen Seite strahlt das Projekt schon jetzt auf die Szene der YouTuber, Blogger und anderer unabhängiger Macher aus. Denn im 22. Stock mochte man sich nicht nur auf Eigengewächse verlassen. "Wir wollten Leute, die bereit waren, den nächsten Schritt zu tun", umschreibt Hager das Werben und Stars der Szene wie Florian Burger (LeFloid), Christian Maria Brandes (Schlecky Silberstein), Marti Fischer (Clavinover) oder den nordischen Heimwerker Flynn Kliemann, der mit Unterstützung von funk in seinem "Kliemannsland" nun eine utopisch-interaktive Kommune ausrufen kann.

Zwar haben Burckhardt und Hager in den Vorgesprächen alle Kandidaten "aussortiert", die "funk" allzu gerne als Sprungbrett ins TV-Programm nutzen wollten. Trotzdem knüpfen hier ARD und ZDF gar nicht mal so zarte, sondern vertragliche Bande mit einer neuen Generation von Kreativen. Umgekehrt kann dem Niveau dessen, was derzeit auf YouTube passiert, ein wenig öffentlich-rechtliche Kohle kaum schaden.

Ob alle Ideen zünden werden, wird sich zeigen. Aber auch fürs Reifen und Entwickeln eines Formates ist bei "funk" mit seinem langen Atem mehr Zeit als am vogelfreien Markt - wo der Aufzug schneller wieder ins Erdgeschoss geht, als es der technikaffinen Jugend lieb sein kann.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Das Pferd 01.10.2016
1.
YouTube ohne Werbung. und der Gebührenzahler zahlt für die Grundversorgung und bekommt ein Programm, das offiziell auf Information verzichtet.
schüttelkugel 01.10.2016
2. Hat eigentlich schon mal ...
... jemand die jungen Leute gefragt, was sie wollen und ob sie es brauchen? Stattdessen wird EinsPlus abgeschafft und Ende des Jahres Servus TV. Banausen!!!
meinungssprecher 01.10.2016
3. Mal sehen
Eigentlich halte ich von so etwas ja weniger, allerdings scheint, jedenfalls auf den 2. Blick, einiges an Qualität möglich.
LudwigN 01.10.2016
4.
Zitat von schüttelkugel... jemand die jungen Leute gefragt, was sie wollen und ob sie es brauchen? Stattdessen wird EinsPlus abgeschafft und Ende des Jahres Servus TV. Banausen!!!
Servus TV ist aber nicht öffentlich-rechtlich.
timi_moon 01.10.2016
5.
Herzlichen Glückwunsch zur heutigen Jugend, die ist ja sehr anspruchslos, ganz gegen alle Vorurteile. Siehe Bento, eine einzige Peinlichkeit, was und wie da geschrieben wird. (Berlusconi-Quiz!) LeFloyd und dieser Silberfisch, die heutigen Jugendstars? Wow. Zu anderen Zeiten war das mal ein Che Guevara oder ähnliche. Kommuniziert die Jugend heute wirklich so albern, wie diese Youtuber? Gut, dass zu meiner Zeit die Fernsehbosse nicht auf die Idee kamen, außer für ein paar, auch schon merkwürdige Musiksendungen, die Jugend als Zielgruppe ins Visier zu nehmen. Wir haben, auch ohne Facebook und Whatsapp das Fernsehen weitgehend ignoriert. Es gab Spannenderes, draußen, in der Welt. Na gut, ich werde wohl alt. Anyway ...diesem ARD/ZDF-Baby traue ich keine strahlende Zukznft zu
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