Fußball-EM 2016 Warum ARD und ZDF sich einen Privatjet leisten

ARD und ZDF lassen ihre Mitarbeiter bei der Fußball-EM in Frankreich im Privatjet fliegen. Typische Verschwendung? Nur auf den ersten Blick.

Charterjet (Symbolbild)
Dassault Falcon

Charterjet (Symbolbild)

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Das Detail hat das Zeug zum Aufreger: "EM-Berichterstattung: ARD und ZDF fliegen Privat-Jet" titelte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") an diesem Dienstagmorgen - und enthüllte, dass die beiden öffentlich-rechtlichen Sender für bis zu dreißig Mitarbeiter eigens einen Privatjet angemietet hat. Mit dem fliegen sie vom DFB-Quartier in Évian zu den Spielen der Nationalmannschaft und wieder zurück. Eine schicke Lösung sei diese "Anstalts-Airways", urteilt die "FAZ" - nicht ohne zu erwähnen, dass der koordinierende WDR diese Lösung als zweckdienlich und kostengünstig bezeichnet.

Die Reaktionen waren ebenso erwartbar wie schnell: "Muss das sein?" fragte Bild.de prominent auf der Homepage. Auch die Onlineportale zahlreicher weiterer Zeitungen und privater TV-Sender griffen den "FAZ"-Artikel auf, nannten das Reisen im Charterjet "extravagant" oder kamen zum Schluss: "Die Sender sparen nicht."

Nun ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk beileibe alles andere als ein Vorbild in Sachen Sparsamkeit und Kosteneffizienz. Doch ob die Reisestrategie für die EM in Frankreich tatsächlich Beleg für Verschwendung auf Kosten der Beitragszahler ist, kann bezweifelt werden.

"Mit Abstand die wirtschaftlichste Lösung"

Das machen nicht nur die konkreten Zahlen deutlich, die der WDR auf Anfrage nennt. Konkret bezieht sich der Sender auf die Partie der DFB-Mannschaft gegen Nordirland an diesem Dienstagabend in Paris. Dafür flögen 31 Mitarbeiter am Spieltag vom Quartier der DFB-Elf nach Paris und nach dem Spiel wieder zurück. Mit dem Auto ist das eine einfache Strecke von 580 Kilometern. Bei diesem Turnier greifen ARD und ZDF im Übrigen auf einen gemeinsamen Personalpool zurück. Hin- und Rückflug kosten laut WDR jeweils knapp 14.000 Euro, das macht rund 450 Euro, pro Mitarbeiter also rund 900 Euro.

Dafür, so eine WDR-Sprecherin, müssten die Mitarbeiter nicht in Paris im Hotel übernachten, "die bei den gegenwärtigen Preisen fast genauso viel wie eine Flugstrecke gekostet hätte". Außerdem fallen die Kosten für Linienflüge beziehungsweise -züge weg, die die Mitarbeiter ansonsten hätten nutzen müssen. Die Lösung mit dem Privatjet sei mit Abstand die wirtschaftlichste gewesen, sagt die WDR-Sprecherin - was anhand der Angaben zumindest nicht unplausibel klingt.

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Außerdem müssten die Mitarbeiter am Morgen nach einem Spiel bereits wieder vom Mannschaftsquartier in Évian berichten, argumentiert der WDR weiter. Man habe sehr genau geprüft, ob man nicht anders zu den Spielen und wieder zurückreisen könne. Aber mit Zug oder Bus wäre das Team nicht rechtzeitig zurück gewesen - und auch nicht mit Linienflügen, da in Genf ein Nachtflugverbot gelte.

Nicht zu vergessen: Der Charterjet kommt ausschließlich bei den Spielen der DFB-Elf zum Einsatz. Angenommen, die Mannschaft kommt bis ins Finale, und die Kosten sind jeweils so hoch wie bei der Route nach Paris: Dann würden ARD und ZDF insgesamt etwas weniger als 200.000 Euro für den Privatflieger zahlen, den sie über das DFB-Reisebüro buchen. Zum Vergleich: Für die TV-Rechte an allen EM-Spielen zahlten die beiden Sender 160 Millionen Euro.

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