Fußball-EM 2016 im TV Der Schrei nach Erholung

Buschmann quasselt Gurkenspiele zur Sensation hoch, Scholl redet sich besinnungslos. Oliver Kahn guckt derweil süffisant gelangweilt in die Ferne - und ist neuer Klassenbester. Die mediale Zwischenbilanz der EM.
Von Jürgen Roth
Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl

Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl

Foto: WDR/ Herby Sachs

Zu Beginn der Europameisterschaft räumte der ehemalige, wahrlich fabelhafte Fußballradioreporter Manni Breuckmann ein, "dass Fußballkommentatoren zwangsläufig irgendwas falsch machen", und konstatierte, das "Reporter-Bashing" sei "zu einer Art Volkssport geworden".

Kaum etwas anderes liegt daher näher, als nach dem Abschluss der Gruppenphase eine sportlich faire, gleichwohl selektive mediale Zwischenbilanz zu ziehen - und zwar in den Kategorien Sendungen, Experten und Kommentatoren.

Sendungen

ARD

Fürs erbauliche ARD-"Morgenmagazin" strolcht Peter Großmann schwer strunzend durchs frivole Frankreich, als Intellektualerscheinung vollkommen überragend und vorbildlich sprachruinös und politisch maßstabsetzend: "Ein langes Thema hier in Frankreich ist auch heute aktiv - nämlich Streiks."

Peter Großmann

Peter Großmann

Foto: WDR/ Herby Sachs

Ja, es gehört schon eine öffentlich-rechtliche Karriere dazu, um in einem einzigen kurzen Satz zwei stilistischen Holzhämmern und einem Grammatik-GAU Unterschlupf zu gewähren. Und im Hinblick aufs Achtelfinale wollen wir uns artig Großmanns am 17. Juni von der Leine gelassene Prognose merken: "Die Nordiren werden auf jeden Fall geil sein."

Die rumpeligen Wörter macht desgleichen der Verpackungs- und Sinnabwrackkünstler Alexander Bommes unentwegt "hübsch" (Reinhold B.). "Hast du schon ein bisschen was schnuppern können?", fragt er eine der zweihundertelf Fieldreporterinnen (in diesem Fall: Jessy Wellmer). Irgendein Spieler hat "einen Verkaufspunkt", der Dutt-Dude Ibrahimovic sei "ein Leitelch", ein Tor sei der "berühmt-berüchtigte Brustlöser", und anlässlich der Begegnung Belgien gegen Irland sinnierte der bombige Bommelkopp über "die andere Kehrseite der Medaille" und entdeckte dergestalt die bislang unbekannte dritte Dimension einer Münze.

In summa: Betragen ungenügend. Beziehungsweise: "Wir habens zur Genüge schon penetriert."

ZDF

Thomas Skulski im ZDF-"Morgenmagazin". Jedes Mal aufs Neue reiben wir uns die Augen und die Ohren. Ein Mann bester alter Schule. Stilsicher, frei von jeglicher Wichtigblähattitüde, ein Ausbund an Dezenz und Seriosität. Eine veritable Trostgestalt inmitten des TV-Infernos.

Sat.1

Fünf Stunden lang robben sie bei "live ran" (Teaser: "ran never stops") im Quotenkeller herum. Moderator Frank Buschmann gibt, nein: gab (Gott sei Dank, es ist vorbei) auf einer Sperrholzpopschrottbühne im Europa-Park Rust vor einer mit Bier bei Laune gehaltenen Claque den Spektakelspaßvogel, der, von sich selbst besoffen, Gurkenspiele zu Weltsportsensationen mit "Toren, Buden, Hütten" hochquasselte ("Ach, sind das schöne Bilder hier!"). Dazu ein Social-Media-Animateur namens Icke Dommisch, der das Duz-Fernsehen ("Schickt uns eure Bilder!") durchs Vorlesen von Facebook-Gefasel final in die Grütze ritt.

Zuletzt nicht vergessen seien die "zwei absoluten Erfolgstypen" (Buschmann) Matthias Killing und Mirko Slomka vor Ort in Paris, die, im "EM-Fieber", von vorn bis hinten und von oben nach unten "alles toll" fanden.

Im Wiederholungsfall möge "live ran" mit Beckmanns Sportschule fusionieren.

Experten

ARD

Ein Datendienstleister namens Acxiom hat kurz vor der EM herausgefunden, dass der Fußballfan an und für sich: tatsächlich Fußball mag - und sogar gern ins Stadion geht. Donnerlüttchen. Ein anderes Statistikunternehmen, Impect, hat dem ubiquitären "Fußball-Klugscheißer-Sprech" ein neues "Quatschwort" ("taz") zugeschustert: das "Packing", das eine Messgröße bezeichnet, mit der die Menge der durch einen langen Pass überspielten Gegner erfasst wird.

Mehmet Scholl war mal die große Hoffnung des schwarzrotgoldenen Kanals. Mittlerweile spüre er "das Adrenalin bis in die Haarspitzen", sobald ein Match der Deutschen bevorstehe, und genauso überdreht und besinnungslos redet es dann aus ihm heraus: "Die Qualität des Toreschießens war immer da" (über Mario Götze), die Nordiren "machen aua", und Thomas Müller solle "seine Laufwege anbringen". (Trefflich jedoch: "Der Russe ist raus - und zwar ohne Applaus.")

Dito Kompagnon Opdenhövel folgt als Vertreter der jüngsten Fußballhotness und -hipness ("Der ist richtig heiß") willfährig der allgemeinen Direktive, im Sekundentakt praktisch anything für "Wahnsinn" und "unglaublich" zu befinden. "Einen Zaunpfahl geschmissen Richtung Kritiker" (Opdenhövel) hat Scholl indes selbst durch sein geradezu närrisches Herumhantieren mit diesem neuesten heißen Pseudoanalysespielzeug respektive -tool ("Das ist ein klassischer Packing-Pass"). Dafür mag es zwar Fleißpunkte regnen (Packing bei Deutschland gegen Nordirland: 47:16), allein, wir empfehlen Herrn Scholl die Rückbesinnung auf den legendären Oskar Klose, der die wenigen Informationen, die er fürs Kommentieren benötigte, auf einer Zigarettenschachtel notierte. Oder er nehme sich ein Beispiel am ZDF-Reporterkollegen Martin Schneider: "In allen meßbaren Daten liegt die Schweiz vorn, all das, was wir ja auch sehen."

Dessen ungeachtet warten wir fiebrig und fickrig auf die Inthronisation des Frackingfußballs, bei dem Chancen dann endlich erschlossen und gefördert und nicht mehr bloß "kreiert" (aaarrrgghh!) werden.

ZDF

Gegenüber früheren Turnieren stark verbessert und geradezu in Top-Form agiert Oliver Welke, der das ganze Brimborium offenbar und zu Recht nicht länger allzu ernst nimmt und sich zum Beispiel über die "Zwergenaufstands-EM" mokiert. Ihm zugute kommen zudem ab und an überraschend erhellende Hintergrundberichte etwa über kroatische Faschisten, die er angemessen anmoderiert ("Die Damen und Herren von der UEFA ermitteln sich einen Wolf"), hoch anzurechnen sind ihm obendrein Fachgespräche (in Sachen Hooliganismus et cetera), die er elegant meistert.

Klassenbester - gewissermaßen nachträglicher Weltmeister in einer eigenen Gewichtsklasse - ist zweifelsohne Oliver Kahn. Man dürfe nicht zu lang in die Eistonne, wolle man abends noch weg, erläutert er. Ein andermal richtet er den süffisanten Blick schräg in die Ferne, und "das mediale Gedöns, das langweilt" ihn ohnehin.

Bei aller gerechtfertigten Begeisterung für das Naturereignis eines unhaltbaren Schusses oder für eine rühmliche Torwartparade - Kahn besitzt im verfußballerten Fernsehen die aus einem beinahe begnadeten Stoizismus genährte Deutungshoheit ("Ich versteh nicht das Spiel. Ich versteh nicht, was sie spielen wollen") und ragt aus dem Palaversumpf leuchtturmartig heraus. Unsere Nannywelt verlacht und verachtet er ("Das geht den Spielern natürlich irgendwann auf den Geist, wenn dauernd diskutiert wird über Badelatschen und Disziplinlosigkeit"), Ronaldo tituliert er als "Marketingfritzen", wir begrüßen das rundheraus und nachdrücklich. Wünschenswert wäre allenfalls, griffe er gelegentlich - wie noch bis vor Kurzem Giovanni Trapattoni auf RAI - zu dem einen oder anderen gepfefferten Kraftausdruck, verdammt noch mal!

Sat.1

Jonas Hummels

Jonas Hummels

Foto: imago

Jonas Hummels wollte hinsichtlich der deutschen Mannschaft "die Tendenz ein bisschen nach vorn legen", er solls weiter probieren und "auf die Kette kriegen" (Buschmann). Marcel Reif (wie konnte er nur in diesen würdelosen Affenzirkus hineingeraten?) bleibt unantastbar ("Diagonalbälle von Boateng über Hunderte von Metern"). Wenn jemand die sprachliche Geste des Abwinkens ("Lassen wirs gut sein") zur Kunstform entwickelt hat, dann die wohltemperierte Stimme der Vernunft mit den "vielen Ganglien" (Reif).

Kommentatoren

ARD

In der 19. Minute der Partie Deutschland contra Nordirland glaubte Tom Bartels, der die aktuellen Fußballmodedummwörter "Struktur" (im Spiel), "formiertes Spiel" und "Signatur des Spiels" emsig im Munde führt, den "Schrei nach Erholung bei den Nordiren" zu vernehmen. Woher ers auch nimmt - so viel Einfühlungsvermögen oder Feingehör verdient Bewunderung.

Schon im Eröffnungsspiel erspähte der Seher Bartels den "Versuch von Nadelstichen", bei Spanien gegen Tschechien entdeckte er einen "Namenlosesten" und zudem einen "falschen Zuspieler sozusagen"; was in seiner Rätselhaftigkeit alsbald durch einen sehr, sehr tiefen Satz noch überboten ward, den wir bis heute nicht gänzlich begreifen: "Der Zweck soll seine taktischen Mittel heiligen."

Seis drum, "Flanke macht keinen Sinn", entfuhr es Bartels ein andermal, weil Flanken halt nichts machen, sondern einfach, äh, geflankt werden, und der Sinn des Lebens lässt sich auch nicht flanken, aber es ist in diesem Spracheintopf sowieso schon alles wurscht und bravourös beieinander.

Apropos, "weil wir gerade so am Zitat-Schätzen sind" (Reinhold B.). Steffen Simon, dessen "Wortbegleitung zum Bild" ("Tagesspiegel") so gehaltvoll ist wie ein Plastiksackerl auf dem Meeresgrund, braucht zwei Stunden, um mitzukriegen, dass jemand gefoult wurde, alldieweil er damit beschäftigt ist, seine Formulierungsdiamanten zu schleifen: "Kerniger Vortrag der Rumänen" (bei den Hymnen). "Es sind viele Verletzte ausgefallen." - "Die Zeichen wieder positiv stellen." - "Gegen den Ball arbeiten." - "Das permanente Einstarten" in die "Schnittstellen". "Die Eingabe perfekt eingelaufen von Witsel." - "Das Bällchen", "saftiger Einsatz", "langsam durchknabbern", mmmmmmhhhhh, lecker.

Die "Welt" attestiert Simon und seinem "Erzählquark" ein "breites Repertoire lebloser Phrasen". Das ist ungerecht und falsch. In seiner Funktion als unangefochtener personifizierter Höhe-, ja Scheitelpunkt der rhetorischen Rundumraserei nämlich ist Steffen Simon vor allem der König der Katachrese. Die Sentenz "Das war der Auslöser für den Dosenöffner, den die Belgier brauchten", die macht ihm auch in den nächsten zwanzig Jahren keiner nach.

ZDF

Zwei elementare Erkenntnisse der Sprachphilosophie: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" (Wittgenstein), und der Zweck des Gebrauchs der Wörter ist, dass mans sagt.

Und deswegen verneigen wir uns vor Béla Réthy, der zumal Altersangaben innig liebt und von seinen schlauen Zetteln abliest, bis zur Grasnarbe. Damit es mal gesagt wurde, sagt er: "Ein hochverdientes 0:0." (England - Wales) Unmittelbar anschließend: "Gareth Bale hat seinen eigenen Friseur mitgebracht. Ja, hat sich gelohnt." Prima. Eins mit Mappe.

"Startspieler, "Aufbaupille", "Cristiano Rolando" - so sprudelt und tölpelt es munter vor sich hin, und da "diese Logik nicht ganz nachvollziehbar", genaugenommen, komplett zuschanden und im Eimer ist, sei Béla Réthy gepriesen, mit dem "Gesang der Elfen, der Hymne der harten Männer" aus Island, wenn nicht gar mit dem Gesang der Sirenen, der Odysseus um den Verstand brachte.

Anders gemaunzt: Bitte eine Reporter-Cam für Réthy. Und auf den Kanal Audiodeskription für Sehbehinderte umschalten. Der dortige Kommentar ist brillant, versiert, präzise, unaufgeregt, radioartig im besten Sinne.

Hansi Kuepper (links)

Hansi Kuepper (links)

Foto: DPA/ SAT.1


Sat.1

Nicht versetzungsgefährdet: Hansi "Innenweitschuss" Küpper, ehedem vom WDR. Küpper hat alle Tugenden des Radiovirtuosen wohldosiert ins Fernsehen hinübergerettet, ordnet das Geschehen auf dem Platz korrekt ein, kennt fußballhistorische Kontexte und lässt die Luft aus dem Ball, sofern ein Grottenkick wie Rumänien gegen Albanien das gebietet.

Die ARD gebe sich einen Ruck und hole ihn zurück. Aber presto!