Serienenden "Im besten Fall macht man sich von Erwartungen komplett frei"

Überhasteter Wettlauf? Furioses Finale? Die letzten "Game of Thrones"-Folgen spalten die Fangemeinde. Der "4 Blocks"-Drehbuchautor Hanno Hackfort über plötzliche Wendungen und den Reiz offener Enden.

Arya, Bran und Sansa Stark in der letzten Folge "Game of Thrones": Und dann sagen Kunden: "Ja, prima!"
Sky/ HBO

Arya, Bran und Sansa Stark in der letzten Folge "Game of Thrones": Und dann sagen Kunden: "Ja, prima!"

Ein Interview von


Warnung: Der folgenden Text enthält Spoiler - wenn Sie nichts über die letzte Folge "Game of Thrones" erfahren wollen, sollten Sie nicht weiterlesen.

Zur Person
    Hanno Hackfort arbeitete zunächst als Tonassistent. Anfang der 2000er begann er, Drehbücher zu verfassen, schrieb u.a. für "Soko Leipzig". Gemeinsam mit Richard Kropf und Bob Konrad war er Schöpfer der Matthias-Schweighöfer-Serie "You are wanted" und konzipierte das hochgelobte Gangster-Drama "4 Blocks" - die dritte und letzte Staffel der Serie wird derzeit gedreht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hackfort, die letzten Folgen von "Game of Thrones" spalteten die Fangemeinde. Gibt es das überhaupt: ein ideales Serienende?

Hanno Hackfort: Es gibt auf jeden Fall kein allgemeingültiges Rezept: Die große romantische Komödie muss anders enden als das große Epos über eine Familie, die auseinanderbricht. Was mir am Ende immer wichtig ist: Dass etwas hängenbleibt, das mich aufwühlt, egal ob im Positiven oder Negativen - und das ist eher möglich, wenn man nicht versucht, alle Dinge handwerklich konventionell abzuschließen. In diesem Sinn war auch das "Game of Thrones"-Finale durchaus gelungen. Es hat emotionale Bilder aufgemacht: Jon Snow, der in den Norden zieht - das weckt Erinnerungen an seine erste große Liebe. Auch Brienne, die die Biografie ihres Geliebten weiterschreibt, hat noch nicht abgeschlossen mit den Dingen, obwohl die Serie vorbei ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nahende Ende für einen Drehbuchschreiber trotzdem ein Alptraum, weil alle Handlungen und Figuren zwingend zu einem Ende gebracht werden müssen?

Hackfort: Das hängt vom Projekt ab. Generell kommt es darauf an, ob man sich einen Gesamtbogen, der die Geschichte zusammenhält, schon früh zurechtlegen konnte, oder ob man sich inhaltlich von Staffel zu Staffel hangelt - Letzteres ist halt häufiger der Fall; selbst bei "Game of Thrones" wurde zu Beginn ja staffelweise verlängert. Auch in Deutschland ist es ja nicht so, dass wir ankommen und sagen: "Wir haben eine tolle Serienidee, die geht über 6 Staffeln." Und dann sagen Kunden: "Ja, prima!" Wir hangeln uns von Staffel zu Staffel und gleichzeitig gibt es den Anspruch, dass jede Staffel trotzdem zu einem guten Ende gebracht werden soll. Das macht das Schreiben für jedes richtig große, horizontale Epos nicht unbedingt leicht.

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SPIEGEL ONLINE: Um zu erklären, warum die letzten Staffeln von "Game of Thrones" viel hastiger und handlungsgetriebener wirkten als die früheren, wurde häufig ein Konzept unterschiedlicher Kreativschreiber herangezogen: Die einen haben den Handlungsbogen ausgetüftelt im Kopf, gucken aber nicht genau auf die Figurenzeichnung. Die anderen entwickeln entlang der Charaktere, haben am Ende aber Probleme, die Handlung plausibel zu Ende zu bringen.

Hackfort: Ich kann diese Aufteilung so nicht unterschreiben. Zumindest kenne ich keine Kollegen, die sich eindeutig in die eine oder andere Schublade einsortieren lassen. Jeder würde sagen, dass er beides mitdenkt, Plot und Charaktere. Beides bedingt sich ja auch gegenseitig, greift ineinander über.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Hackfort: Ein Plotwechsel kann zur Folge haben, dass sich ein Charakter anders entwickelt, als es mal geplant war. Ich persönlich halte gerade solche Entwicklungen für hochspannend. In der Vorarbeit zu einem Drehbuch hört man häufig den Satz "Das würde diese Figur doch nie tun". Das halte ich für eine, vorsichtig formuliert, sehr schnelle Äußerung. Wir hören ja auch im Leben häufig, dass Leute sagen: "Dass der so was macht, hätten wir nie gedacht!" Denken Sie etwa an Familienreaktionen nach Amokläufen. Aber hat er eben doch. Deshalb konfrontiere ich Figuren gerne mit Handlungen, die in ihnen eine Wendung hervorrufen, die nicht auf der Hand lag. Das führt natürlich zu Kontroversen bei der Kritik und beim Publikum - aber so ist eben auch das Leben, das entwickelt sich ja auch nicht immer sauber.

Autoren-Trio: Hanno Hackfort (links) mit Richard Kropf und Bob Konrad
Jens Büttner/ DPA

Autoren-Trio: Hanno Hackfort (links) mit Richard Kropf und Bob Konrad

SPIEGEL ONLINE: Klischeecharaktere will keiner, klar. Aber muss eine Figur nicht dennoch in sich plausibel sein?

Hackfort: Sie muss hintenraus wieder schlüssig werden. Das Publikum darf verblüfft werden, aber es muss im Nachhinein klar werden, warum die Figur diese 180-Grad-Wendung hingelegt hat.

SPIEGEL ONLINE: Besonders kritisiert wurde bei "Game of Thrones" eine plötzliche Wendung von Daenerys - die Drachenmutter startete als Sklavenbefreierin und endete als Massenmörderin. War das gut geschrieben?

Hackfort: Ich halte mich mit Urteilen über andere Kollegen prinzipiell stark zurück - kaum jemand kann in Anspruch nehmen, immer sauber zu arbeiten. Bei vielen Entscheidungen ist auch nicht klar, wessen Idee das am Ende war - neben den Schreibern reden ja oft auch Schauspieler, Regisseure, Produzenten oder Sender mit. Im Gegensatz zu vielen Kritikern fand ich Daenerys' Entwicklung aber nicht unschlüssig - ruft man sich in Erinnerung, wie sie einst antrat: Sie merkt, dass sie bei diesem Volk nichts reißen kann, weil die Menschen von Westeros sie nie verstehen werden. Also verbreitet sie Schrecken.

SPIEGEL ONLINE: Bei "Game of Thrones" fieberten die Fans mit, aber kritisierten im Netz auch jede der letzten Folgen. Welche Rolle spielen bei Ihrer Arbeit Zuschauererwartungen und -reaktionen?

Hackfort: Ob man Zuschauer enttäuscht, hängt nach meiner Erfahrung immer davon ab, wie breit - und somit auch divers - das Publikum ist. Bei "4 Blocks" haben wir eine wahnsinnig diverse Zuschauerschaft, die Figuren auch unterschiedlich wahrnimmt: Bei den Jungs auf der Straße ist der Clanchef Toni eher ein Held, für die Kritik eine tragische, fast gebrochene Gestalt.

Kemal und Toni in "4 Blocks": wahnsinnig diverse Zuschauerschaft
TNT

Kemal und Toni in "4 Blocks": wahnsinnig diverse Zuschauerschaft

SPIEGEL ONLINE: Wie bedient man so unterschiedliche Interessen?

Hackfort: Im besten Fall macht man sich von den Erwartungen komplett frei: Wir erzählen die Geschichte so zu Ende, wie sie es verdient. Wenn dann möglichst viele mitgehen: toll! Und ganz ehrlich: Auch der Zuschauer spürt doch ganz genau, wenn die Serienmacher nur versuchen, es ihm recht zu machen. Ein auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hin konstruiertes Produkt - das will ja auch keiner.


Sie wollen mehr "Game of Thrones"? Hier können Sie lesen, wie die letzte Folge der Serie war und hier, welche Figuren die SPIEGEL-Redaktion am meisten vermissen wird.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
arr68 23.05.2019
1. Es gibt schon Serien, die schon am Anfang komplett konzipiert sind,
die sogenannten Miniserie. Die haben auch schon komplstt geschriebene Buchvorlagen oder Drehbücher und brauchen nur noch die Finanzierung, aber auch die ist mit einem kompletten Konzept sicherlich einfacher zu bekommen als bei einer halb geschriebenen Pilotfolge und einer Idee, wie es weitergehen könnte. Gerade bei GoT bemerkt man doch den starken Unterschied zwischen den ersten Staffeln, die Martin mit viel Zeit und Ruhe und Mühe geschrieben hat und die letzten zwei Staffeln. Auch das alte "Fackeln im Sturm" oder "Dornenvögel" profitieren von der Buchvorlage. Allerdings leiden viele Serien auch unter dem repetitiven Monster oder Kranken oder Opfer der Woche, die Folgen austauschbar und beliebig mache oder auf der anderen Seite durch den restriktiven roten Faden, der schon nach einer verpasste Folge den Zuschauer zur Orientierungslosigkeit verdammt.
jhea 23.05.2019
2. Oder man lässt einfach Autoren dran....
die genug zeit haben, genug Grips haben, und nicht einfach nur 'schnell schnell' was machen, weil sie hoffen 2021 für Disney einen Star Wars Film machen zu können. Jeder 3 jährige mit einem Kugelschreiber kann eine glaubhaftere Story schreiben als D und D
OberstSL 23.05.2019
3. Ich will auch was sagen.
Ich finde es Schade, das die deutsche Serie "Beat" nur eine Staffel erhalten hat und von Amazon nicht weitergeführt wird. Die war nämlich sehr spannend, was ich sonst von deutschen Serien nicht in dem Umfang kenne. Ausserdem ist der "Hintermann" mit dem Leben davongekommen und den Hauptprotagonisten und ein paar andere gibt es auch noch. Ich konnte mich währenddessen auch sehr gut in die Geschichte hineinversetzen und halte die Story für sehr gut möglich. Kann man die Serie nicht per Crowdfunding weiterfinanzieren?
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