"Game of Thrones", eine Emanzipationsgeschichte? Es gibt nichts Richtiges im Erdachten

Drachen, Zombies und schöne Aufnahmen: Mit richtiger Abstammung kann man Geschichte schreiben, für Frauen ist Macht immer Rache für erlittene sexuelle Gewalt. Das ist die symbolische Ordnung von "Game of Thrones".

Emilia Clarke als Daenerys Targaryen und Kit Harington (Jon Snow) in einer Folge der achten Staffel von «Games of Thrones»
Sky/DPA

Emilia Clarke als Daenerys Targaryen und Kit Harington (Jon Snow) in einer Folge der achten Staffel von «Games of Thrones»

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Einem kastrierten Mann kann man nicht in die Eier treten. Dieser Umstand leitet die Wende ein in einer Schlägerei zwischen Theon Greyjoy und Harrag, einem Anführer der Wikinger-ähnlichen Männer von den Iron Islands. Der körperlich deutlich überlegene Harrag hatte den schmächtigen Theon zuvor methodisch zusammengeschlagen. Dann will der Schläger seinen Finishing Move anbringen und rammt Theon das Knie zwischen die Beine. Das aber zeigt keine Wirkung.

Die Musik verstummt, Harrag blickt verdutzt. Theon, schon halbtot geschlagen, grinst und gewinnt die Oberhand im Kampf. Die Szene endet mit einem getöteten Gegner und dem Rest der Seemänner, die Theon als ihren neuen Anführer akzeptieren.

Die Szene verstehen nur Fans der Serie, die knapp 70 Stunden ihres Lebens damit verbracht haben, die bisherigen sieben Staffeln zu sehen. Sie wissen, dass Theon in der dritten Staffel vom sadistischen Folterknecht Ramsay Bolton kastriert worden war. Dass es genau das ist, was am Ende der siebten Staffel den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmacht, ist natürlich kein Zufall. Sondern ein Anzeichen dafür, dass Game of Thrones eine ultrarigide Moral zugrunde liegt, nach der das Schicksal aller Figuren eine Konsequenz ihrer früheren Handlungen ist - oder der ihrer Familienangehörigen.

Karma statt Chaos

Theons über quälend viele Folgen hindurch erzählte Folterung und Entmenschlichung ließ sich schließlich auch als Strafe für seinen Verrat an der Familie Stark verstehen. Bei der war er - je nach Blickwinkel Geisel oder Pflegekind - aufgewachsen, bevor er deren Wohnsitz Winterfell eroberte, um die Lebensweise seiner Geburtsfamilie auszuleben, der raubritternden Greyjoys. Dafür, dass er eine Identitätskrise hatte und nicht wusste, zu welcher Familie er gehörte, quälte ihn Ramsay so lange, bis er seinen eigenen Namen vergessen hatte. Dafür, dass er ein promiskes Sexualleben führte, wurde er kastriert. Karma statt Chaos.

Die Faszination und der große Erfolg von "Game of Thrones" wurden oft damit erklärt, dass Hauptfiguren scheinbar willkürlich ums Leben kamen. So archaisch und brutal schien die von George R.R. Martin erschaffene Welt, dass die herkömmlichen Konventionen des Fantasygenres, in dem das Gute und Edle am Ende siegt, außer Kraft gesetzt seien. Das stimmte bei genauer Betrachtung aber ebenso wenig wie die Kritik, die Serie setze Gewalt und Sexualität willkürlich, pornografisch ein.

Tatsächlich waren gerade in den Anfangsjahren der Serie auffällig oft nackte Frauen im Bild, während angezogene Männer in langatmigen Monologen die Handlung voranbringen sollten. Viel gravierender aber war seit der ersten Folge der ersten Staffel die Funktion sexueller Gewalt gegen Frauen.

Emanzipation nie ohne Opferstatus

Sicher lässt sich "Game of Thrones" als Emanzipationsgeschichte begreifen. Die Serie bietet viele zentrale weibliche Identifikationsfiguren an. Jedoch sind die drei wichtigen weiblichen Charaktere, die in der Abschlusssaison in Machtpositionen oder dicht davor sind, sie zu erlangen, alle im Verlauf der Handlung mindestens einmal Opfer sexueller Gewalt geworden. Daenerys Targaryen wurde, gerade als Mädchen von ihrem Bruder zwangsverheiratet, in ihrer Hochzeitsnacht vergewaltigt. Sansa Stark, die von einem Leben als Prinzessin träumte, wurde gleich mehrfach gegen ihren Willen verheiratet und schließlich vergewaltigt. Cersei Lannister, der zynischen Königin von Westeros, widerfuhr dieses Schicksal von ihrem Bruder und Geliebten.

Autor Martin, auf dessen Buchreihe die Serie basiert, rechtfertigte das gegenüber der New York Times 2014 so: "Vergewaltigung und sexuelle Gewalt gehörten zu jedem Krieg, der je ausgetragen wurde, von den alten Sumerern bis heute. Das aus einer Geschichte, in der es um Krieg und Macht geht, wegzulassen, wäre grundlegend falsch und unehrlich gewesen."

Drachen, jahrelange Winter und untote Eiskönige erschienen Martin unproblematisch, eine Welt aber, in der Männer keine Gewalt gegen Frauen ausüben, unvorstellbar.

Harry Potter und die ausgelassene Chance

Nun ist Fantasy nur auf den ersten Blick das Erschaffen fantastischer Welten, die mit der Realität ihrer Erschaffer nichts zu tun haben. Schließlich erträumt auch Harry Potter, der Junge, der bei seinen Pflegeeltern unter der Treppe haust und von seinem Stiefbruder gemobbt wird, sich nicht eine alternative Zauberwelt, in der es keine Unterdrückung und kein Leid gibt. Sondern eine Welt, die kein bisschen besser oder gerechter ist als die reale - mit dem einzigen Unterschied, dass Harry in dieser Parallelwelt kein kleiner Außenseiter ist, sondern der beste Sportler und der Auserwählte, der den Oberschurken besiegen kann.

Demgegenüber wird die Welt von "Game of Thrones" aus viel mehr verschiedenen Perspektiven erzählt. Doch längst nicht alle Figuren interessieren Autor Martin in gleicher Weise. Die fünf Bände seiner Buchreihe umfassen zusammen 348 Kapitel. 346 von diesen werden aus der Sichtweise von Adligen erzählt. Sklaven, Prostituierte - sie kommen zwar vor, aber sie erfüllen erzählerisch die gleiche Funktion wie die berüchtigten Redshirts in Star Trek: Crewmitglieder, die nur eingeführt werden, um noch in der gleichen Folge der Serie ums Leben zu kommen.

Wer nicht von edler Geburt ist, für den interessieren sich in Game of Thrones weder die Autoren noch das Schicksal. Auch die zentrale Figur des "Bastards" Jon Snow ist in der Serie von Anfang an so angelegt, dass Jon eben gerade kein unehelicher Sohn ist, sondern in Wirklichkeit der Neffe von Daenerys Targaryen. Nur so qualifiziert er sich auch dafür, über besondere Opfer eine höhere Stufe seiner Existenz zu erreichen. Wo Sansa erst in ihrem Heimatschloss vergewaltigt werden muss, bevor sie die Lady of Winterfell wird, stirbt Jon durch den Verrat von engstirnigen Kameraden der Nachtwache und wird dann wieder zum Leben erweckt.

Adlige sind Subjekte der Geschichte, der Rest sind Objekte

Nicht nur also, dass die Fantasiegesellschaft von Game of Thrones ein starres Kastensystem ohne soziale Durchlässigkeit beschreibt, die Serie erkennt Menschen "aus dem Volk" gar nicht als Subjekte an, die aus freiem Willen Entscheidungen treffen können und will deshalb auch nichts von deren Interessen, Bedürfnissen und Wünschen wissen.

Wenn man die richtige Abstammung hat, dann kann man Geschichte schreiben. Wenn man eine Frau ist, dann ist Macht immer Rache für erlittene sexuelle Gewalt. Das ist die symbolische Ordnung, die in "Game of Thrones" alle scheinbar disparaten Handlungsstränge verbindet. Diese Mischung aus griechischer Tragödie und christlichem Fegefeuer ist in den USA übrigens wesentlich populärer in großen liberalen Städten als in der christlichen Provinz.

Eine quasireligiöse Erzählung, aber nicht als Bibel, sondern mit Drachen, Zombies und schönen Aufnahmen von Dubrovnik - vielleicht ist genau das das Erfolgsgeheimnis von "Game of Thrones".

rae

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Rabirius 14.04.2019
1.
Arya wurde nie vergewaltigt und ist eine zentrale Figur. Bronn, Grey Worm und Missandei sind keine Red Shirts. Harry Potter hat sich seine Welt nicht zusammengeträumt. . . . . Dieser Text strotzt von gesundem Nichtwissen. Hat da jemand eine Abneigung gegen den popkulturellen Mainstream und wollte seinem (oder ihrem) Ärger mal Luft machen, weil auch auf den Redaktionsfluren von SPON nur noch über GoT gefachsimpelt wird?
.patou 14.04.2019
2.
Alles schön und gut, aber mehr als Adorno-Bezüge oder Martins vermeintliche Verfehlungen hinsichtlich Geschlechterfragen und Vernachlässigung der Nicht-Adligen treibt mich im Moment die Frage um, ob die Drehbuchautoren es tatsächlich fertigbringen, die beiden Langweiler Daenerys oder Jon Snow auf den Thron zu befördern, während ich mir beispielsweise Arya und Gendry wünsche. Zumal der Vorwurf, dass die sozial Benachteiligten dramaturgisches "Kanonenfutter" sind und, kaum eingeführt, schon über die Klinge springen, nicht wirklich greift in einer Serie, in der Ned Stark ganz am Anfang geköpft wird und anschließend große Teile seiner Familie gemeuchelt werden, wie auch andere adlige Protagonisten häufig ein abruptes Ende finden (Tywin, Joffrey, Baelish, Ramsay, Oberyn, Olenna, Margaery, Stannis, Viserys, Jeor Mormont, Myrcella und Tommen etc.).
patriae. 14.04.2019
3. Und das kommt heraus..
wenn irgendwelche Feministen irgendetwas überanalysieren und die heutigen gesellschaftlichen Standards bzw deren eigenen narrative zu versuchen in Fantasygeschichten zu finden, dies aber nicht können, weil ein im Mittelalter angehauchtes Universum eben solche Standards noch nicht kennt und sie anstatt einfach eine fantastische Fantasiewelt zu loben, diese kritisieren aufgrund von mangelnder Eigenschaften, die zu dieser Zeit undenkbar gewesen wären. Diesen Artikel braucht niemand, da er die komplexen Geschichten und Regeln dieses Universums in keinster Weise gerecht wird.
patriae. 14.04.2019
4. In Anbetracht der Tatsache...
wie viele starke Frauen es in diesem Universum gibt: die alte und neue Lady von Winterfell, Caitlyn wurde nie vergewaltigt. Brienne von Tart, die nie vergewaltigt wurde und die körperliche Stärke und Loyalität einer Frau darstellt. Arya, die nie vergewaltigt wurde und eine kleine, listige und fähige Kämpferin darstellt. Daenerys, die zwar in ihrer ersten Hochzeitsnacht zum Sex durch Khal Drogo gezwungen wurde, aber später daraus eine Liebesgeschichte wurde (oder war Drogo nur Mittel zum Zweck? Na?) Melisandre, die Nummer 2 von Daenerys. Die rote Hexe, die überaus mächtig ist und der man viel Respekt entgegen brachte (Stannis, Jon). Cersei die die mächtigste Frau Westeros ist (schön bevor sie am Sarg ihres Sohnes von Ihrem Bruder vergewaltigt wurde). Die Schwester Caitlyns, die Herrscherin ihres Landes ist - wurde ebenfalls nicht vergewaltigt. Ygrit, die eine angesehene Kriegerin bei den Wildlingen war. Orlenna Tyrel, die Herrscherin von Rosengarten - sehr mächtig und einflussreich - auch ohne vorherige Vergealtigung ebenso wie Margaery Tyrell die für Macht FREIWILLIG Joeffrey geheiratet hat und ebenfalls nie vergewaltigt wurde. Ihre Vergleiche hinken einfach. Nicht immer alles überanalysieren - der Artikel wird der Serie nicht gerecht.
Braveheart Jr. 14.04.2019
5. Und für alle GoT Charaktere gilt der Vierzeiler von Horaz ...
... den Alexander Pope wie folgt übersetzt hat: "Get wealth and place / if you can, with grace / if not, by any means / get wealth and place!".
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